Schwitzen auf Mallorca, Teil II Von Hungerästen und Glücksgefühlen

Zum Abschluss seiner Fitnesstage auf Mallorca wartete auf unseren Sportredakteur noch eine Herausforderung: Eine knallharte Radtour, die jedes Radler-Herz hätte höher schlagen lassen, jedes Radler-Herz...
Von Klaus Bellstedt

Marcel Iseli heißt der Mann, der mich auf meiner "Höllentour" also begleiten wird. Der Schweizer ist Sportdirektor vom Bicycle Holidays Max Hürzeler-Team in Alcudia, dem Radsport-Mekka auf der Balearen-Insel schlechthin. In der Vor- und Nachsaison ist die Region um Alcudia vom Massentourismus noch verschont und lässt sich deshalb ideal mit dem Rad erfahren.

Heute ist es zwar kühler als an den Tagen zuvor, aber das schreckt die Massen der Hobby-Radsportler nicht wirklich davon ab, die Landstraßen unsicher zu machen. Jeder Zweite fährt dabei eine Rennmaschine aus dem Hause Max Hürzeler. Der mehrfache Welt-, Europa- und Schweizer Meister organisiert mit seinem Team seit mittlerweile 20 Jahren Radsportferien auf Mallorca. Auf dem Gebiet hat der Veranstalter auf der Insel längst die Marktführerschaft übernommen.

Vom genüsslichen Ausfahren bis zum knallharten Training

Aber zurück zu Marcel. Nach einer umfassenden und auf mich zugeschnittenen Einkleidung (vom Thermo-Shirt bis zum Helm) sucht mir der Mann, der aussieht wie ein Baum, noch mein Arbeitsgerät für den Tag aus. Kenn ich doch alles noch von früher, als ich die norddeutsche Tiefebene einst mit meinem Peugeot-Rad durchquert habe. Also so viel kann sich nicht geändert haben. Dieselben Klickpedale, nur ein bisschen mehr zum Schalten hat das silberne Geschoss auf zwei Rädern. Mich treibt es auf die Straße, ich will dem Typen endlich zeigen, was ich noch draufhabe.

Der zeigt mir aber zunächst noch schnell die wirklich beeindruckende Infrastruktur der Radsportstation in Alcudia, die jetzt am frühen Mittag übervölkert scheint. Radzelt, Werkstatt, Waschstation und Verpflegungsstand sowie mehrere Hundert erstklassige Räder stehen in der Vermietung zur Verfügung. Und die wollen bewegt werden. Egal ob flach, wellig oder bergig - der Ausgangspunkt Alcudia bietet vom genüsslichen Ausfahren bis zum knallharten Training alles.

Pause nach Kilometer 40

Marcel hat uns eine leichte (so hat er die knapp 100 km lange Strecke im Vorfeld jedenfalls bezeichnet) Route ausgesucht. Er wolle mich nicht gleich überfordern. Lieb von ihm, aber gar nicht nötig. Der Fitnesscheck lief super. Gut, an den Geräten war das keine Glanzleistung. Aber Radsport hat ja nun nicht viel mit Kraft zu tun. Da kommt es auf die nötige Ausdauer an. Und die, bild ich mir ein, hab ich. Dazu mein Gewicht und die dünnen (und extra für die Tour rasierten!!!) Beine… am Berg sollte mir da so schnell keiner etwas vormachen. 'Bergfloh' nennen das die Fachleute.

Los geht’s also. Die Temperaturen sind fast schon einen Tick zu niedrig, die Windverhältnisse dagegen ideal. Marcel Iseli und ich rollen aus Alcudia heraus. Das Tempo ist niedrig und so von uns gewählt, dass wir uns problemlos unterhalten können. Das ist wirklich Radsport par excellence - die faszinierende Landschaft Mallorcas, die abwechslungsreiche Topographie, das einwandfreie Straßennetz, das optimale Klima und die einmalige Infrastruktur. Alles läuft planmäßig, einzig die enge Hose zwickt ein wenig im Schritt. "Da merkst gleich nichts mehr von." Ah ja, der Rat des Experten beruhigt doch. Mein isotonisches Getränk schmeckt auch gut, so kann es weiter gehen. Das Streckenprofil ist wellig bis leicht hügelig. Wir lassen das Örtchen Muro hinter uns und nehmen Kurs auf Sineu. Dort nach etwa 40 gefahrenen Kilometern will Marcel eine Pause einlegen. Muss gar nicht sein, denke ich. Aber bitte, wenn er meint.

