HOME

Uli Borowka: "Meine Kollegen tranken zwei Gläser, ich zwei Flaschen"

Uli Borowka war deutscher Nationalspieler. Und Alkoholiker. In seiner Autobiographie "Volle Pulle" erzählt er den Absturz zwischen Training und Tresen.stern.de hat mit ihm gesprochen.

Herr Borowka, Sie sind seit zwölf Jahren trocken. Konnten Sie durch das Buch mit Ihrer Vergangenheit abschließen?
Ganz abschließen kann ich nicht. Gegen die Alkoholsucht werde ich bis zu meinem Lebensende kämpfen. Durch das Buch konnte ich aber alles nochmals aufarbeiten. Das tat gut und war wie eine Therapie. Aber es geht mir immer noch nahe. Als ich das Manuskript zum ersten Mal las, bin ich für zwei Wochen in ein Loch gefallen.

Sie gehen im Buch sehr hart mit sich selbst ins Gericht. Sie beschreiben, wie Sie ihre Frau schlugen, vor dem eigenen Haus randalierten, Unmengen von Alkohol in sich hineinschütteten, am Ende auf einer Matratze im Vollrausch vor sich hindämmerten; wie sie sich gar das Leben nehmen wollten. Wie sind die bisherigen Reaktionen auf Ihre Geschichte?
Die Resonanz ist überwältigend. Mein Email-Briefkasten quillt förmlich über. Ich hätte mir nie erträumen lassen, dass ich so viele positive Reaktionen von allen Seiten bekomme. Ich muss mich nicht verstecken mit meiner Geschichte, das tut gut.

Damals fielen die Reaktionen auf Ihre Eskapaden weniger gut aus. Sie sorgten zunehmend für Negativschlagzeilen in den Zeitungen. Weshalb hat die Öffentlichkeit trotzdem nichts von Ihrer Krankheit mitbekommen?
Damals waren das Verhältnis zur Presse und das mediale Interesse ganz anders als heute. Als ich bei Gladbach war, hatten wir – wenn überhaupt – ein Fernsehteam in der Woche bei uns. Heute steht man als Profifußballer ja täglich unter Beobachtung, auch abseits des Platzes. Wir konnten immerhin noch ungestört zum Italiener essen gehen. Das hat die Presse nicht interessiert. Und so blieb meine Krankheit von den Medien unentdeckt. Und mich selbst als Alkoholiker zu outen ging auch nicht, ich gestand es mir ja selbst nicht ein. Heute rate ich jedem Spieler, der etwas zu verbergen hat, nicht damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Ob als Alkoholiker oder Homosexueller, der Druck, der dann auf den Menschen zukommt, wäre riesig – das könnte kein Mensch aushalten.

Sie beschreiben, wie Sie nach der erfolgreichen Therapie im Jahr 2000 wieder ganz von vorne angefangen haben und sich ihren Lebensunterhalt mit Kartenspielen finanzierten. Das klingt, als hätten Sie die eine Sucht durch die andere ersetzt.
Tatsächlich habe ich meine Sucht verlagert. Ich hatte damals in Berlin kein Geld, Schulden, keinen Job. Also fing ich an, in meiner Stammkneipe Karten zu spielen, um wenigstens ein bisschen Geld zu verdienen. Dass ich dabei stets nüchtern war, während meine Gegenspieler immer betrunkener wurden, verschaffte mir einen Vorteil, und ich konnte mich so immerhin finanziell über Wasser halten.

Wie oft spielen sie heute noch Karten?
Karten spiele ich nur noch sehr selten mit Freunden. Diese Sucht ist vorbei. Wenn man so will, ist das Golfspielen meine neue Abhängigkeit geworden. Ich spiele sehr gerne und bin auch ehrgeizig. Das ist aber keine Sucht, sondern nur ein Hobby.

Wie verdienen Sie heute Ihr Geld?
Ich bin selbstständig im Bereich Sportmarketing. Für Kinder organisiere ich regelmäßig unterschiedliche Arten von Fußball-Camps. Mit dem Aida-Kreuzfahrtschiff steuern wir dabei zum Beispiel verschiedene Häfen in ganz Europa an, wo wir Trainingseinheiten abhalten und gleichzeitig neue Länder erkunden.

Der Uli Borowka aus dem Buch ist sehr wütend - auf sich selbst, die ganze Welt, den Alkohol. Wo ist dieser Zorn in ihnen begraben?
Der ist verschwunden. Zusammen mit dem alten Uli Borowka, dem Alkoholiker. Ich habe nach der Therapie ganz neu angefangen und war mir bewusst, dass es ein Geschenk war, dass ich überhaupt noch lebte. Da blieb kein Platz für Zorn. Ich bin heute mit mir im Reinen. Vor allem meiner jetzigen Frau Claudia habe ich es zu verdanken, dass es mir heute so gut geht. Sie war es, die mich vor acht Jahren von der Straße geholt hat, mich bei sich aufnahm und mir den nötigen Tritt in den Hintern versetzte, mein Leben wieder auf die Reihe zu kriegen.

Weshalb wurde bei Ihnen das Trinken zur Sucht?
Ich wollte immer der Stärkste und Härteste sein. Ich trank immer am meisten, war der Letzte, der nach Hause ging. Wenn wir Abends zum Italiener Essen gingen, tranken meine Mannschaftskollegen zwei Gläser Wein, ich zwei Flaschen.

Haben Ihre Mannschaftskollegen Sie nie auf ihren Alkoholkonsum angesprochen?
Das habe ich nicht zugelassen, bei niemandem. Ich ließ keine Meinung zu, wehrte mich gegen alles. Ich fühlte mich, als hätte ich eine Ritterrüstung an. Während mir diese Rüstung im Fußball half, stark zu sein, verstärkte sie meine Sucht im Privatleben. Ich konnte sie nicht mehr ablegen.

Ihr Trainer Rehhagel wusste um Ihr Alkoholproblem, schreiben Sie. Hat er demnach eine Mitverantwortung, dass Sie Ihre Krankheit nicht früher behandeln ließen?
Nein! Mitverantwortung ist das absolut falsche Wort. Verantwortlich war nur ich selbst, sonst niemand. Im engeren Umfeld eines Alkoholikers, wie bei mir, können die Menschen nichts gegen die Sucht machen. Meine damalige Frau, enge Freunde oder der Trainer hatten keine Chance mir nur ansatzweise zu helfen. Egal, wer mich auf meine Trinkerei aufmerksam machte, er bekam von mir zu hören, dass er sich um seine eigenen Probleme kümmern und mich in Ruhe lassen soll.

Hätten Sie ohne die Alkoholkrankheit eine noch erfolgreichere Karriere gehabt? Sie hatten immerhin Angebote von Barcelona und Bayern München.
Nein. Vielleicht wäre noch ein Meistertitel oder ein Pokalsieg mehr drin gewesen, aber das wäre dann schon das höchste der Gefühle gewesen. Das Angebot von Barcelona war zwar sehr schmeichelhaft, aber ich war damals erst ein Jahr in Bremen und fühlte mich da sehr wohl. Trotz der Krankheit brachte ich ja immer meine Leistung auf dem Platz. Das täuschte über die Schwere der Krankheit hinweg. Auch wenn ich am Abend noch so viel gesoffen habe, stand ich am nächsten Morgen auf dem Trainingsplatz. Was meine Möglichkeiten betraf, war das, was ich erreicht habe, das Maß der Dinge.

Dominic Graf
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity