HOME

Roland Emmerich im Gespräch: "Ich wollte keine Stars"

Seinen neuen Steinzeit-Blockbuster "10.000 B.C." drehte Roland Emmerich mit völlig unbekannten Schauspielern in Afrika und Neuseeland. Im Gespräch mit stern.de erzählt der Regisseur ("The Day After Tomorrow") von aufregenden Landschaften und Buschmännern, die noch nie eine Dusche gesehen haben.

Herr Emmerich, Sie haben in den vergangenen Jahren Außerirdische, Riesenechsen und eine wütende Mutter Natur auf Ihr Publikum losgelassen - was brachte Sie jetzt auf Säbelzahntiger und Mammute?

Ich habe mal eine Dokumentation über Mammutjäger gesehen, die mich total fasziniert hat. Jahrelang träumte ich davon, einen Kinofilm über diese Zeit zu machen, aber irgendwie fehlte der entscheidende Kick. Da müssen mehr Viecher rein, sagte ich zu meinem Ko-Drehbuchautor Harald Kloser. Säbelzahntiger, Raubvögel. Wir haben uns hingesetzt und mal unsere Geschichte aufgeschrieben: von Mammutjägern, deren Dorf von "vierbeinigen Dämonen" überfallen wird, nämlich Reitern, die junge Frauen entführen und versklaven. Unsere Jäger müssen sie verfolgen, damit sind sie dramaturgisch perfekt schon mal auf der Reise. Ich fing schon an, Motive und Drehorte zu suchen. Vier, fünf Jahre ist das her. Und dann fiel mir zufällig ein Buch in die Hand, das mir die rettende Idee gab: "Fingerprints of the Gods."

Die Theorie eines britischen Journalisten, dass es in prähistorischer Zeit Hochkulturen gab, die durch Katastrophen ausgelöscht wurden und von denen wir gar nichts wissen...

Genau: Er sagt, dies sei eine Erklärung, weshalb es überall Pyramiden gibt. Das hat Sinn gemacht für mich. Und so werden meine Jäger am Ende mit einem Volk konfrontiert, das diese wahnsinnigen Bauwerke schafft.

Nicht sehr realistisch.

Ach, das habe ich oft gehört. Aber es geht mir ja gar nicht darum, einen realistischen Film zu machen. Ich will in meiner Geschichte einen Blick werfen auf die ersten Stufen der Zivilisation. Das sind unsere Jäger. Sie treffen erst auf Sammler und Bauern. Und dann auf diese technisch hochentwickelte Kultur - das sind, simpel ausgedrückt, im Film die Bösen. Meine Botschaft: Technik muss nicht immer gut sein.

Wieso kommt Ihre Hochkultur wie ein Haufen Steinzeit-Nazis daher?

Wir haben uns gedacht, dass so eine komplizierte Struktur wie die Pyramide eigentlich nur gebaut werden kann, wenn jemand das totalitäre System erfindet. Die Befehle müssen ausgehen von einem "Leader", bei uns eine Art Priester, und durchgesetzt werden sie von Unterlingen, die die Peitsche schlagen.

Sie selbst hatten bei den Dreharbeiten als "Leader" manchmal mehrere hundert Leute unter sich.

Ja, am Schluss, in Namibia, arbeiteten wir zuweilen mit 600 Statisten. Da haben wir auch immer größere Filmsets gebaut, vier Pyramiden zum Beispiel in verschiedenen Größen und einen gigantischen Steinbruch. Auf eine der Pyramiden führt eine 90 Meter lange Rampe zu, das war ganz schön hoch. Meine Mutter kam mich einmal besuchen, sie sagte, wir seien verrückt.

Vor Namibia waren Sie in Kapstadt und Neuseeland - wollten Sie Meilen sammeln?

Nein: Landschaften. Jedenfalls war das unsere ursprüngliche Absicht, wir suchten die aufregendsten und authentischsten Szenerien der Welt. Aber jetzt, im fertigen Film, fällt mir auf, dass die Gesichter der Menschen noch viel spannender sind. In Neuseeland die Maori... und in Afrika die verschiedenen Kulturen, das ist ja der Wahnsinn. Ich bin richtig stolz auf die Gesichter, die ich gesammelt habe.

Haben Ihre Statisten kapiert, dass sie Teil eines Hollywood-Mammutprojekts sind?

Manche wohl nicht. Auch Bezahlung war ihnen nicht wichtig, sie waren mehr am Catering interessiert. Wir haben tolle Leute kennengelernt, ganz einfache, herzliche Menschen, die uns total ans Herz gewachsen sind. Wir haben sogar mit Buschmännern gearbeitet. Grandiose Gesichter. Aber mitten im Dreh waren sie plötzlich verschwunden. Die Leute aus Namibia trösteten mich, ich sollte froh sein, dass sie drei Wochen mitgespielt hätten: Normalerweise blieben sie nur eine Woche an einem Ort. Und andere Komparsen, die wir aus Spitzkoppe mit in die Küstenstadt Swakopsmund genommen haben, wo wir den Rest des Films drehten, hatten noch nie das Meer gesehen. Hatten noch nie in einem Hotel übernachtet! Und noch nie eine Dusche gesehen. Am nächsten Morgen berichtete die Hotelleitung, dass die Gäste aus Spitzkoppe die ganze Nacht unter fließend Wasser verbracht hätten.

