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Interview

Der lustigste Mensch der Welt: Carolin Kebekus: "Unter der Gürtellinie ist komisch"

Köln, Comedy, Kebekus: Die 35-jährige Spaßmacherin kann alles. Sie rockt die großen Hallen, sie singt – und sie gibt die Rampensau. Sie sagt, "watt Jott verbodde hätt". Carolin Kebekus ist in Deutschland der lustigste Mensch der Welt.

Von Ulrike Posche und Kester Schlenz

Das kann Carolin Kebekus wirklich gut: mit rehbraunen Augen lieb aus der Kirschblüte gucken

Das kann Carolin Kebekus wirklich gut: mit rehbraunen Augen lieb aus der Kirschblüte gucken – und dann so was. Böse!

stern: Frau , wir haben uns Ihr aktuelles Programm angeschaut. Wenn wir jetzt sagen: Wir haben uns köstlich unter unserem Niveau amüsiert. Trifft Sie das?

Kebekus: Nö, überhaupt nicht.

Uns fiel auf, dass das Publikum am lautesten gelacht hat, als Sie über das Furzen philosophierten.

Ja, ist ein befreiendes Erlebnis, oder? Es ist ja so ein komisches Tabu, dass Mädchen nicht pupsen. Tun sie aber, und das riecht dann auch nicht nach Blumen. Und ich rede drüber. Manchmal denke ich auch: Hey, jetzt wird es ein bisschen zu viel. Aber mir macht es einfach total Spaß, darüber zu reden.

Das merkt man.

Ich finde, man darf über Fürze lachen. Ich meine, was gibt es Lustigeres? Da kommt Luft aus einem Arsch! Das ist doch das Witzigste, was passieren kann.

Es ist wohl eine Art Entlastungshumor.

Ja, genau Entlastungshumor! Sachen unter der Gürtellinie sind einfach die komischsten. Ich kann es nicht ändern. Sexthemen sind auch meistens lustig.

Gut, dann kommen wir mal zur Staatsaffäre: "Erdogan ist voll und ganz, ein Präsident mit kleinem Schwanz", "am liebsten mag er Ziegen ficken und Minderheiten unterdrücken" – fanden Sie das auch lustig?

Um diese Zeilen geht es für mich in der ganzen Diskussion gar nicht. Böhmermann wollte mit vorheriger Ansage aufzeigen, was erlaubt ist und was nicht.

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Der türkische Präsident verstand den Spaß nicht. Ist Böhmermann zu weit gegangen?

Klar, dass Erdogan den Spaß nicht verstanden hat, und auch mit Kritik verhält es sich ähnlich. Letztes Jahr wurde ein Student zu 14 Monaten Haft verurteilt, weil er Erdogan als Diktator bezeichnete.

In Ihrem Programm geht es auch um das Thema Youporn, Sie sagen "knattern" und fantasieren darüber, dass Sie mit zwei Männern im Bett sind.

Genau. Es gibt nur Pornos für , darum gucke ich eben die. Einen Dreier mit zwei Jungs stell ich mir allerdings sehr anstrengend vor. Wenn die einmal mit ihren Eiern aneinanderstoßen, ist doch bestimmt der Teufel los. Die Frauen im Saal schmeißen sich dann weg vor Lachen.

Weil es komisch ist, wenn ausgerechnet eine sehr hübsche junge Frau Schweinkram erzählt.

Ich glaube, viele Frauen reden so, wenn sie unter sich sind. Und ich rede halt auf der Bühne darüber.

Das Rheinische poliert den Schrecken. Sogar das Versaute klingt bei Ihnen niedlich.

Ja, das Kölsche ist natürlich noch mal ein Vorteil.

Manchmal halten Sie aber auch inne und sagen: Jede zweite Frau in diesem Saal kennt sexuelle Belästigung in irgendeiner Form.

Ja, so ist es auch. Unglaublich, oder? Solche Themen beschäftigen mich eben auch, es geht bei meinem neuen Programm "Alphapuss" ja nicht zwei Stunden nur ums Furzen.

War die Aufregung über die sexuellen Übergriffe in Ihrer Heimatstadt übertrieben?

Natürlich nicht! Allerdings habe ich mich schon gewundert, wer da plötzlich alles die Frauenrechte entdeckt hat. Dass ausgerechnet die durch Köln gelaufen sind und irgendwelche Leute verprügelt haben, weil sie dachten, wir müssen jetzt mal unsere deutschen Frauen schützen, das ist schon absurd. Aber eines ist klar: Die Tatsache, dass so viele Frauen da sexuell belästigt wurden, ist natürlich eine Katastrophe.

