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Frankreich-Rundfahrt 2015: Wie ein deutsches Team den Neustart bei der Tour de France versucht

Erstmals seit Jahren tritt wieder ein starkes deutsches Radteam bei der heute startenden Tour de France an. Die Rennfahrer kämpfen um Etappensiege - und gegen den üblen Ruf ihres Sports. Der stern hat sie beim Training begleitet.

Von Christian Ewers

John Degenkolb (l) vom Team Giant-Alpecin bei der Deutschen Straßen-Radmeisterschaft in Bensheim (Hessen)

John Degenkolb (l) vom Team Giant-Alpecin bei der Deutschen Straßen-Radmeisterschaft in Bensheim (Hessen)

Der Artikel erschien zuerst im stern Nr.27/2015.

Geschwindigkeit kann ein Rausch sein, ein Schweben, im Sportwagen etwa oder auf der Skipiste, steil den Berg hinab. Geschwindigkeit kann auch die Hölle sein. Eine Tortur, die Gesichter zu Fratzen verzerrt und einen Menschen so auslaugt, dass er kotzen könnte, weil die Magensäure hochschießt und das Herz im Hals zu schlagen scheint.

Sie stehen am Straßenrand, John Degenkolb und Marcel Kittel, und japsen nach Luft. Aufgerissene Münder, Speichelfäden, die bis auf den Asphalt hinunterhängen. Zehn Sprints liegen hinter den beiden Radprofis vom Team Giant-Alpecin. Zehn Sprints unter der sengenden Sonne der Sierra Nevada, auf einer Passstraße, 2300 Meter über dem Meeresspiegel. In den Bergen Andalusiens bereiten sich Degenkolb und Kittel auf das wichtigste Rennen ihrer Karriere vor: die Tour de France 2015. "Wir dürfen es nicht versauen", sagt Kittel, als sich sein Puls etwas beruhigt hat. "Ganz Deutschland wird auf uns schauen."

Einstige große Sommerliebe der Deutschen

Die Frankreich-Rundfahrt, die am 4. Juli beginnt, ist ein großes Experiment. Die ARD zeigt erstmals seit 2007 wieder ausführlich Live-Bilder, bis zu eineinhalb Stunden täglich. Es ist der Versuch, in Deutschland eine Sportart wiederzubeleben, die lange schon im Koma liegt. Und Marcel Kittel, 27, und John Degenkolb, 26, zwei Weltklasse-Fahrer aus Thüringen, sollen die neuen Helden sein.

Einst war Radsport die große Sommerliebe der Deutschen. Sie fieberten mit, wenn Jan Ullrich in der Mondlandschaft des Mont Ventoux ums Gelbe Trikot kämpfte gegen Lance Armstrong, die Maschine aus Texas. Sie bejubelten Erik Zabels Sprintsiege, und sie verehrten auch die stillen Malocher im Team Telekom, Udo Bölts und Rolf Aldag. Ende der 90er Jahre war dieses Team die beliebteste Mannschaft des Landes - noch vor der Nationalelf und dem FC Bayern.

Götter von gestern nur noch "Doping-Schweine"

Und plötzlich die Entzauberung. Im Juni 2006, fünf Tage vor dem Start der Tour de France, wurde bekannt, dass Jan Ullrich Kunde des spanischen Doping-Arztes Eufemiano Fuentes war. 2007 folgte eine Geständniswelle: Zabel, Bölts, Aldag und zahlreiche andere ehemalige Telekom-Fahrer gaben zu, mit Medikamenten manipuliert zu haben. Auch in der zweiten deutschen Profimannschaft wurde betrogen: Stefan Schumacher vom Team Gerolsteiner wurde bei der Tour 2008 des Blutdopings überführt.

Telekom und Gerolsteiner stellten ihr Sponsoring ein. Die ARD, die jahrelang aus der Perspektive eines begeisterten Fans berichtet hatte, wendete sich ab. Und das Publikum wurde zornig. Die enttäuschte Liebe schlug in Sarkasmus um; bei Radrennen wurden Plakate mit aufgemalten Spritzen und Tabletten hochgehalten - mitunter entluden sich auch Hassgefühle. Fahrer wurden bespuckt und beschimpft. Die Götter von gestern waren nur noch die "Doping-Schweine", die Betrüger der Republik.

