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Schneemobilpilot Caleb Moore verunglückt Wie weit darf Extremsport gehen?


Sein Tod löst eine Debatte um Extremsport aus: Schneemobilpilot Caleb Moore ist mit 25 Jahren nach einem Sturz gestorben. Der Sportsender ESPN steht in der Kritik, Risiken bewusst in Kauf zu nehmen.
Von Jens Maier

Sie riskieren bei jedem Sprung ihr Leben: Die Teilnehmer der X-Games, einer populären Extremsportveranstaltung in den USA. Immer ausgefallener werden die kunstvollen Tricks auf Motorrad, Skateboard, Skiern, Snowboard oder im Schneemobil. Höher, schneller, weiter lautet die Devise, um am Ende auf dem Siegerpodest zu landen. Viele Sportler nehmen für Ruhm und Ehre Knochenbrüche und Verletzungen in Kauf und verdrängen die Gefahr. Doch zwei Todesfälle innerhalb von wenigen Monaten haben in den USA eine Debatte um die Sicherheit des Wettbewerbs ausgelöst.

Am Donnerstag ist der 25-jährige Schneemobilpilot Caleb Moore an seinen inneren Verletzungen gestorben. Er stürzte am 24. Januar bei dem vom Sportsender ESPN veranstalteten Wettbewerb in Aspen im US-Bundesstaat Colorado. Moore verlor beim Versuch eines Rückwärtssaltos die Kontrolle über sein Gefährt. Das gut 200 Kilogramm schwere Schneemobil landete auf ihm. Moore blieb am Boden liegen, konnte dann aber ohne fremde Hilfe aufstehen und wurde vorsorglich in ein Krankenhaus gebracht. Dort erwies sich die zunächst diagnostizierte Gehirnerschütterung erst Tage später als weitaus schwerwiegender. Eine Woche nach seinem Sturz ist der junge Athlet an einer Gehirnblutung gestorben.

Moore galt als talentierter und sicherer Fahrer

Moore war ein aufstrebender Star unter den Teilnehmern des Wettbewerbs. Vier Medaillen hatte er in seiner jungen Extremsportkarriere bereits gewonnen. Er galt als furchtloser, talentierter und sicherer Schneemobilfahrer und war einer derjenigen, die den Backflip mit dem Snowmobil beherrschten. Moore habe diesen Trick "einige Male gemacht", sagt Levi LaVallee, ebenfalls Schneemobilfahrer und der diesjährige Sieger des Wettbewerbs. "Er hatte eigentlich alles getan, damit so etwas nicht passiert." Doch wie unkalkulierbar das Risiko für die Fahrer ist, zeigt sein tragischer Tod.

ESPN bedauert den Unfall und hat eine umfangreiche Überprüfung der Disziplin Schneemobilfahren angekündigt. "Auch wenn sich die Weltbesten in einer Profi-Sportart messen, bleiben immer Risiken", teilte der Sender lapidar mit. Zugleich betont ESPN, dass dies der erste Todesfall in der Geschichte der seit 1994 veranstalteten X-Games sei. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Beim Training zu den Spielen 2012 stürzte die 29-jährige Ski-Freestylerin Sarah Burke auf den Kopf und fiel ins Koma. Später starb auch sie an ihren Verletzungen.

X-Games sind ein lukratives Geschäft

Die X-Games sind für den Sportkanal äußert lukrativ. Da ESPN der Organisator ist, werden keine Lizenzgebühren fällig. Die Schweizer Zeitung "NZZ" bezeichnete den Wettbewerb als "Goldesel". Es sei einträglicher, Anlässe selber durchzuführen und sie mit der Macht des Fernsehens dergestalt zu hypen, dass bald kein Weg an ihnen vorbeiführe. Mittlerweile sind die Spiele der bedeutendste Freestyle-Sport-Event der Welt. Doch nach zahlreichen Stürzen und den beiden Todesfällen fordern Kritiker jetzt eine Überprüfung des kompletten Wettbewerbs.

"Es war nur eine Frage der Zeit, bis jemand zu Tode kommt", sagt Brent Rose, Sportjournalist der Website "Deadspin". Er und andere Kritiker werfen ESPN vor, die Sicherheit der Sportler zu Gunsten der Einschaltquote zu vernachlässigen. Mit immer spektakuläreren Sprüngen solle der Wettbewerb interessanter gemacht werden. Allein bei den in der vergangenen Woche zu Ende gegangenen Spielen mussten sechs Sportler im Krankenhaus behandelt werden, darunter auch Moores Bruder Colten, der sich eine Beckenverletzung zugezogen hatte. Es gibt kaum einen Athleten, dessen Knochen im Laufe seiner Karriere heil geblieben sind.

Veranstaltungen werden jedes Jahr rauer

"Wann ist es genug?", fragt Schneemobilfahrer Paul Thacker in der Zeitung "Denver Post". Der 36-Jährige ist seit einem Trainingsunfall 2010 querschnittsgelähmt. "Ich habe mich immer gefragt 'Wo ist die Grenze?', um im nächsten Jahr festzustellen, dass es noch rauer geworden ist", sagt Thacker. Die Veranstalter würden ihre Ansprüche immer weiter hochschrauben. "Dann passiert eben sowas." Levi LaVallee, der diesjährige Sieger, der selbst wegen zahlreicher Knochenbrüche in den vergangenen Jahren aussetzen musste, glaubt dennoch, dass die Organisatoren und Sportler aus dem Tod von Caleb Moore Konsequenzen ziehen werden. "Das ist definitiv erschreckend für den ganzen Sport", sagte er. "Das einzige, was wir jetzt machen können ist, daraus zu lernen und so etwas nie wieder geschehen zu lassen."

Im Juni werden die X-Games zum ersten Mal in Deutschland Station machen. Vom 27. bis 30. Juni 2013 finden die Sommerspiele im Olympiapark in München statt. "Die Grenzen des Möglichen (werden) jedes Mal aufs Neue auf die Probe gestellt und die Gesetze der Physik ausgehebelt", heißt es dazu auf der Homepage des Veranstalters. Das Risiko fährt weiter mit. Hoffentlich ohne Knochenbrüche und tödliche Unfälle.


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