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Jan Ullrich: Außer Tritt

Wieder scheitert Jan Ullrich bei der Tour de France am Mount Armstrong. Unbezwingbar scheint der Amerikaner. Vor allem aber fehlt dem ewigen Herausforderer die Härte - gegen sich selbst und sein Team

"Das Schlimmste ist, dass er sich gut gefühlt haben muss. Dass er am zweiten Tag in den Pyrenäen seine ganze Kraft in sich spürte, gute Beine hatte, wie die Radfahrer sagen. Und dann kam nichts. Jan Ullrich ist noch immer fassungslos über sich selbst. Er sitzt in seinem Hotel in Grignan, es ist schon spät in der Nacht, er weiß, dass er die Tour de France kaum noch gewinnen kann, er spricht mit Wolfgang Strohband, seinem Manager und Ersatzvater, und irgendwann sagt er den Satz: "Ich verstehe meinen Körper nicht mehr."

Egal, was bei dieser Tour de France noch passieren wird, ein Bild hat sich bei allen ins Gedächtnis eingeprägt. Vergangenes Wochenende, auf dem Plateau de Beille: Ein paar Meter sind es nur bis zum Ziel der 13. Etappe, dort steht eine Leinwand, und die Leute schreien vor Begeisterung. Ullrich kommt ins Bild; er quält sich einsam auf dem 7,8 Prozent steilen Schlussanstieg, den Mund weit aufgerissen, fast so, als würde auch er schreien. Vor Schmerzen. Vor Wut und Frust.

Spätestens in diesem Moment ist für ihn alles gelaufen. Oben, kurz vor dem Ziel, tritt Armstrong gerade an und lässt den letzten verbliebenen Rivalen, Ivan Basso, einfach stehen. Ullrich ist noch gut einen Kilometer weg vom Trubel um den Etappensieger Armstrong. In Wahrheit trennen sie da schon Welten. Wieder einmal.

Ullrich ist erneut gescheitert: am Tourmalet, am Plateau de Beille. Der härteste Berg für ihn aber heißt Mount Armstrong.

In diesem Jahr sind sie alle kläglich zerschellt auf ihrer Expedition, all die Mitfavoriten: Der Amerikaner Tyler Hamilton, vergangenes Jahr noch mit gebrochenem Schlüsselbein Vierter der Gesamtwertung, gab wegen Rückenschmerzen schon auf, sozusagen im ersten Basislager, ebenso der Vorjahresfünfte Haimar Zubeldia. Iban Mayo stieg bereits am Col d'Agnes, 60 Kilometer vor dem Ziel, vom Rad und musste vom Teamchef und drei Kollegen zum Weiterfahren überredet werden. Auch Roberto Heras - erbärmlich abgehängt. Angesichts dieser kollektiven Verzweiflung relativiert sich Ullrichs Einbruch. Mehr aber auch nicht. Armstrong sagt: "Ich hätte mir nie vorstellen können, dass meine Hauptkonkurrenten nach zwei Bergetappen schon verloren haben."

Natürlich, Ullrich kann in den Alpen und beim Zeitfahren am Samstag den Schaden begrenzen. Womöglich sogar eine Etappe gewinnen. Den sechsten Tour-Sieg seines großen Rivalen Lance Armstrong wird er allerdings kaum verhindern können. Die Schlussetappe wird ja gern als Défilé bezeichnet, und am Sonntag wird der ehemals schwer krebskranke Texaner mit dem Champagnerglas in der Hand auf den Champs-Elysées in die Unsterblichkeit radeln. So oft wie er hat keiner bei der härtesten Radrundfahrt der Welt gewonnen. Mit den gelben Armbändchen seiner Krebsstiftung hat Armstrong schon jetzt den Modetrend des französischen Sommers gesetzt, Armbänder so gelb wie das Siegertrikot. Das sagt einiges über sein Selbstverständnis.

Nachdem er sich erholt hat,

tritt Ullrich aus dem Teambus heraus, Fleecemütze auf dem Kopf, Sonnenbrille, ein paar deutsche Fans applaudieren aufmunternd. Er sagt: "Lance scheint unschlagbar." Er meint: dieses Jahr unschlagbar. Aber man fragt sich, ob er überhaupt je zu besiegen ist. Der Sport gebiert alle paar Jahrzehnte solche Leute, die ihre Disziplin dominieren und souverän sämtliche Rekorde brechen. Typen wie Michael Schumacher, der die Formel 1 kaputtsiegt. Typen wie Armstrong, die vor nichts Angst haben - außer vor dem Tag ihrer Niederlage.

Diese Furcht hat Ullrich nicht, jedenfalls nicht in dem existenziellen Ausmaß. Er kann damit leben, Zweiter zu werden, fünfmal war jemand schneller als er, eine Schande ist das nicht. Es ist allenfalls schade. So denkt er. Ullrich hat dieses einmalige Talent, er könnte der Beste sein, und nach zweieinhalb Wochen Tour fragt man sich, wer oder was denn nun schwerer zu besiegen ist: Mount Armstrong oder dieser Schweinehund in Jan Ullrich.

Das T-Mobile-Team

ist in diesen Tagen eine ratlose Reisegruppe - auch wenn sich der erste Schock inzwischen gelegt hat. In Lourdes, im etwas schäbigen Foyer des Ibis-Hotels, sagt Teamchef Walter Godefroot noch, er könne ja in die Kirche gehen und eine Kerze anzünden. Die Hoffnung gibt er 24 Stunden später auf. Es vergehen die Tage, es bleiben die Fragen.

Natürlich gibt es Deutungsversuche. Auf den Gipfeln der Pyrenäen, unten in den Tälern, in den Mannschaftshotels - immer ist vom schlechten Wetter die Rede, das Jan Ullrich nicht mag. Oder von der Erkältung, mit der er zur Tour reiste. Er hat eine Woche lang ein Antibiotikum genommen, seine Leistung auf den garstigen Flachetappen hat das aber nicht beeinträchtigt. "Er ist gut über die Pflastersteine bei Roubaix gekommen", sagt Teamarzt Lothar Heinrich, "aus medizinischer Sicht gibt es keine Erklärung."

Die Fragen sind jedes Jahr dieselben: Ist Ullrich schlecht vorbereitet? Ist sein Stil, in hohen Gängen mit der großen Übersetzung zu fahren, schlicht falsch? Er hat offensichtlich in den Bergen keine Chance, auf diese Art die Tempowechsel und Antritte von Armstrong zu kontern. Ist er also zu unflexibel? Wer sich bei Ullrichs Kollegen, Freunden und Vertrauten auf die Suche nach Erklärungen macht, trifft Menschen, die erst mal tief seufzen, bevor sie sich um eine Antwort mühen. Strohband zum Beispiel sagt, er habe schon oft mit Jan darüber diskutiert, seinen Stil zu ändern: "Er fühlt sich damit nicht wohl. Was wollen Sie da machen? Selbst seine Mutter sagt, er sei ein typischer Mecklenburger Sturkopf."

Man würde Jan Ullrich gern verstehen. Aber er macht es einem nicht leicht. Vor ein paar Wochen, da saß ein gut gelaunter Ullrich in seinem Garten in Scherzingen am Bodensee, ein Mann, dessen Optimismus so überzeugend wie ansteckend war. Er habe begriffen, was es bedeute, Profi zu sein und Verantwortung zu tragen; was es verlange, endlich die Tour zu gewinnen - auch gegen diesen schier unüberwindlichen Armstrong. Und man hat es ihm geglaubt.

Als er dann auch noch die Tour de Suisse gewann, nahm der Hype Fahrt auf, Ullrich selbst kündigte an, unbedingt die Frankreich-Rundfahrt gewinnen zu wollen; aus Hoffnung wurde Erwartung. In den Sport werden ja auch immer die Sehnsüchte unverbesserlicher Romantiker projiziert; der Wunsch, dass Leichtigkeit und spielerische Eleganz über verbissenen Ehrgeiz triumphieren möge. Wahrscheinlich ist man deshalb so enttäuscht von Ullrich: weil man sich angeschmiert fühlt. Um einen Traum betrogen.

Wenn Enttäuschung ein Gesicht hat, ist es das von Rudy Pevenage. Der war selbst sportlicher Leiter im Team Telekom. Seit er im Streit die Mannschaft verließ, ist er Ullrichs persönlicher Betreuer - und fast sein ganzes Leben dreht sich um diesen Jungen. Es gibt Dinge, die einer sagt, ohne reden zu müssen. Pevenages Ausstrahlung sagt: Ich bin sauer auf Jan. Nicht etwa, weil er nicht kämpfen würde, das kann ihm keiner vorwerfen. Aber zweimal ließ Ullrich seinen Freund und eigentlichen Helfer Andreas Klöden in den Bergen ziehen, weil der in der Form seines Lebens ist. Und es klingt wie eine Kapitulation, als Ullrich sagt, im Zweifel fahre er eben für den stärkeren Mann im Team. Pevenage findet: "Das ist die falsche Entscheidung. Aber wenn Jan das so will, dann ist es eben so." Was er meint: Ein Kapitän muss Kapitän bleiben, sonst verliert die Konkurrenz den Respekt vor ihm. Armstrong wäre nicht so generös. Aber der war noch nie in so einer Situation.

Vergangenes Jahr, als Ullrich im permanent am Konkurs entlangradelnden Team Bianchi einen sensationellen zweiten Platz erkämpfte, hatte man ihm zugetraut, eine Führungsfigur zu werden. Jetzt scheint es aber doch sein Manko gegenüber Armstrong zu sein, dass ihm dieser Wille zur Rücksichtslosigkeit fehlt, die in der Weltspitze offenbar nötig ist. Teamarzt Heinrich sagt: "Das macht Jan doch aus, dass er ein fairer Sportler ist. Das ist seine Stärke. Seine Schwächen hat er nicht im Rennen, sondern eher in der Vorbereitung."

Wenn es Ullrich je schaffen will, diesen monolithischen Armstrong zu besiegen, wird er auch so leben müssen wie der Amerikaner. Für den beginnt die nächste Saison unmittelbar nach der Zieldurchfahrt in Paris, für Ullrich eher im Frühjahr. Etwa sieben Kilo hat er diesmal in zehn Wochen abgespeckt. Gesund kann das nicht sein, abzunehmen und zeitgleich das harte Aufbautraining zu absolvieren. "Bislang", sagt Lothar Heinrich dezent, "kann ich ihm nicht beweisen, dass es anders besser laufen würde." Anders gesagt: Ullrich müsste nur mal einen Winter diszipliniert leben. Wenigstens probehalber.

Manager Strohband ist ja ein Mann voller Geduld, aber es huscht ein desperates Lächeln über sein Gesicht, als er sagt: "Als wir den Vertrag bei T-Mobile unterzeichnet haben, habe ich zu Jan gesagt, dass er jetzt drei Jahre leben muss wie ein Mönch, um als großer Sportler abzutreten. Aber Jan ist oft selber sein Problem." Und das Groteske ist: Er weiß es auch noch selbst.

Ullrich hat den Winter unter anderem damit verbracht, seine Biografie zu schreiben. Es hat ihm geholfen, seine, nun ja, charakterliche Disposition zu analysieren und zu reflektieren. Das Problem ist nur, und das bestätigen auch seine engsten Freunde, dass der Analyse nicht die entsprechende Umsetzung folgt. An jenem Nachmittag vor ein paar Wochen in Scherzingen ist Ullrich mitunter auch sehr nachdenklich. Er sagt: "Ich kann das nicht, schon im Winter mit der Lebensmittelwaage rumzulaufen. Ich bin zwar auch verbissen, aber nur sechs, acht Monate lang." So wie es aussieht, sind das mindestens vier Monate zu wenig, um den Traum vom zweiten Toursieg zu realisieren.

In Ullrichs Buch gibt es am Ende eine Stelle, an der er sich fragt, wie man ihn in einigen Jahren wohl in Erinnerung behalten wird: "Als begnadetes Talent, das es sich oft selbst schwer machte, sich aber immer wieder zusammenriss und am Ende einzigartige Erfolge errang. Oder als schlampiges Genie, das es viel zu selten verstanden hat, seine außergewöhnliche Begabung in unvergessliche Siege zu verwandeln." Leute, die ihn mögen, werden ihm wünschen, dass die Tour 2004 darauf nicht die Antwort gewesen ist.

Markus Götting

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