Sie haben sich darüber empört, dass viele der Übergriffe gar nicht als Straftat angesehen wurden.

Ja. Der Diebstahl des Handys war die Straftat. Dass da nebenbei Frauen begrapscht wurden, das war dann halt das Mittel zum Zweck. Kaum zu glauben, aber vom deutschen Recht ist Begrapschen nicht abgedeckt, und sexuelle Belästigung ist offiziell kein Strafbestand. Ein Bekannter musste mal aussagen, als eine Freundin von ihm angegriffen wurde. Er war gar nicht dabei, der war nur vorher mit ihr Cocktails trinken. Er musste dann aussagen, wie viele sie intus hatte.

Die Kritik an der allgegenwärtigen Herabwürdigung von Frauen ist eines Ihrer Kernthemen.

Absolut. Ich bin ja auch Feministin. Das geht ja gar nicht anders.

Aber Sie werden auch von Feministinnen kritisiert.

Ich glaube, es gibt viele Arten, Feministin zu sein. Man kann es nicht allen recht machen. Ich glaube, es braucht einen neuen Ansatz, damit auch junge Frauen sagen: Doch natürlich bin ich Feministin. Man darf bei dem Wort nicht gleich denken: Ach, du Scheiße, jetzt hat sie sich nicht rasiert und so.

Sie halten auf der Bühne auch mit sehr hohen Schuhen dagegen.

Muss doch jede selber wissen, ob sie Lust darauf hat. Ich wurde mal in einem Interview gefragt: Sie sagen immer so feministische Sachen, aber Sie haben doch selber Nagellack drauf?

Und was haben Sie geantwortet?

Das war mal eine der seltenen Gelegenheiten, bei der mir nichts mehr einfiel.

Wie dürfen wir diese Ankündigung von Ihnen verstehen: "Ich muss an diesem Körper arbeiten, ich muss fickbar bleiben. Fett und lustig, das kann jeder"?


Das ist eine Aussage aus einer Szene, die ich in der ZDF-"Anstalt" gespielt habe. Das muss man natürlich im Zusammenhang sehen, aber grob gesehen geht’s darum: Natürlich kenne ich diesen Druck, gefallen zu müssen, selber. Und darüber rede ich ja auch auf der Bühne. Ich habe auch das Gefühl, es gibt immer neue Sachen an einem Frauenkörper, die plötzlich Scheiße sein sollen.

Wenn beispielsweise zwischen den Oberschenkeln keine Lücke ist.

Genau. Das ist jetzt aktuell so ein neues Ding. Wir Frauen dürfen uns offenbar nie sicher fühlen. Kaum haben wir uns den Arsch weggehungert, da kommt Kim Kardashian mit ihrer Riesenkiste. Und dann ist das plötzlich wieder sexy.

Hilft da Selbstironie?

Absolut. Wir Frauen müssen über uns selber lachen, um manche Absurdität offenzulegen.

Sie gelten mittlerweile als die lustigste Frau des Landes. Eine Art Klitschko der Comedy-Szene, allerdings ungeschlagen.

Cool!

Und?

Das ist schön, das ist super. Ich freue mich, dass ich meinen Beruf machen kann, dass so viele Leute kommen. In waren gerade 4000 Leute – das ist unfassbar! Aber dass das nicht immer so sein wird, das ist mir völlig klar. In ein, zwei Jahren wird das wohl anders sein. Das geht auf Dauer gar nicht – die Kunst, die ich mache, ist gar nicht ausgelegt auf so viele Zuschauer.

In Köln werden Sie dennoch im Herbst an zwei Abenden vor jeweils 14.000 Leuten auftreten.

Klar, das ist ja meine Heimatstadt. Und viele Leute sagten mir dauernd: "Oh nein, jetzt habe ich die wieder nicht gesehen, es war wieder ausverkauft." Da habe ich gesagt: "Komm, das machen wir jetzt mal in der Arena." Erst war es ein Termin. Und dann war der so schnell voll, dass wir einen zweiten brauchten. Auf diese beiden Tage freue ich mich natürlich, wird aber sicher auch ein hartes Stück Arbeit!

Atze Schröder hat gesagt, dass man es genau merkt, wenn man das Publikum mal verliert.

Das stimmt. Es gibt ja so etwas wie eine Art Energieband zwischen dem Künstler auf der Bühne und dem Publikum. Es ist aber schwer, dieses Band die ganze Zeit straff zu halten! Manchmal wird es dünner, dann merkst du, du hast die Erzählkurve falsch angeschnitten oder das Tempo an der falschen Stelle rausgenommen, oder es passiert dir, dass du während des Erzählens plötzlich einen anderen Gedanken hast, der aber nicht funktioniert – da verlierst du das Publikum ganz schnell.