Wo sind die Power-Riegel?

Dann, kurz vor dem malerischen Sineu, der erste Hügel. Marcel behält seinen Staccato-Stil bei, tritt kleine Gänge und fliegt die Steigung hoch. Ich nehme einen tiefen Schluck aus der Pulle, verschalte mich und stehe praktisch auf der Straße. Aus den Beinen kommt nichts mehr. Zum Glück machen wir gleich Halt. Beim Absteigen vom Rad breche ich fast zusammen, meine Beine - kaum noch zu spüren. Wie immer lasse ich mir nichts anmerken. Bei Wasser und cafe con leche plaudern wir angeregt. Marcel Iseli ist nicht nur ein gut trainierter, sondern auch weit gereister Mann, der viel zu erzählen hat. Von Radtouren durch Kanada oder ungewöhnlichen Fernfahrten wie Berlin - Moskau. In den zweiten Etappenabschnitt starte ich leicht ausgekühlt. Wir bolzen Tempo, um wieder auf Temperatur zu kommen. Es geht bergab, mein Minicomputer am Lenker nähert sich der 60 km/h-Marke. Soviel ist sicher: Es wird irgendwann auch wieder bergauf gehen. Mir schwant Böses. Und dann das: Aus meiner Getränkeflasche lässt sich nicht mal mehr ein Tropfen saugen. Schlagartig wird mir klar, warum die Profis bei der Tour de France gleich drei oder vier davon dabei haben. Und haben die nicht auch immer Power-Riegel in ihren Trikots versteckt? Nur so für den Notfall? Genau danach steht es mir jetzt auch. Toller Pelz, jetzt hat sich also auch noch ein eklatantes Hungergefühl eingestellt.

Beinmassage als Höhepunkt

Marcel spult weiter sein Programm runter. Ob bei mir alles ok sei, will er wissen. Natürlich, was denkt er. Nur weil ich jetzt gänzlich hab abreißen lassen müssen (so nennt man das tatsächlich im Radsportjargon) - lächerlich. Ich kann beißen Junge, das zeig ich dir schon noch. "Pass auf, jetzt wird es noch mal etwas hügeliger", brüllt er mir über die 100 Meter, die mittlerweile zwischen uns liegen, zu. Ja servus! Bis nach Alcudia sind es ja nur noch knapp 15 Kilometer, jetzt reiß dich zusammen, Klaus. Aber ich hab den inneren Kampf mit mir längst verloren. Der Mann mit dem Hammer ist nämlich plötzlich erschienen, er trägt den Namen Hungerast. Der Magen knurrt, man friert, die Beine werden schwer, der Kopf gefühllos, die Kondition fällt rapide ab. Nichts geht mehr. Oder nicht mehr viel.

Am Hinterrad von Marcel schaffe ich es dann aber doch irgendwie ins Ziel. Wie, weiß ich bis heute nicht mehr. Nach knapp viereinhalb Stunden und gefahrenen 91 Kilometern steige ich vom Rad und fühle mich sau schlecht und gleichzeitig sau glücklich. Vielleicht ist das ja die viel beschriebene Ausschüttung der Glückshormone, ja, ganz bestimmt. Den eigenen Körper mal bis an die Grenze der Belastbarkeit auszupowern ist eine einzigartige Erfahrung. In den Stunden danach sollte man aber tunlichst die nötige Zeit nehmen, um wieder zur Ruhe zu kommen. Ich erhielt dabei übrigens zum Abschluss meiner Tage auf Mallorca kräftige Unterstützung der bezaubernden Physiotherapeutin Monica. Die junge Dame aus Madrid bearbeitete meine schwer in Mitleidenschaft gezogenen Waden wie eine Göttin. Geplant war eine halbe Stunde, daraus wurden 90 Minuten. So ein bisschen habe ich mich am Abend wie der junge Jan Ullrich gefühlt.


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