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Red Bull X Alps: Kälte, Erschöpfung und Sprünge ins Risiko

Zu Fuß und mit dem Gleitschirm über die Alpen. Am Wochenende startet die Red Bull X Alps Tour. Zum dritten Mal geht Michael Gebert an den Start. Im Interview mit stern.de spricht er über schlaflose Nächte, wachsende Risikobereitschaft und die Fähigkeit, auch Konkurrenten zu helfen.

Am 19. Juli 2009 startet eines der außergewöhnlichsten Extremsport-Events des Jahres. Bei der Red Bull X Alps Tour werden 30 internationale Athleten in nur 21 Tagen die Alpen durchqueren. Das Rennen führt von Salzburg über Zwischenetappen wie Matterhorn und Mont Blanc bis zum Ziel Monaco. Dabei sind die Athleten Tag und Nacht nur zu Fuß und mit dem Gleitschirm unterwegs. Zum dritten Mal geht Michael Gebert an den Start. Im Interview mit stern.de spricht der Oberallgäuer über den besonderen Reiz des Wettkampfes, das Verhältnis zur Konkurrenz und den Grund, warum man seine eigenen Grenzen überschreiten muss.

Herr Gebert, welche Faszination geht von dieser Tour durch die Alpen aus? Was ist der besondere Reiz der Red Bull X Alp Tour?

Grundsätzlich geht es darum, am schnellsten zu Fuß und mit dem Gleitschirm von Salzburg nach Monaco zu kommen. Die X Alps hat eine imposante Strecke, es geht auf die höchsten Berge und zweimal über den Alpenhauptkamm. Weil die höchsten Berge überquert werden, wird das Ganze so anspruchsvoll. Dann handelt es sich um einen Wettbewerb, bei dem man körperlich voll an seine Grenzen geht. Es gibt keine vorgegebene Renneinteilung, man muss sich selber überlegen, wann und wie viel man schläft. Teilweise kommt man nur mit 2-3 Stunden Schlaf aus. Das reicht natürlich eigentlich nicht, aber wer schläft, kommt nicht weiter und die anderen Teilnehmer schlafen auch nicht. Insofern zögert man eine Rast, so weit es geht, hinaus.

Wie sieht Ihr individueller Trainingsplan aus?

Ich fange schon im Herbst oder Winter mit dem Ausdauertraining an. Später konzentriere ich mich fast ausschließlich auf das Laufen mit Gewicht. Dabei trägt man einen Rucksack, in dem entweder der Gleitschirm oder Steine zur Simulation transportiert werden. Denn der Athlet trägt während des Rennens etwa 12 kg Pflichtgepäck bei sich.

Der Etappenplan ist bereits einige Zeit vor dem Rennstart bekannt. Nutzt man diese Informationen, um sich im Voraus die ideale Route und Wettkampftaktik zu überlegen?

Es hilft sicher, wenn man die Strecke kennt. Allerdings ist es schwierig, sich eine ganz genaue Taktik zurechtzulegen, weil man nie genau weiß, zu welcher Tageszeit man an einem bestimmten Punkt der Route ist. Das entscheidende ist nämlich, ob man Laufen muss oder Fliegen kann. Der Athlet muss immer flexibel auf die Wetterbedingungen reagieren.

Geht man das Rennen deshalb eher schnell an, um so einen Vorsprung vor dem Teilnehmerfeld aufzubauen?

Es gibt die Einen, die sofort Vollgas geben und die Anderen, die es ein bisschen ruhiger angehen. Es ist schon möglich, einen Tag Abstand zu einem anderen Athleten sehr schnell wieder aufzuholen. Andererseits kann es natürlich sein, dass man mit einem Tag Vorsprung, verändertem Wetter und westlicher Position früher fliegen und damit viel mehr Kilometer machen kann. Deshalb wäre es sicher gut, nicht allzu viel Abstand aufkommen zu lassen.

Wie funktioniert die Versorgung der Teilnehmer auf der Tour?

Jeder Athlet hat einen Betreuer, den sogenannten Supporter. Mein Supporter Florian Schellheimer versorgt mich mit Nahrung, Kleidung und Routen. Außerdem gibt er mir wichtige Taktik- und vor allem Wetterinformationen. Man versucht sich immer wieder zu treffen. Es kann aber auch sein, dass man sich tagelang gar nicht sieht, wenn man z.B. über einen Berg läuft. Das ist hart und es kann sein, dass man irgendwo im Regen im Schirm schlafen muss.

Welche persönliche Entwicklung durchleben Sie bei einem Rennen unter extremen Bedingungen?

Bei der Tour merkt man erst, wie weit man wirklich an einem einzigen Tag gehen kann. Wenn ich 80 – 90 km an einem Tag mit Gepäck laufe, ist das für mich eine erstaunliche Erfahrung. Ich hätte vorher nicht gedacht, dass so etwas möglich ist. Natürlich ist es auch mental sehr anspruchsvoll. Es gibt Phasen, in denen man vormittags um 10 Uhr einfach keinen Schritt mehr gehen kann und dann passiert irgendwas – es ruft jemand an, man trifft irgendjemanden auf der Strecke – und auf einmal kann man wieder wie frisch weiterlaufen. Zusätzlich ist das Verhältnis zum Supporter sehr wichtig. Besonders zum Ende des Rennens, wenn beide wenig schlafen und körperlich absolut an der Grenze sind. Dann muss es wirklich sehr gut passen, damit man sich nicht auf die Füße tritt. Das kann ganz schnell ein explosives Gemisch geben.

Welche Stärken und Schwächen haben Sie im Vergleich mit der Konkurrenz?

Ich bin vor allem mental gut drauf, mir macht auch ein Rückschlag nicht so viel aus. Außerdem kann ich mich gut mit schlechtem Wetter abfinden. Tagelanger Regen oder ein Lauf durch einen Schneesturm kann den Athleten doch sehr stark runterziehen.

Natürlich sind aber Athleten im Teilnehmerfeld dabei, die sehr gut fliegen. Das betrifft vor allem die drei Schweizer. Sie sind Wettbewerbspiloten, die seit Jahren Wettbewerbe an der absoluten Weltspitze fliegen. Dadurch haben sie einfach mehr Erfahrung und können schneller vorwärts kommen. Das ist sicher ein kleiner Nachteil für mich.

Auf Ihrer Homepage sagen Sie, dass die härtesten Momente der Tour die ersten Minuten nach dem Aufstehen seien, wenn man sich komplett unausgeschlafen und ausgelaugt fühle. Wovor haben Sie bei den X Alps am meisten Respekt?

Meines Erachtens ist die größte Gefahr die Einschätzung des Wetters. Es gibt einfach Wetterlagen, bei denen man als Gleitschirmflieger normalerweise sagt: "Okay, da fliege ich nicht". Bei diesem Wettbewerb wird die Risikogrenze nach oben verschoben. Es ist definitiv so, dass man, wenn man oben auf einem Berg steht und nur im Ansatz meint, dort hinunter fliegen zu können, das dann auch macht. Selbst wenn man genau weiß, dass das wirklich an der Grenze zum Gefährlichen ist. Dann kommt die körperliche Belastung hinzu, gerade zum Ende des Rennens ist man sehr ausgelaugt und die Reaktionen sind stark verzögert. Der Kopf denkt immer noch relativ schnell, doch der Körper kommt bei automatisierten Vorgängen wie dem Fliegen nicht mehr richtig nach. Das ist die größte Gefahr, denn es ist eine absolute Konzentrationssache unter sehr anspruchsvollen Bedingungen zu fliegen.

Das Rennen ist nicht nur eine Tour, bei der man körperlich an seine Grenzen geht, sondern stellt auch eine Materialschlacht da. Wie weit geht die Kollegialität unter den Konkurrenten: Hilft man sich oder ist jeder Teilnehmer ein Einzelkämpfer?

Ich denke, dass man sich eigentlich schon hilft. Manchmal versucht man, zusammen anzukommen oder sich gegenseitig mitzunehmen. Häufig ist man 1-2 Tage mit einer Gruppe unterwegs. Das trennt sich oftmals genauso schnell wieder und man trifft tagelang niemanden. Es gibt sicher auch Individualisten, die sehr ehrgeizig sind und wahrscheinlich nicht anhalten würden, um einem anderen zu helfen. In der Regel ist es dennoch so, dass man sich helfen würde – wenn es nicht zu viel Zeit kostet.

Gibt es weitere vergleichbare Events, an denen Sie teilnehmen?

Nein, das ist definitiv das einzige dieser Art. Es ist mittlerweile das populärste Gleitschirmrennen schlechthin. Es gibt nichts Vergleichbares.

Interview: Katrin Sander

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