Frankreich-Rundfahrt: Kleine Geschichte des Tour-de-France-Dopings der letzten 100 Jahre


Plakate mit Spritzen gehören zum Fan-Inventar

Diese kalte Wut ist bei vielen deutschen Fans geblieben, bis heute. Die Plakate mit den Spritzen hat Marcel Kittel schon oft gesehen; bei der Niedersachsen-Rundfahrt, bei den Cyclassics in Hamburg, sie gehören mittlerweile zum Inventar. Kittel sagt: "Ich habe oft das Gefühl, mich für etwas entschuldigen zu müssen, das ich nicht verbrochen habe. Es ist verdammt hart, sich ein bisschen Kredit zu erarbeiten."

Er sagt das mit leiser, tonloser Stimme. Dieser Kampf nagt an ihm. Kittel und Degenkolb schleppen die Last der Vergangenheit mit sich, seit sie Rennen fahren. Als die Mannschaft von Jan Ullrich im Doping-Sumpf versank, waren sie Teenager und kannten die Übeltäter nur aus dem Fernsehen. Doping ist zu ihrem Lebensthema geworden, obwohl sie nie positiv getestet worden sind. Es gibt keine auffälligen Leistungsschwankungen, keine dubiosen Ärzte im Umfeld, keine bösen Gerüchte. Nichts.

"Wir werden wieder viel erklären müssen"

Und trotzdem werden Kittel und Degenkolb diesen übermächtigen, schattenhaften Gegner nicht los: den Zweifel, dass sie ihre Siege genauso schmutzig einfahren wie die Generation zuvor. Dieses Misstrauen wird sie auch in diesem Sommer auf der 3360 Kilometer langen Tour de France begleiten. "Wir werden wieder viel erklären müssen", sagt Degenkolb. "Wie oft die Kontrolleure kommen, wer unsere Mediziner sind, wie wir trainieren. Wir werden alles beantworten, wie immer."

John Degenkolb hat sich zu einer stoischen Ruhe gezwungen im Laufe der Jahre. Kittel und er sind so etwas wie die Außenminister des deutschen Teams Giant-Alpecin, das für einen neuen, skandalfreien Radsport stehen will. Kittel sprach im November 2013 sogar vor den versammelten ARD-Sportchefs in Hamburg und warb um Sendezeit für seinen Sport. Anschließend ging er mit dem Programmchef des NDR zum Pizza-Essen. Kittel beherrscht mittlerweile einige diplomatische Tricks.

Degenkolb ist ein Wühler, drahtig, zäh

Außenminister zu sein bedeutet, viel über Strukturen und Strategien zu sprechen, über das große Ganze - und wenig über sich selbst. Dabei könnte er das durchaus, und auch John Degenkolb hätte viel zu erzählen. Degenkolb ist zurzeit in der Form seines Lebens. Im Frühjahr hat er die beiden Klassiker Mailand–Sanremo und Paris–Roubaix gewonnen. Der letzte deutsche Sieger in Roubaix hieß Josef Fischer. Das war 1896.

Degenkolb besitzt beste Chancen, einige Etappen bei der Tour de France für sich zu entscheiden. Er liebt die Rangeleien und Raufereien im Peloton; er ist ein Wühler, drahtig, zäh. Ein Instinkt-Fahrer. Einer, der sich durchboxen kann auf Strecken mit anspruchsvollem Profil.

Was nützt härtestes Training, wenn Konkurrenz dopt?

Ganz anders Kittel: Er ist der Mann für die letzten Meter auf den Flachetappen. Ein hochgewachsener, muskelbepackter Athlet. 1,88 Meter groß, 85 Kilo schwer. Zu wuchtig für die Berge, aber in der Ebene einer der weltbesten Sprinter. Wenn er von seinen Teamkollegen perfekt in Position gefahren wird vor dem Schlussspurt, ist er kaum zu stoppen. In den vergangenen beiden Jahren hat er acht Tour-Etappen gewonnen.