Das ist ja richtiger Comedy-Stress!

Ja, aber es ist natürlich auch irgendwie guter Stress. Und wenn man diesen Beruf richtig gut beherrscht, dann kann man irgendwann auf der Bühne lustige Geschichten erzählen und in einem anderen Teil des Gehirns noch die Einkaufsliste für zu Hause durchgehen: "Ah, wenn ich nachher im Hotel bin, dann muss ich dran denken, dass ich unbedingt noch ...".

In Ihrem Leben hat immer alles geklappt. Da ist es immer nur bergauf gegangen, richtig?

Ja, grundsätzlich bin ich schon so ein bisschen ein Glückskind. Aber es gab auch Flops. Ich habe unheimlich viele unerfolgreiche Sendungen gemacht. Da kann sich zum Glück aber keiner mehr daran erinnern. Auch auf der Bühne habe ich versagt, ohne Ende. Aber ich hatte das Glück, dass ich dabei nicht beobachtet wurde. Und das war für was gut: Ich konnte meinen Weg gehen.

Der Standort Köln spielte auf diesem Weg offenbar auch hier eine große Rolle.

Ja, ich glaube, Köln hat da viel geholfen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich in Würzburg oder Bremen diese Karriere gemacht hätte. Das waren schon der Karneval und die Gaby Köster, die mich drauf gebracht haben, dass auch Frauen lustige Sachen erzählen können.

Gaby Köster war Ihr Vorbild?

Ja, das war die allererste Frau, die ich mit elf oder zwölf als witzig wahrgenommen habe. Ich konnte einige Nummern von ihr auswendig, die musste ich bei Geburtstagen immer der Familie vorspielen. Nach Gaby Köster gab es lange nichts. Und dann kam natürlich Anke Engelke! Eine Offenbarung! Für mich ist da so eine Tür aufgegangen, und ich dachte: Ach, das geht also! Die ist ganz selbstverständlich in diese Männerdomäne gegangen und hat einfach mitgehalten.

Anke Engelke konnte derb sein, respektlos vor jedem Tabu.

Ja und sie hat sich über sich selber lustig gemacht und Mut zur Hässlichkeit gezeigt.

Männer wie Jürgen von der Lippe und Hugo Egon Balder behaupten, sie hätten Sie gefördert.

Stimmt auch, haben sie. Danke, Jungs!

Existieren Frauenseilschaften in Ihrer Branche nicht?

Frauen sind ja generell beruflich unheimlich schlecht vernetzt. Ich weiß nicht, warum das so ist. Bei Männern ist das total anders. Die schustern sich untereinander was zu, die reden auch offen über das, was sie verdienen. Bei Frauen ist es eher so: Wir mögen uns alle, und alles ist super, aber lass uns nicht über Stressiges reden.

Harmoniesucht statt Ehrgeiz?

Ja, lieber alles ist easy. Ich habe viel darüber nachgedacht, und ich glaube, es ist dieses weibliche Grundbedürfnis, dass einen irgendwie alle lieb haben sollen. Ich sehe das bei mir selber. Ich bin erfolgreich. Ich bin Geschäftsfrau.

Eine "Business Bitch"!

Nein, ich hasse ernste Business-Gespräche, bei denen ich manchmal auf den Tisch hauen und sagen müsste: "Ich bin hier der Chef, und ich will, dass es so läuft." Ich kann das nicht. Und deshalb habe ich jetzt Männer, die ich dafür bezahle, dass sie das für mich machen. So geht das aber eigentlich nicht.

Wir haben drüber geredet, über was Sie lachen können. Worüber können Sie weinen?

Über den Tod. Vor zwei Jahren ist meine Oma mit 84 gestorben. Ich hätte nicht gedacht, dass mir das so den Boden unter den Füßen wegzieht. Trauer kannte ich davor überhaupt nicht

Werden Sie eigentlich noch zu Familienfeiern und Freundinnen-Geburtstagen eingeladen?

Ja, natürlich. Wir treffen uns zu Weihnachten und zum Karneval. Ich glaube, ich habe zehn Cousinen und Cousins. Wir sind eine richtige Macht!

Haben Ihre Cousinen nicht Angst, dass sie in Ihrer nächsten Show verbraten werden?

Nö. Es gibt ein paar Geschichten aus dem Freundes- und Familienkreis, die ich in mein Programm eingebaut habe. Die habe ich aber immer vorher gefragt und alle Namen geändert.

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Einige unserer Kolleginnen mögen nicht mehr öffentlich tanzen, seit sie gesehen haben, wie Sie Ihre tanzende Mutter nachmachen. Wissen Sie eigentlich, was Sie da angerichtet haben?

Bei meiner Mutter sieht das halt immer nach Arbeit aus, wenn sie tanzt. Die arbeitet da irgendwas weg. Total angestrengtes Gesicht. Mein Bruder und ich lachen uns schon seit Jahren tot darüber. Aber meine Mutter lacht selber mit, deswegen ist es okay.

Kennen Sie Selbstzweifel?

Ja. Nach einer Show denke ich oft: Ich muss da noch weiter dran arbeiten. Das geht noch besser. Ich lasse jede Show aufzeichnen und gucke mir das kritisch an. Aber ich zerfleische mich nicht. Ich will nur nicht selbstzufrieden werden.

Eine Sockelheilige des Comedy-Geschäfts ist Carolin Kebekus in Köln schon lange.

Eine Sockelheilige des Comedy-Geschäfts ist Carolin Kebekus in Köln schon lange. Dabei ist ihr selbst im Grunde gar nichts heilig. Die nächste Folge ihrer Show "Pussyterror TV" läuft am 14. Mai um 21.45 Uhr im WDR.

Was sagen Sie zu dem Vorwurf, dass Sie sich meist leichte Gegner aussuchen? Helene Fischer, Heidi Klum?

Ja, kann man von mir aus gern sagen. Aber ich mache ja Unterhaltung. Ich habe nicht den Anspruch, ein Weltverbesserungsprogramm zu machen. Aber wer jemals mit den Helene Fischer Ultras zu tun hatte, einem ihrer Fanklubs, der weiß, was ein harter Gegner ist.

Die empfanden das als Majestätsbeleidigung?

Schlimmer. Meine Parodie beim Deutschen Comedypreis 2014 war für die Gotteslästerung.

Das hat man Ihnen früher schon mal vorgeworfen, als Sie Ihr provokantes, kirchenkritisches RapVideo "Dunk dem Herrn" veröffentlicht haben.

Genau. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, dann ist das mit den leichten Gegnern eigentlich Unsinn. Diese katholischen Kirchenschützer sind die Härtesten.

Sie haben sich ja auch schon mal mit Kardinal Meisner bei einer Pressekonferenz angelegt.

Ja, das war bei einer Bischofskonferenz in Trier, und das Oberthema lautete: "Die Rolle der Frau in der Kirche". Ich war für die "Heute-Show" da und bin hinterher zu Kardinal Meisner gegangen und habe gesagt: "Kann ich mich bei Ihnen als Päpstin bewerben?" Und dann war der Teufel los. Dabei ist das doch das Harmloseste, was man sich vorstellen kann.

Auch ein Pubertätswitz eigentlich. Was passierte?

Da stand plötzlich so ein riesiger Typ vor mir, der Pressemensch vom Bischof. Der hat mich weggezogen vom Kamerateam, und dann stand ich in der Ecke und wurde fertiggemacht. Ich wurde immer kleiner.

Offenbar ist nicht nur Herr Erdogan dünnhäutig.

Die vom ZDF waren damals sehr, sehr cool, weil die gesagt haben: "Ist uns egal, wir senden das."

Gab es auch Anfeindungen aus der rechten Szene wegen des Songs "Wie blöd du bist", den Sie auf den Sarah-Connor-Hit "Wie schön du bist" umgetextet haben?

Ja, natürlich. Drohbriefe und so was, massenhaft. Aber ich muss sagen: Die massivsten und bedrohlichsten Reaktionen kamen bisher von radikalen Katholiken. Seither habe ich auf Tourneen auch immer einen dabei, der aufpasst.

Frau Kebekus, essen Sie in Ihrem echten Leben wirklich rohes Hack mit Zwiebeln drauf?

Ja klar, ich liebe Mettbrötchen. Da könnt ich mich reinlegen.

Sind Sie eigentlich privat leicht zu erheitern?

Ich bin grundsätzlich eher ein sehr alberner Mensch. Ich bin jemand, der einfach lustig ist – jetzt nicht so als Frau, so allgemein als Mensch.

Wie bitte? "Jetzt nicht so als Frau"?

Ich höre ja immer, ich sei ’ne lustige Frau. Aber ich bin vor allem ein lustiger Mensch. Das wäre geil, wenn ihr jetzt hier im stern einfach mal sagen würdet: Die Kebekus – das ist der lustigste Mensch!