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VOLLEYBALL: Mit vollem Einsatz

Sie wollen mehr als nur eine gute Figur abgeben. Die deutschen Nationalspielerinnen hoffen bei der Volleyball-WM aufs Halbfinale - und auf aufregende Werbung für ihren Sport.

Es hätte ein Höllentrip werden können: wochenlang durch Asien tingeln, von den großen Nationen vermöbelt werden und dann zerstritten nach Hause fliegen. So war das in früheren Jahren, wenn die deutschen Volleyball-Damen zum Grand Prix reisten, einer Art inoffiziellen WM.

Himmlisches Vergnügen

Doch diesmal wurde die Fahrt nach Fernost im Juli und August zum himmlischen Vergnügen. Die Mädchen eilten von Erfolg zu Erfolg, wurden sensationell Dritter und heimsten 75000 Dollar ein. Ein solches Preisgeld ist für Volleyballer wie das Knacken des Jackpots. »Als wir zurückkamen, war das wie ein kleines Schweben auf 'nem Wölkchen«, schwärmt Angelina Grün. Spielführerin Béatrice Doemeland fügt hinzu: »In Asien haben wir das Siegen gelernt.« Und nun träumen sie alle zumindest vom Halbfinale der WM.

Ein junges Team

Das neue Selbstbewusstsein kommt zur rechten Zeit. Wenn an diesem Freitag die Weltmeisterschaft in Deutschland beginnt, schicken die Gastgeber keine verkrachte Zickentruppe ins Kräftemessen der 24 besten Nationen. Sondern ein junges, engagiertes Team, das seiner angeschlagenen Sportart wieder auf die Sprünge helfen möchte. Und nicht zuletzt auch deshalb sagten die Spielerinnen spontan zu, sich vom Fotografen Andreas H. Bitesnich außergewöhnlich in Szene setzen zu lassen.

Dem Volleyball fehlt das Geld

Eine Werbung in eigener Sache: Denn dem Volleyball fehlt das Geld; allein in diesem Jahr gingen mehrere Spitzenklubs Pleite. Während das schrillere Beach-Volleyball boomt, wird das anspruchsvollere Treiben in der Halle von Fernsehen und Sponsoren gemieden. Was 1972 beim olympischen Turnier hierzulande die Menschen erstmals faszinierte, hat heute im Quotenkampf keine Lobby.

Dabei ist ein Match oft atemberaubend anzuschauen - und das liegt nicht nur an den hautengen Trikots, die die Spielerinnen am Leibe tragen, sondern auch an den spektakulären Spielzügen. Die ersten drei Vorrundenbegegnungen der Deutschen sind quasi ausverkauft, 5400 Zuschauer wollen sie in Münster zum Sieg schreien.

Vorbereitung seit Mitte Mai

Seit Mitte Mai bereitet sich die deutsche Auswahl auf die Festspiele im eigenen Land vor. 80 Tage lang: Training, Testspiel, Training. Alles für die WM, die große Chance. Über 50 Stunden senden die öffentlich-rechtlichen Anstalten aus den acht Austragungsstädten; auch, weil sich der Deutsche Volleyball-Verband (DVV) mit 300.000 Euro an den Produktionskosten beteiligt. Fast alle deutschen Partien werden live übertragen. Jetzt müssen die Spielerinnen nur noch über sich hinauswachsen.

Unverbrauchte Gesichter

Hingucken lohnt. Die Zuschauer können bis zum 15. September unverbrauchte Gesichter kennen lernen - und unverbrauchte Geschichten hören. Von der baumlangen Kathy Radzuweit etwa, die aussieht wie eine Hollywood-Schönheit. Ihre Mutter schmetterte früher für die DDR, ihr Vater war kubanischer Auswahlspieler. Besser noch als in die Kamera schmollen, kann sie die Hände zum Block übers Netz schieben. Den Sprung in den zwölfköpfigen WM-Kader hat die Berlinerin geschafft; anders die erfahrene Christina Benecke, die dieses Mal nur zum erweiterten Kreis gehört.

