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Tour de France: Lasche Dopingkontrollen nähren Zweifel

Die Tour de France hat ihren ersten Dopingskandal. Zwar ist kein Fahrer positiv erwischt worden. Aber Pannen bei den Kontrollen erwecken den Eindruck, dass ein solcher positiver Fall um jeden Preis verhindert werden soll. Vor allem das Team Astana von Lance Armstrong scheint bevorzugt zu werden.

Von Tom Mustroph, Issoudun

Der Kaiser steht wieder ohne Kleider da. Vor Beginn der Tour de France hatte UCI-Präsident Pat McQuaid die Frankreichrundfahrt noch als das "am besten getestete Sportevent" angepriesen. Er hatte die "professionelle Zusammenarbeit" seines Weltradsportverbandes mit Tourorganisator ASO und der französischen Antidoping-Agentur AFLD in höchsten Tönen gelobt und auf ein intensives Kontrollprogramm mit über 500 Dopingproben hingewiesen. Doch nach der ersten Tourwoche weckt eine Verzögerung bei einer Dopingkontrolle ausgerechnet beim Team Astana alte Zweifel an der Wirksamkeit der Kontrollen und dem Willen der Kontrolleure.

Mitarbeiter der französischen Antidoping-Agentur AFLD hatten vor dem Start der achten Etappe am Samstag in Andorra bemerkt, wie UCI-Kontrolleure zunächst gemeinsam mit Vertretern des Rennstalls Astana einen Kaffee tranken und dann erst nach 55 Minuten mit den Kontrollen begannen. Der Überraschungseffekt, den diese morgendliche Kontrolle laut Antidoping-Plan haben sollte, war damit außer Kraft gesetzt. In einer knappen Stunde kann man sein Blut so verdünnen, dass eine künstliche Zufuhr von roten Blutkörperchen nicht mehr auffällt. Auch andere Parameter lassen sich in dieser Zeit manipulieren. Bereits im Frühjahr hatte Armstrong eine Dopingkontrolle der AFLD um 20 Minuten hinausgezögert und war erst duschen gegangen. Konsequenzen hatte dies nicht nach sich gezogen, obwohl Jean-Pierre Verdy, zweiter Mann der AFLD, gegenüber der Tageszeitung "L'Humanité" erklärt hatte: "20 Minuten reichen aus, um eine Infusion zu machen und die Spuren von Doping zu beseitigen. Das weiß jeder Arzt."

UCI kontrolliert lasch

Hatte damals Armstrong die Verzögerung provoziert, so scheint im jüngsten Falle die UCI verantwortlich. "Sonnabend früh ist ein Kontrolleur der UCI in unserem Hotel aufgetaucht. Die Fahrer schliefen noch. Das Hotel war ganz nah am Start. Wahrscheinlich ist der Kontrolleur deshalb so zeitig bei uns eingetroffen. Wir haben ihm gesagt, dass es wirklich sehr früh sei. Und er hat beschlossen zu warten. Das war seine Entscheidung", erzählt Astanas Teamsprecher Philippe Maertens stern.de. Er ergänzt, dass an diesem Tage die vier Spitzenfahrer seiner Mannschaft, Lance Armstrong, Alberto Contador, Andreas Klöden und Levi Leipheimer, einer Kontrolle unterzogen wurden.

UCI-Präsident Pat McQuaid streitet bei telefonischer Nachfrage den Vorfall zunächst rundheraus ab. "Es stimmt nicht, was die Medien verbreiten", sagt er stern.de. McQuaid betont, dass die UCI-Kontrollen regelkonform abliefen. Eine Verzögerung habe es aber doch gegeben, gibt er schließlich zu. "Der Raum, der für die Kontrollen vorgesehen war, war noch mit Fahrern von Saxo-Bank belegt.", erzählt er. Verknüpft man die Versionen von McQuaid und Maertens, dann kommt heraus, dass Saxo-Bank-Fahrer offensichtlich früher aufstehen können und Astana-Cracks länger schlafen dürfen.

Mangel an Professionalität

AFLD-Präsident Pierre Bordry hat die UCI ohnehin im Verdacht, einigen Teams gegenüber freundlicher eingestellt zu sein. Er konstatiert einen "Mangel an Professionalität" beim Radsportweltverband. "Wir hatten wegen dieser Sache ein Meeting mit der UCI und haben protestiert. Sie haben uns dabei versprochen, dass so etwas nicht wieder vorkommt. Jetzt müssen wir abwarten, wie es künftig läuft", sagte er der "SZ."

Der Vorfall im Novotel von Andorra-La-Vieille ist nicht die einzige Laxheit in Dopingfragen während dieser Tour de France. Nach dem Mannschaftszeitfahren in Montpellier waren die siegreichen Astana-Fahrer zunächst allesamt im Teambus verschwunden. Ein Chaperon wartete eine Viertelstunde und geleitete erst dann die Profis zur Dopingkontrolle.

Bedenklich ist, dass auch die Zusammenarbeit der verschiedenen Antidoping-Institutionen weniger eng ist als ursprünglich angekündigt. Die AFLD erhält nach Aussage von Präsident Bordry keinen Einblick in die Ergebnisse der Bluttests, die die UCI analysieren lässt. Die AFLD hatte sich bei der vergangenen Tour als innovativ erwiesen. Sie führte den Cera-Test ein, der u.a. die Bergkönige Riccardo Ricco und Bernhard Kohl sowie Stefan Schumacher als Doper entlarvte. 2008 lagen die Kontrollen komplett in der Verantwortlichkeit der AFLD. In diesem Jahr führt die französische Agentur ebenfalls die Kontrollen durch. Sie hat jedoch nur Zugriff auf die Daten der Urintests. Die Ergebnisse der Bluttests bleiben gut gehütetes Geheimnis einer UCI, deren Repräsentanten lieber mit Teammitgliedern Kaffee trinken, als einen Überraschungseffekt bei Kontrollen ausnutzen.

Ihren eigenen Zielvorgaben bleiben sie freilich treu. Nichts wollen die hohen Herren des Profiradsports mehr verhindern, als positive Fälle. Auf "eine ruhige Tour", hatte UCI-Boss McQuaid noch in Monaco gehofft.

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