Für die Tour stählen sich Kittel und Degenkolb drei Wochen lang in der Sierra Nevada. 110 Stunden im Sattel, mehr als 2000 Kilometer durch eine steinige, sonnenverbrannte Berglandschaft. Sie übernachten in einer spartanischen Unterkunft, mehr Kaserne als Hotel. Abends ein bisschen Playstation, ein paar SMS an Familie und Freunde und am nächsten Morgen wieder Kilometer fressen. Tagein, tagaus.

Doch was nützt das härteste Training, wenn die Konkurrenz dopt? Wie sauber ist der Radsport heute? "Ich weiß es nicht. Solche Fragen schiebe ich weg", sagt Degenkolb. "Ich schau auf mich. Mehr kann ich nicht tun", sagt Kittel. Auch das ist Teil ihres Erfolges: ausblenden, verdrängen, weitermachen. Nicht paranoid werden. Nicht hinter jedem
Triumph der Konkurrenz einen Betrug wittern.

Skandal 2006 hat Szene nur kurz durchgeschüttel

Wobei es begründeten Anlass zu Skepsis gäbe. Die Serie von Dopingfällen reißt nicht ab im Radsport; der Skandal 2006 hat die Szene nur kurz durchgeschüttelt. Alberto Contador aus Spanien, dem erfolgreichsten Rennfahrer der vergangenen Jahre, wurden die Siege bei der Tour de France 2010 und beim Giro d’Italia 2011 aberkannt wegen Dopings mit dem Kälbermastmittel Clenbuterol. Das kasachische Team Astana, Favorit auf die Team-Wertung bei der diesjährigen Tour, fiel 2014 durch vier Dopingfälle auf.

Zudem soll die Mannschaft mit dem umstrittenen Mediziner Michele Ferrari, Spitzname "Dottore Epo", zusammengearbeitet haben. Der versorgte schon Lance Armstrong mit Stoff. Angeführt wird das Team Astana vom Manager Alexander Winokurow, dem als Rennfahrer bei der Tour 2007 Doping mit Fremdblut nachgewiesen wurde.

Keine Verbindungen zu alten Seilschaften

112 Radprofis waren im Jahr 2014 wegen Dopingvergehen gesperrt. 26 Athleten betrogen mit dem Hormon Erythropoetin (Epo), das die Sauerstoffaufnahmefähigkeit des Blutes erhöht.

Die Mannschaft von John Degenkolb und Marcel Kittel ist jung. Es gibt keine offensichtlichen Verbindungen zu den alten Seilschaften, zu diesem verschworenen Männerbund, in dem viele mit Medikamenten nachhelfen und alle darüber schweigen. Einzig Rudi Kemna, einer der Sportlichen Leiter, hat eine befleckte Vita. Er hat zugegeben, 2003 Epo gespritzt zu haben. Damals gewann er die holländische Straßenmeisterschaft.

Iwan Spekenbrink war 32 Jahre alt, als er 2008 die Führung des Teams übernahm. Er ist nie professionell Rad gefahren; der Niederländer kam als Quereinsteiger zu seinem Job. Er hatte zuvor Sportmanagement und Marketing an einer Fernuniversität studiert.

"Probieren alles, was legal ist"

Es spricht viel dafür, dass Spekenbrink es ernst meint mit dem Anti-Doping-Kurs. Dass es mehr ist als eine PR-Nummer - wie bei so vielen Radteams. Er rekrutiert seine Fahrer mit Bedacht, lässt sich Blutprofile und Trainingsdaten vorlegen, wertet sie gemeinsam mit Sportwissenschaftlern aus; er sucht nach Auffälligkeiten, nach plötzlichen Leistungssteigerungen und ebenso abrupten Einbrüchen - oftmals ein Indiz für Manipulationen.

