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Doping bei der Tour de France? Alles schlucken, was legal ist: Ketone sind das neue Zaubermittel der Radprofis

Das Team Jumbo-Visma, hier mit dem Mann im Gelben Trikot Jonas Vingegaard
Das Team Jumbo-Visma, hier mit dem Mann im Gelben Trikot, Jonas Vingegaard, arbeitet mit einem Wissenschaftler zusammen, der die Einnahme der Ketone optimiert
© David Pintens / DPA
Doping bei der Tour de France? Im Moment kein Thema. Die Profis haben ihre Methoden verfeinert und setzen unter anderem auf Ketone, körpereigene Stoffe und vor allem: legal. Das Problem: Niemand weiß, welche Folgen eine massive Einnahme für den Körper hat.

Die Tour de France war und ist ein Ereignis, das auch in Deutschland Millionen Anhänger fasziniert. Als sich die Fahrer am Donnerstagnachmittag in Alpe d'Huez den Berg hinauf quälten, fieberten durchschnittlich 1, 5 Millionen Zuschauer am TV mit und ließen sich von den ARD-Kommentatoren Florian Naß und Ex-Rennfahrer Fabian Wegmann den Mythos der prestigeträchtigsten Tour-de-France-Etappe erklären.

Ein beherrschendes Thema der vergangenen Jahre ist aber nahezu abwesend: Doping. Seit sieben Jahren ist kein Fahrer deswegen von der Tour ausgeschlossen worden, seit 18 Monaten wurde kein Profi der World Tour überführt, der höchsten Rennserie des Radsport-Weltverbandes UCI (die Tour gehört dazu).

Eine saubere Tour der France ist eine Illusion

Ist die Tour also mittlerweile sauber? Wohl eher nicht. Europol führte vor der Tour 14 Durchsuchungen in sechs Ländern beim Team Bahrain-Victorius durch. Auch im vergangenen Jahr ließ die zuständige Staatsanwaltschaft in Marseille das Team in den Pyrenäen filzen. Die Ergebnisse der Untersuchungen stehen aus. Berechtigte Zweifel an einer sauberen Tour darf man auch haben, weil einige Ärzte und Team-Funktionäre, die schon in den Epo-verseuchten 90er- und Nullerjahren aktiv waren, auch heute dem Radsport-Zirkus angehören.

Dennoch hat sich offenbar etwas verändert – zum Besseren. Die "Neue Zürcher Zeitung" fasste ihre Beobachtungen zur Tour de France so zusammen: "Doping ist nicht besiegt. Die Zahl der Betrüger ist gesunken, doch diese sind raffinierter geworden."

Der deutsche Anti-Doping-Experte Professor Fritz Sörgel bestätigte gegenüber stern.de, dass sich die "Tests auf einem hohen Niveau" befinden und die Kontrollen besser seien. Dennoch ist davon auszugehen, dass klassisch weiter gedopt wird, nur eben in sehr kleinen Dosen, die aber auch höchst wirksam sind. "Mikrodosieruung wird eine Rolle spielen", glaubt Sörgel. Ob Epo, Testosteron oder Wachstumshormone – auch in kleinsten Dosen entfalten die Stoffe ihre Wirkung und sind nur für einen kurzen Zeitraum nachweisbar. 

Die Wunder der medizinischen Forschung

Experten wie Sörgel oder der französische Anti-Doping-Kämpfer und frühere Rad-Profi Christophe Bassons halten einen anderen Trend für bedeutender: die legalen Möglichkeiten der Medizin, bis an ihre Grenzen und mit professionellen Mittel zu nutzen. In einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung sagte Bassons: "Heutzutage ist die medizinische Unterstützung wesentlich umfangreicher als früher, sodass man fast auf dem gleichen Niveau wie Gedopte fahren kann. Aber diese medizinische Unterstützung macht mir fast noch mehr Angst als Doping."

Die Teams nutzen mittlerweile viel professioneller die legale, medizinische Leistungsoptimierung. Es sei "so viel Geld im Spiel, dass man eigene Forschungen" betreibe, und Studien mit "körpereigenen Stoffe" mache, um die Leistung auf legalen Weg zu optimieren. Das Zaubermittel sind aktuell Ketone, die nicht verboten sind.

Ketone bezeichnen eine Stoffgruppe, die die Ausdauer verstärken und die Erholung beschleunigen. Sie werden in der Leber gebildet, wenn dem Körper die Kohlehydrate ausgehen und es bei Belastungen ans Körperfett geht. Sie sind die Energiereserve des Körpers.

Radsport-Weltverband warnt vor Ketonen

Ein Beispiel für den professionellen Einsatz von Ketonen ist die Mannschaft Jumbo-Visma, die aktuell mit Jonas Vingegaard den Tour-Führenden und mit Wout van Aert den besten Sprinter stellt. Die niederländische Mannschaft geht mit dem Thema offen um. Es arbeitet mit einem Wissenschafter zusammen, der die gesamte Ernährungsstrategie plant, unter anderem die Einnahme von Ketonen. Andere Teams machen aus ihrem Umgang mit dem legalen Wundermittel ein Geheimnis, offenbar will man sich nicht in die Karten gucken lassen. Oder vielleicht will man auch nicht zugeben, dass man nicht so professionell arbeitet wie Jumbo-Visma.

Das Problem: Niemand weiß, welche Folgen die übermäßige Einnahme des Stoffes auf den Körper hat. Deshalb warnt die UCI vor der Einnahme des Mittels. Das ist nett gemeint, aber solange Ketone nicht auf der Dopingliste stehen auch eher nutzlos. Ob das jemals der Fall sein wird, lässt sich nicht vorhersagen. "Körpereigene Stoffe auf die Dopiongliste zu bringen, ist schwer", sagt Anti-Doping-Experte Sörgel. Man müsse jetzt "an die Methoden ran, wie körpereigene Regulation" im Radsport betrieben werde. Vielleicht kommt es dann irgendwann soweit wie in der Formel 1, in der zahlreiche technische Tricks und bestimmte Konstruktionen an Motor und Aerodynamik verboten sind.

Quellen: "Süddeutsche Zeitung", "Sportschau", "Neue Zürcher Zeitung", "radsport-rennrad.de", "Meedia"

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