In einen Spielrausch steigern

Die Deutschen haben nicht so furchteinflößende Haudraufs wie Russland in ihren Reihen oder so gewandte Abwehrkünstler wie China, die großen WM-Favoriten. Dafür eine ganz besondere Qualität: Sie können sich in einen Spielrausch steigern. Volleyball ist ein Sport, in dem die Emotionen alles beherrschen. Eine gute Aktion kann reichen, dass ein Team plötzlich im Angriff jede Lücke findet, in der Abwehr alle Bälle erreicht. Aktiven fällt es schwer, dieses euphorische Gefühl zu beschreiben. Man strömt einfach nach jedem Punkt zusammen, brüllt »Strike« - und spürt: Jetzt geht's rund.

Der unbewegte Trainer am Spielfeldrand

Doch eine solche Welle kann jederzeit verebben. Die sechs Spielerinnen wuseln auf engstem Raum durcheinander, kein Widersacher stört das eigene Spiel. Anders ausgedrückt: Alle Freude, aber auch aller Frust schwappt sofort über die Nebenleute. Die Stimmung schwankt ständig zwischen Versagensangst und Größenwahn - sie in der Balance zu halten ist eine Kunst. Dafür hat die Nationalmannschaft ihren Trainer Hee Wan Lee, der meist unbewegt am Spielfeldrand steht. Der Koreaner betreut die Auswahl seit 1999. Seine Ruhe, sein Glauben an ihr Können hat längst auf die Spielerinnen abgestrahlt.

»Frauen zu trainieren ist schwer«

Frauenteams, so lästern männliche Volleyballer gern, treiben jeden Coach in den Wahnsinn. Auch wenn das wie ein typisches Vorurteil klingt - Tanja Hart bestätigt schmunzelnd: »Stimmt. Frauen zu trainieren ist schwer.« So hatte die Mannschaft erst mal daran zu knabbern, dass Lee trotz seines putzigen Deutsch »uns seine Kritik nicht galant durchs Hintertürchen steckt, sondern immer sofort sagt, was Sache ist«, wie Angelina Grün erzählt. Doch die Methoden aus der Männerwelt griffen schnell.

Das Herz des Teams

Lee, 46 Jahre alt, war einst Zuspieler, einer der besten der Welt. Zuspieler sind die Regisseure im Volleyball, die Strategen. Im Fernsehen sieht man sie nur selten im Bild, dabei entscheiden sie nicht nur, wer den Ball zum Angriff bekommt, sondern auch, wie schnell und wie hoch der Ball gepasst wird. Und oft genug machen sie ihre Mitspieler an, feuern sie an. Sind sie auch das Herz des Teams.

»Alleine schafft man das nicht«

Werden die beiden deutschen Spielmacherinnen Hart und Doemeland bei der WM souverän die Bälle verteilen? Nur eine kann jeweils auf dem Feld wirbeln. Aber wenn man sie auf ihren Konkurrenzkampf anspricht, winken beide ab. »So ein Duo wie uns zwei gibt's nicht noch mal«, sagt Hart, und Doemeland, derzeit die Nummer eins, erklärt: »Jede hofft auf die andere. Alleine schafft man das nicht.«

Wenn es zum Satzende knapp wird, suchen sie mit ihren Pässen oft Sylvia Roll, die mit 29 Jahren Älteste. Vor allem aber Angelina Grün, die Hauptangreiferin, die hart wie ein Mann auf den Ball semmelt. Sie könnte zu einem Star dieser WM werden. Auch, weil sie nach einem Punkt beim Jubeln fast höher hüpft als zuvor beim Schlag.

Sie können so lieb sein

Freuen können sie sich, die Volleyballerinnen. Als der Leiter des Olympiastützpunktes Heidelberg Mitte August jeder Spielerin einen pummeligen Teddybären als Glücksbringer schenkte, seufzte es aus einem Dutzend Kehlen: »Ooooh!« Und zwei, drei flöteten: »Ist der süß!« Frauenmannschaften. Sie können so lieb sein. Muss nur der Teamgeist stimmen.

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