Der Teamchef weiß, dass ihm auch gewissenhafte Analysen keine sauberen Sportler garantieren. "Letztlich ist es eine Vertrauenssache", sagt er. "Unser Angebot an einen Sportler ist: Wir unterstützen dich optimal. Wir probieren alles, was legal ist. Und dafür bleibst du clean."

Großteil des Budgets in Forschung investiert

Spekenbrink, dessen Team mit einer deutschen Lizenz fährt, aber in der niederländischen Stadt Deventer seinen Sitz hat, investiert einen Großteil des Budgets in Forschung. Trainingssteuerung, Aerodynamik, Regeneration, Ernährung - alles lässt er von meist jungen Experten, die gerade von der Universität kommen, neu durchdenken. Damit hat er einen mutigen Start-up-Spirit in den Radsport gebracht. Keine trainingswissenschaftliche Konvention, kein physikalisches Gesetz scheint für ihn in Stein gemeißelt. Der Niederländer will von unten angreifen, mit ungewöhnlichen, eigenwilligen Strategien.

So gibt es wohl nicht viele Radteams, die Sprints während eines Höhentrainingslagers üben lassen. Zu weit entfernt vom echten Wettkampfgeschehen - in den Bergen wird nicht gesprintet, sondern geklettert, mit kleinen, leichten Tritten. Spekenbrink jagt seine Leute trotzdem über die Gebirgssättel Andalusiens. „Ein Experiment“, sagt er. "Wir glauben, es ist ein guter Reiz für die Jungs."

"Gezwungen, viel mehr über Radsport nachzudenken"

Marcel Kittel wird immer wieder überrascht von den schrägen Plänen der Teamleitung. Er sagt: "Man wird gezwungen, viel mehr über Radsport nachzudenken. Kopf ausschalten und einfach losstrampeln, das geht hier nicht."

Iwan Spekenbrink ist ein Ehrgeizling, aber er überspannt den Bogen nicht. Er hat Geduld. Er baut seine Fahrer über Jahre auf; Marcel Kittel fährt seit 2011 für ihn, John Degenkolb seit 2012. Das ist ungewöhnlich für den nervösen Radsport, wo junge Fahrer schnell ausgetauscht werden, wenn es mal nicht läuft.

"Unsere Chance liegt in den Nischen", sagt Spekenbrink, "wir wollen die Großen ärgern und ihnen ein paar Etappen abnehmen. Mit dem Gelben Trikot werden wir am Ende nichts zu tun haben."

Streckenführung eine Verführung zum Dopen

Womöglich auch deshalb nicht, weil die Streckenführung in diesem Jahr mörderisch ist - und eine Verführung zum Dopen. Die vorletzte Etappe, einen Tag vor der Ankunft in Paris, führt noch einmal in die Berge. Hier wird über den Sieg der Tour entschieden. Es geht hoch auf den 2645 Meter hohen Col du Galibier, dann hinab auf 722 Meter nach Bourg d’Oisans und wieder hoch nach Alpe d’Huez, zum Skidorf auf 1850 Metern.

Ein Spektakel für die Zuschauer. Eine Quälerei, ein Gladiatorenkampf für die Fahrer. 19 Renntage und mehr als 3000 Kilometer mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 40 km/h stecken ihnen zu diesem Zeitpunkt schon in den Beinen. Da ist die Versuchung groß, sich ein wenig Erleichterung zu verschaffen mit verbotenen Präparaten.

Marcel Kittel ist schon froh, wenn er die Champs-Élysées in Paris erreicht. Er hat ein schwieriges Frühjahr hinter sich, er litt unter einem hartnäckigen Infekt, wahrscheinlich Pfeiffer’sches Drüsenfieber, die Labordaten sind da uneindeutig. Kittel fehlen 20 Tage Wettkampfpraxis. Vielleicht gelingen ihm in der ersten Tour-Woche, wenn die Beine noch frisch sind, ein oder zwei Etappensiege, und er kann im Fernsehen seine Geschichte erzählen. Ein bisschen Vertrauen gewinnen. Ein paar Zweifel ausräumen. Das wäre schon ein großer Sieg, sagt Marcel Kittel.

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