Unter den Gesichtern, die Sie gesammelt haben, ist nicht einziges berühmtes.

Ich wollte keine Stars! Ich habe den Studio-Bossen und Produzenten von Anfang an erklärt, ich könne mir nicht vorstellen, dass ein Jake Gyllenhaal im Steinzeit-Kostüm durch die Gegend wetzt. Das haben sie eingesehen. Also haben wir mit total unbekannten Schauspielern gedreht.

Wie kamen Sie auf Ihren Helden "D'leh"?

Ich habe Steven Strait auf dem Plakat für einen Film entdeckt, der passenderweise "Undiscovered" hieß. Wir haben auf der ganzen Welt gesucht, aber Steven - der aus Brooklyn kommt und italienischer Abstammung ist - hatte das perfekte "ethnische" Aussehen, das wir für unsere Ur-Menschen gesucht haben. Damit meine ich jene Züge, die man nicht als "typisch skandinavisch" oder "typisch arabisch" identifizieren kann, sondern die eine globale Unbestimmtheit haben, ein Mischmasch aus allen Rassen und Völkern.

Wer kam auf den Namen "D'leh"?

Ein kleiner Gag der beiden deutschen Drehbuchautoren Harald Kloser und Roland Emmerich - rückwärts gelesen, heißt es "Held".

Sprechen Ihre Ur-Typen in der amerikanischen Ur-Fassung Englisch?

Erst ließen wir die armen Schauspieler erfundene Sprachen lernen und vorsprechen, aber das hat überhaupt nicht funktioniert. Einer der Produzenten schlug vor, warum nicht Englisch, aber mit undefinierbarem Akzent? Und da kam uns plötzlich Omar Sharif in den Sinn. Er ist Ägypter, aber er spricht so viele Sprachen, dass sich alles irgendwie vermengt bei ihm. Wir haben ihn aufgenommen und die Schauspieler angewiesen, seinen Akzent zu lernen. Jetzt klingen alle wie Dr. Schiwago.

Sie haben gesagt, dass die Dreharbeiten zu "10.000 BC" die schlimmsten Ihres Lebens waren. Bislang klang es so, als hätten Sie Spaß gehabt.

Schon. Aber das Wetter! Wir hatten irres Pech. Als wir in Neuseeland ankamen, wo wir die Szenen im Jägerdorf gedreht haben, brauchten wir Sonnenschein. Es hat heftig geschneit. Und es war schweinekalt. Die Darsteller in ihren Kostümchen, die alle für afrikanische Temperaturen geschneidert waren, froren erbärmlich. Meine Crew stapfte in dicken Daunenjacken herum, aber mir war das peinlich, ich hab solidarisch ein bisschen mitgebibbert und immer nur ganz dünne Mäntel angezogen.

Aber dann führte Sie Ihre Weltreise ins schöne Kapstadt...

... wo es so schlimm geregnet hat, dass wir im Schlamm versanken. Alles wird gut, haben wir uns gesagt, wenn wir nach Namibia kommen. Dort erwartete uns Nebel. Dichter Nebel. Der brennt so gegen neun Uhr weg, versicherten mir die Einheimischen, aber mein Verdacht ist, dass sie die Produktion nur nach Namibia locken wollten. Ich weiß nicht, wie oft ich auf meine Uhr gekuckt und geflucht habe, jetzt ist doch elf - wo ist die Scheißsonne?!

Spätestens seit Ihrem Katastrophenfilm "The Day after Tomorrow" sollten Sie doch wissen, dass Wetter unvorhersagbar ist.

Wir haben 95 Prozent des Films im Freien gedreht, und tatsächlich haben alle gewitzelt, dass das Wetter sich nun bei mir rächt.

Können Sie, nach mehr als zwanzig Jahren im Filmgeschäft, wenigstens vorhersagen, ob Ihr Film ein Erfolg wird?

Was man als erstes lernt in dieser Branche, ist, dass man nichts vorhersehen kann. Und dass man irgendwann keine Kontrolle mehr hat über seine Arbeit. Du denkst, du hast einen Riesenhit in der Pipeline, und dann scheint in Deutschland die Sonne, und kein Mensch geht ins Kino. In Amerika geht keiner, wenn es regnet. Und man lernt außerdem, dass die Filme, die man am meisten bewundert, einst als Superversager galten. "Citizen Kane", "Blade Runner", das waren Flops. So gesehen, bin ich relativ entspannt.

Haben Sie das auch schnell gelernt?

Oh nein, dazu braucht man eine Menge Zeit.

Interview: Christine Kruttschnitt