HOME

Sturzpech: Tour-Tortur

Bei der Tour de France wird einem nichts geschenkt. Nach dem Massensturz auf der ersten Etappe flogen auch auf dem 204,5 Kilometer Abschnitt von La Ferté-sous-Jouarre nach Sedan die Fetzen.

Bei der Tour de France wird einem nichts geschenkt. Nach dem Massensturz auf der ersten Etappe flogen auch auf dem 204,5 Kilometer Abschnitt von La Ferté-sous-Jouarre nach Sedan die Fetzen. Mitten in der Verfolgung der beiden Ausreißer Frédéric Finot und Lilian Jegou kam es im Hauptfeld erneut zu einem schweren Sturz. Neben zahlreichen "Wiederholungstätern" erwischte es erneut die deutsche Sprint-Hoffnung Olaf Pollack vom Team Gerolsteiner. Wie schon bei seinem ersten Abflug blieb der 30-Jährige bis auf diverse Schürfwunden von schweren Verletzungen verschont.

Umfangreiche Verletztenliste

Beim Zielsprint der ersten Etappe war am Sonntag der spanische Bergspezialist Enrique Gutierrez war aus seinen Pedalen gerutscht und hatte den Massensturz ausgelöst. Die Liste der Verletzen war hinterher fast so umfangreich wie das Klassement: Für den Mitfavoriten Tyler Hamilton (USA) schien die Tour mit einem zweifach gebrochenen Schlüsselbein ebenso beendet wie für seinen Landsmann, den Vorjahres-Achten Levi Leipheimer.

"Ich hatte einen Schutzengel"

Die prominentesten Sturzopfer waren Lance Armstrong, der schon in der Tour-Generalprobe Dauphiné Libéré bergab folgenschwer zu Fall gekommen war, und der augenblickliche Spitzenreiter Bradley McGee (Australien). Beide erlitten nur leichtere Blessuren, der vierfache Tour-Sieger ein Hämatom am Gesäß und eine Schulterprellung. "Ich hatte einen Schutzengel", so McGee. Armstrong wollte den Zwischenfall herunterspielen: "Wenn es der einzige Sturz in drei Wochen bei mir bleibt, ist das nichts." Der Franzose Jimmi Casper konnte am Montag mit einer Halskrause weiterfahren, genau wie der gebürtige Berliner Andreas Klöden vom Team Telekom mit einem verpflasterten Auge.

"Die fahren ja hier alle wie um Leben und Tod"

Die sichtbaren Folgen des Sturzes beim Gerolsteiner-Kapitän Davide Rebellin sahen schlimmer aus, als die relativ leichten Verletzungen am Rücken. Das Rad des Italieners, der im Mai am Henninger Turm in Frankfurt gesiegt hatte, war zerbrochen und vom eigenen Blut besudelt. "Wie ein Kriegsschauplatz", kam Sprinter Olaf Pollack, der sein Dienstfahrzeug geschultert über den Zielstrich trug, der letzte halbe Kilometer des Rennens vor. Der Tour-Neuling vermisste besondere Rücksichtnahme der Arbeitskollegen: "So ein verrücktes Rennen habe ich noch nie erlebt. Die fahren ja hier alle wie um Leben und Tod."

Hamilton beißt die Zähne zusammen

Der Tour-König der Schmerzen auf der zweiten Etappe war Tyler Hamilton. Trotz eines doppelten Schlüsselbeinbruchs trat der kleine Amerikaner zur 2. Etappe an und schluckte die Leiden herunter. Der CSC-Kapitän, bis 2001 Helfer von Lance Armstrong, scheint besonders unempfindlich zu sein. Im Vorjahr beendete er den Giro d'Italia auf dem zweiten Rang, obwohl seine Schulter angebrochen war. Hinterher musste er sich allerdings sieben Zähne richten lassen - sie hatten dem Druck beim Zähne zusammenbeißen nicht Stand gehalten. Am Montag behauptete er seinen 8. Platz im Gesamtklassement.

"Ich weiß, wie viel er dafür gearbeitet hat, um so weit zu sein. Deshalb habe ich es ihm überlassen, zu entscheiden. Er hat am Morgen gesagt, er fährt", erklärte CSC-Teamchef Bjarne Riis, der am Abend nach dem Hamilton-Sturz Carlos Sastre schon in den Stand eines neuen Team-Kapitäns gehoben hatte. Obwohl der alternative CSC-Therapeut Ole Hartung behauptete, Hamilton könne bis Paris durchhalten, sprechen andere Beispiele eine andere Sprache.

1983 löste Laurent Fignon (Frankreich) Pascal Simon im Gelben Trikot ab, nachdem sein Landsmann in den Alpen trotz eines Schlüsselbeinbruchs tagelang vergeblich versucht hatte, durchzuhalten. 1991 verlor der Däne Rolf Sörensen das Gelbe Trikot durch Aufgabe nach einem Schlüsselbeinbruch. Mit derselben Verletzung hatte zuletzt Alex Zülle 1997 versucht, weiterzufahren. Aber auch 16 Schrauben halfen nichts: Der Schweizer musste vorzeitig vom Rad. Hamilton fuhr am Montag mit einem Spezialverband und will auch am Dienstag bei der ganz besonderen Jubiläums-Tour wieder mit von der Partie sein.

DPA

Wissenscommunity