Schwergewichts-WM Klitschko triumphiert, Fans pfeifen


Dr. Steelhammer macht Dampf: Wladimir Klitschko ist als erster Boxer seit Lennox Lewis wieder Titelträger zweier Boxverbände. Im Madison Square Garden in New York besiegte er den Russen Sultan Ibragimow klar nach Punkten - es gab allerdings Pfiffe vom enttäuschten Publikum.
Von Susanne Rohlfing, New York

Sieger lachen, Sieger reißen die Arme in die Höhe, Sieger hüpfen herum. Normalerweise. Wladimir Klitschko lacht nicht. Er lässt nur einmal sehr vorsichtig seinen Bizeps in einer angedeuteten Siegerpose aufblitzen. Und das Herumhüpfen fällt diesmal auch aus. Dabei hat der Schwergewichts-Weltmeister aus der Ukraine gerade Historisches geleistet: Als amtierender Weltmeister hat er einem anderen Champion den Gürtel entrissen. Der Ukrainer hat den Russen Sultan Ibragimow bezwungen und die Titel der IBF und der WBO vereinigt. "The unified champion Wladimir Klitschko", verkündet im legendären New Yorker Madison Square Garden Ringsprecher-Legende Michael Buffer mit sonorer Stimme. Das klingt gut, aufregend, groß. Viel größer, als der Kampf tatsächlich gewesen ist.

Ein Ziel für Klitschko war die Titelvereinigung - das hat er erreicht. Aber er wollte auch beeindrucken, vor allem die amerikanischen Fans, die ihn noch nicht als sportlichen Superstar akzeptieren. Das ist Klitschko nicht gelungen. Die 14000 Zuschauer im Madison Square Garden, in dem der Oberrang gar nicht erst besetzt worden war, verfielen nur selten in Klitschko-Klitschko-Rufe. Meistens waren sie damit beschäftigt, zu buhen und zu pfeifen. Sie langweilten sich. Und waren schnell verschwunden, nachdem Klitschko von den Kampfrichtern ein einstimmiger und klarer Punktsieg (119:110/117:111/118:110) zugesprochen worden war.

Ibragimow überraschte mit defensiver Taktik

"Ich wollte so imposant wie möglich gewinnen", gibt Klitschko im Anschluss zu, aber Ibragimow habe ihn mit seiner sehr defensiven Taktik überrascht. Drei Runden und 14 Sekunden brauchte Klitschko, um erstmals seine gefürchtete Rechte zu benutzen. Klitschko schiebt seine Probleme auf den immensen Größenunterschied zu seinem Gegner. Er, der Zwei-Meter-Hüne, habe sich ja immer so herunter beugen müssen, um seinen 15 Zentimeter kleineren Widersacher zu treffen.

"Wenn ich meine Balance verloren hätte, hätte ich wie ein Clown ausgesehen", erklärt Klitschko. Und das mag der 31-jährige Doktor der Sportwissenschaften überhaupt nicht. Er sieht gern gut aus, und er kontrolliert die Dinge gern. Nicht umsonst spielt er in seiner Freizeit Schach und Golf. Klitschko prescht nicht unüberlegt vor. Drei bittere K.-o.-Niederlagen in seiner Karriere haben aus ihm einen Musterschüler gemacht. Der Brite Lennox Lewis weiß das zu schätzen. Er war der letzte Schwergewichts-Champion, der einen Titelvereinigungskampf gewann. 1999 nahm er Evander Holyfield den Gürtel ab. Diesmal saß er als Co-Kommentator des übertragenden US-Senders HBO am Ring und war froh, dass da endlich wieder einer versucht, zum Superchampion aufzusteigen. "Wladimir hat gewonnen, das ist das Wichtigste", so Lewis. Damit sei Klitschko auf dem richtigen Weg. Und trotzdem, Lewis sagt auch: "Ich finde, Wladimir hätte den Knock-out versuchen sollen. Er hätte viel öfter die Rechte bringen müssen, er hat eine perfekte Rechte. Und ich hätte auch gern mehr Doppeljabs gesehen, mehr Kombinationen." Also eigentlich alles, was einen Boxkampf zu einem wirklichen Boxkampf macht.

Klitschkos Rechte kam nicht wie erwartet

Als Klitschko und Ibragimow sich in der ersten Runde mit ihren Führhänden abtasteten wie zwei um die Vorherrschaft in ihrer Herde kämpfende Widder mit ihren Hörnen und dabei weder den anderen in Bedrängnis noch sich selbst in Gefahr brachten, konnte man noch denken: Gut, da stehen sich zwei Weltmeister gegenüber, die fangen langsam an, aber das wird schon werden. Wurde es aber nicht. Der Respekt blieb. Bei Klitschko zumindest. Und Ibragimow fand kein Mittel, um die Reichweitenvorteile seines Gegners zu überwinden, denn der brachte sich auf flinken Beinen immer wieder gekonnt vor den wilden Angriffen in Sicherheit. "Klitschko war viel schneller als in seinen vorherigen Kämpfen", sagt Ibragimow. Und auch: "Ich habe die ganze Zeit auf seine Rechte gewartet."

Da ist es ihm gegangen wie dem Publikum, dem von einigen Superbowl-Gewinnern der New York Yankees, Bruce Willis (im schlichten T-Shirt und mit einer Wollmütze mit NYPD-Logo), Mickey Rourke und Will Farell ein wenig Glamour verliehen wurde. In den ersten Reihen saßen auch Regina Halmich, Uschi Glas und Thomas Gottschalk - eine Extra-Erwähnung vom Hallensprecher bekamen die deutschen Promis allerdings nicht. Klitschkos Trainer Emanuel Steward nahm den Weltmeister nach dem Kampf in Schutz. "Er hat gemacht, was er machen musste, du kannst eben nicht immer toll aussehen." Lewis, der einst selbst von Steward betreut worden war, meint: "Emanuel ist der Trainer von Champions, er hatte einen Plan, und an den hat sich Wladimir gehalten. Das war gut. Du musst auf den Trainer hören." Vor den letzten zwei Runden allerdings sagte Steward zu Klitschko: "Ich glaub, du kannst ihn K. o. schlagen, aber das musst du entscheiden." Klitschko entschied sich dagegen. "Er hat auf das Gefühl gewartet, die Rechte landen zu können, aber das Gefühl kam nicht", erklärt Steward.

Schadensbegrenzung mit TV-Auftritten in USA

Ein bisschen Schadensbegrenzung auf dem US-Markt will Klitschko nun in der kommenden Woche betreiben. Da stehen noch ein paar Termine in amerikanischen Fernsehshows an. Vielleicht kann er die Gunst der Amerikaner ja mit Worten gewinnen, nachdem ihm das mit Fäusten nicht gelungen ist. Sein nächster Kampf werde in der europäischen Zeitzone stattfinden, kündigt Klitschko noch an. Auf Deutschland, wo er sich fühle wie ein "Adoptivsohn", will er sich aber nicht festlegen. Als Besitzer zweier WM-Gürtel warten nun auch zwei Pflichtherausforderer auf den Ukrainer: Der Russe Alexander Powetkin und der Amerikaner Toby Thompson. "Mal gucken, wer als nächstes für einen Kampf bereit ist", sagt Klitschko. Und Lennox Lewis gibt ihm noch mit auf den Weg: "Du bist immer so gut wie dein letzter Kampf. Also sollte Klitschko sich beeilen und wieder boxen, damit wir diesen Kampf vergessen können."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker