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Tagebuch vom 4./5. Juli: Noch einmal 40 Stunden rauschhaftes Segeln

Unter Deck hat man das Gefühl, in einer Kutsche zu sitzen, der die Pferde durchgegangen sind, so ungestüm beschleunigt das Boot.

Unter Deck hat man das Gefühl, in einer Kutsche zu sitzen, der die Pferde durchgegangen sind, so ungestüm beschleunigt das Boot. An Deck braucht es heute nicht die freundlich anfeuernden Zurufe des Chefs, um die Crew anzuspornen. Die Jungs trimmen, dass die Grinder glühen. Und triumphierend steigen ihre "Jippeees" und "Juhuuus" jedes Mal in den verhangen-trüben Nordseehimmel, wenn die 25-Knoten-Marke überschritten wird. Die "Uca" segelt schneller als die "Titanic"mit ihren schlappen 22 Knoten fuhr.

Wie ein riesiges Surfbrett reitet das Boot immer wieder auf den Wellen, und die Crew feuert es dabei an wie ein Jockey sein Derby-Pferd. "Ja! Weiter so! Schön so! Weiter, da ist noch Leben drin!", brüllen sie und fieren und trimmen und lachen alle Unausgeschlafenheit in den Wind.

Segeln sie um einen Preis? Eine Platzierung? Nein. Sie segeln, weil es die pure adrenalin-pumpende Lust ist, das wunderbare Messen der eigenen Kräfte mit denen der Wellen und des Windes.

Aber natürlich vergessen sie die Konkurrenz nicht, das schnelle, leichte Boot des "Teams 888", das irgendwo 80, 90 Meilen hinter uns ist und aufzuholen versucht. Klar, dass wir unseren Vorsprung verteidigen. Keine Sekunde Lässigkeit oder gar Nachlässigkeit ist geduldet. Ob der Abstand vor den Konkurrenten am Ende reichen wird, um deren Rennwert-Handicap auszugleichen, wird man sehen.

Heute Abend, morgen, irgendwann werden sich die Herren Regatta-Arithmetiker und Rechenakrobaten stirnrunzelnd über gesegelte Zeiten, Vermessungsformeln und Rennwerte beugen und herausfinden, ob die "Uca" eher den zweiten oder dritten Platz in der Regatta-.Platzierung errungen hat (der erste war ja schon gewissermaßen außer Konkurrenz für die amerikanische "Zaraffa" reserviert). Egal: das Hochgefühl dieses Morgens und dieses Tags kann den 19 Seglern der "Uca" keiner nehmen. Dafür, nicht für Pokale, fahren sie aufs Meer.

Helgoland liegt querab

Um null Uhr dreißig haben wir Helgoland querab. Und um drei Uhr dreiundzwanzig segelt unser Boot ¸ber die Ziellinie in Cuxhaven. Am Steuer steht Klaus Murmann. Dreizehn Tage und knapp siebeneinhalb Stunden nach dem Start in Newport. Die "Uca" ist das schnellste Boot der Regatta.

Eine Rakete steigt in den Himmel, ein Schlepper mit Empfangskomitee rauscht heran, Champagnerkorken knallen, Hip-Hip-Hurra und dann das erste Bier am Kai. Gegenseitiges Schulterklopfen, Händeschütteln. "War gut", "schöne Reise", "danke". Und immer wieder: "Danke, Chef".

Zum Abschluss werden Bierkästen niedergemacht

Nachdem ein paar Bierkästen niedergemacht sind, laden wir endlich unsere Segelsäcke aus, damit sie per LKW direkt nach Kiel gebracht werden können. Jetzt das erste feste Land nach zwei Wochen unter den Füßen. Bekanntes, seltsam unwirkliches Gefühl. Die Bewegung des Untergrunds hört plötzlich auf. Auch die physische Nähe zu 18 anderen Männern, mit denen man auf weniger als 30 Quadratmetern zwei Wochen lang zusammengelebt hat. Plötzlich kann man einfach um die Ecke gehen. Allein. Doch man kommt noch nicht an. Die Seele segelt noch.

Und dann heißt es ein letztes Mal "Vorleine los", "los achtern". Und hinaus geht es stromauf auf die Elbe. Für Steffen Müller und Gunnar Knierim, die Erbauer der "Uca", ist es eine Abschiedsfahrt. Sie wollen sich in Zukunft gemeinsam um die Werft kümmern. Steffens Job als Boots-Kapitän endet in Hamburg. "Es ist fast so, als ob man ein Kind zur Adoption freigibt", sagt er. "Sie ist ein Boot, das für Offshore-Rennen gebaut ist, und das immer ankommen wird."

Jetzt fährt die größte Rennyacht Deutschlands im Morgengrauen langsam den vertrauten alten grauen Fluss hinauf. Hundertmal habe ich auf ihm gesegelt, hoch und runter, kreuz und quer. So viele Aufbrüche. Da roch die Elbe nach Salz und See und Abenteuer. Heute, nach 14 Tagen Atlantik, riecht sie anders. Nach Marsch und Menschen, Sommer und Land. Die Tide trägt uns nach Hause. Nach Hamburg. Langsame Heimkehr. Zu der schönsten Stadt, zu der wunderbarsten Frau der Welt.

Peter Sandmeyer

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