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Ullrich-Rücktritt: Letzte Ausfahrt Außenalster

Vom Ende der Laufbahn eines Superstars erwartet man einen besonderen Moment - so als würde die Welt für kurze Zeit stillstehen. Nicht so bei Jan Ullrich. Sein Abgang von der Bühne des Sports war von absurder Banalität geprägt.

Von Nico Stankewitz, Hamburg

Es war ein Auftritt aus dem Gruselkabinett. In der betulichen Umgebung des Ballsaals im piekfeinen Hamburger Interconti an der Außenalster wirkte Jan Ullrich seltsam deplaziert. Ein Hauch von Endzeitstimmung lag unter den prächtigen Kronleuchtern, so als würde hier eine Epoche zu Grabe getragen. Die Spannung unter den Journalisten hielt sich in Grenzen, ziemlich jeder hier im Saal wusste, dass Deutschlands einziger Tour-de-France-Sieger hier und heute seinen Rücktritt vom aktiven Sport erklären würde.

Verbittert und verzweifelt, wie ein bockiger kleiner Junge, dem man das Spielzeug weggenommen hat, verlas Ullrich zu Beginn einen kaum gebremsten Schwall von Halbwahrheiten und unsinnigen Anschuldigungen. Lieblingsfeinde: BDR-Präsident Scharping ("einer meiner besten Kumpel"), die Verbände Swiss Cycling und UCI, die "schwarzen Schafe" unter den Medienvertretern, von denen es angeblich immer mehr gebe.

Selbstgerecht bis zum Ende

Unrechtsbewusstsein gab es keines zu hören, im Gegenteil: "Ich habe nie betrogen!“, erklärte Ullrich den verlegen mit den Füßen scharrenden Zuhörern. Der gute Wille der Journalisten war spürbar, viele im Saal hofften, dass dieser Mann, der für den deutschen Radsport so viel getan hat, sich hier mit Würde verabschieden würde. Stattdessen gab es nur volle Breitseiten gegen Kritiker: Die Klägerin in Bonn, die Ex-Leichtathletin Britta Dannenberg, wolle nur "mit dem Namen Ullrich zwei oder drei Bücher mehr verkaufen", Doping-Ankläger Professor Franke wurde in Schröderscher Manier zum "verwirrten Professor aus Heidelberg", der sich ja "selbst disqualifiziere".

Dann nach einer schon 20-minütigen Tirade erklärte der sichtlich nervöse Ullrich seinen Rücktritt vom aktiven Sport, um 11.21 Uhr war an diesem 26. Februar die Laufbahn des Radprofis Jan Ullrich nun auch offiziell beendet. Man hatte auf diesen kleinen magischen Moment gewartet, auf das leise Rauschen des Mantels der Geschichte, aber es kam so banal rüber wie der restliche Vormittag.

Wo ist der Champion?

Die großen Siegertrikots von Tour de France, Tour de Suisse und Vuelta, das deutsche Meistertrikot und das Regenbogenhemd des Weltmeisters - die Inszenierung hatte sich Mühe gegeben, hier einen großen Sportler zu präsentieren. Ein wirklicher Champion hätte sich hier anders verabschiedet - bedächtig, nachdenklich und kritisch. Auch ohne großes Geständnis hätten viele sich ein paar Momente Ehrlichkeit und Nachdenklichkeit erhofft.

Stattdessen aufgedrehtes Geschwätz und Verleugnung der Realität, Illusionen von "Sponsoren" und einem "Team Jan Ullrich". Beschämender und schmerzhafter kann ein Abgang eines ehemaligen Champions wohl kaum ausfallen. Auch wenn es schwer fällt, man kann nur hoffen, dass der große Radfahrer Jan Ullrich nicht von dem kleinen Menschen in den Hintergrund gedrängt wird. Die zu erwartenden Doping-Beweise der kommenden Tage werden nach seinem Rücktritt nicht mehr die gleiche Öffentlichkeit finden, vielleicht geht wenigstens hier das Kalkül von Ullrich und seinem zweifelhaften Beraterstab auf.

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