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Mission Bundestag (6): "Ich hänge die Plakate ab"

Aus, vorbei: Gottfried Ludewig ist als CDU-Kandidat im Szenebezirk Berlin-Pankow gescheitert. Was nun, Herr Ludewig? Und wie lebt es sich damit, dass ein Linker das Direktmandat gewonnen hat? Ein Gespräch über die Zeit nach der Wahl.

Wie lässt es sich an, wieder so ganz und gar als ruhiger Privatmann zu leben?
Ganz normaler Privatmann bin ich ja noch nicht. Ich bin noch immer Bundesvorsitzender des RCDS. Dafür war ich seit Mittwoch auch schon wieder unterwegs quer durch die Republik. Aber natürlich lässt sich das Leben ganz gut an, wenn man mal ein bisschen weniger Stress hat.

Häuserwahlkampf jeden Tag, Dutzende Leute um sich permanent - reist das Ende des Wahlkampfes ein Loch in Ihr Seelenleben?
Ich bin auch in Stress-Situationen immer relativ ausgeglichen. Deshalb ist auch das Wahlkampfende kein Problem für mich, zumal von vornherein klar war, dass der Wahlkampf am 27. September endet. Nach all den Wochen und Monaten, in denen es wunderschön, aufregend und spannend war, ist es aber auch erholsam, ein bisschen mehr Ruhe zu haben.

Waren Sie enttäuscht, dass Sie nicht das Direktmandat geholt haben?
Enttäuscht?! Nein, ganz und gar nicht. Erstmal habe ich mich sehr darüber gefreut, dass schwarz-gelb eine Mehrheit im Bund bekommen hat und unserem Land eine Diskussion über eine rot-rot-grüne Regierung erspart bleibt. Das sah ja doch in der letzten Woche knapper aus, als das Wahlergebnis am Ende war. Zweitens haben wir in Pankow entgegen dem Bundestrend an Stimmen zugelegt. Der Abstand ist jetzt nicht mehr 25 Prozentpunkte zwischen den Parteien sondern nur noch 10 Prozent. Insofern war ich nicht enttäuscht.

Haben Ihre Freunde und Helfer gratuliert - oder kondoliert?
Ich merke, dass Sie meine Freunde und Helfer nicht kennen. Bisher wurde mir von allen gratuliert zu einem anständigen Ergebnis in einem schwierigen Wahlkreis.

Haben Sie denn wirklich gehofft, es zu schaffen? Oder war Ihnen ohnehin klar, dass Sie es nicht schaffen werden?
Es war eine große Anspannung vor dem Ergebnis. Ich habe eigentlich gar nichts mehr gedacht oder gehofft. Ich habe mich nur noch gefreut, endlich die Zahlen in der Hand zu haben und nicht mehr zu spekulieren. Wir waren einfach erleichtert und haben wunderschön gefeiert bei der Wahlparty der CDU-Pankow.

Wird es denn eine zweite Mission Bundestag für Sie geben?
Jetzt werden wir erst einmal die nächsten vier Jahre richtig Gas geben in der CDU-Pankow. Wir sind von einem Außenseiter zu einem wirklichen Mitspieler geworden. Ein Prozentpunkt trennt uns noch von den Zweitstimmen der SPD. Wir werden also sehr viel Energie reinstecken, weiter für ein anderes, ein frischeres Bild der CDU zu arbeiten. Und dann kann ich mir sehr gut vorstellen, dass ich noch mal antrete.

Dann abgesichert durch einen Listenplatz?
Wir kämpfen weiter dafür, direkt zu gewinnen. Wer hätte vorher gedacht, dass Wolfgang Thierse über 16 Prozentpunkte und sein Direktmandat verliert. Es ist nun mal ein verrückter Wahlkreis. Und in diesem Wahlkreis kann alles passieren.

Diesmal ist vor allem passiert, dass dieser von Ihnen als "bürgerlich" gepriesene Wahlkreis ganz unbürgerlich den Kandidaten der Linkspartei direkt gewählt hat. Wie erklären Sie sich das?
Da sehen Sie mal, wie bürgerlich die Linkspartei ist!

Dann ist jetzt die Linkspartei die Konkurrentin für die CDU?
Das war sie schon immer. Im Osten gibt es eigentlich nur noch einen Konkurrenten für die CDU. Das ist die Linkspartei. Die SPD ist faktisch im Osten nicht mehr konkurrenzfähig.

Und Sie glauben, dass die Wähler der Linkspartei so bürgerlich sind, dass sie das nächste Mal vielleicht auch CDU wählen?
Der Wahlkreis ist tatsächlich bürgerlich. Und er wird immer bürgerlicher, von Mal zu Mal. Wir haben als CDU-Pankow jetzt ein halbes Jahr Präsenz gezeigt. Für uns geht es aber darum, diese Präsenz zu erhalten und auszubauen. Wir haben die Menschen persönlich und direkt angesprochen. Damit haben wir sie überrascht. Aber es ist doch ein längerfristiger Prozess, Menschen davon zu überzeugen, dass sie der CDU auch tatsächlich ihre Stimme geben können. Dass wir tatsächlich nicht so altbacken oder spießig sind, wie manche glauben.

Gibt es etwas, auf das Sie stolz sind nach diesem Wahlkampf?
Stolz bin ich einfach auf einen sehr aktiven Wahlkampf. Auf all die vielen Menschen, die mich unterstützt haben. Darauf, dass wir jeden Tag unterwegs waren, dass wir einige Tausend Haushalte besucht haben. Wir haben viele Menschen erreicht und ihnen gezeigt, dass wir eine andere CDU geworden sind. Das ist uns gelungen. Das zeigt auch der Zugewinn von 2000 Stimmen - entgegen dem Bundestrend.

Gibt es etwas, das Sie lieber besser gemacht hätten?
Sicher, es gibt immer tausend Kleinigkeiten, die noch besser hätten gelingen können. Man kann noch frühzeitiger anfangen oder sonst irgendetwas. Aber letztlich haben wir entgegen dem Bundestrend an Stimmen zugelegt. Und so glaube ich schon, dass wir einiges richtig gemacht haben.

Müssen Sie jetzt Ihre vielen Plakaten wieder selbst abhängen?
Die werden von den Ortsverbänden abgehängt. Da ich in einem solchen bin, werde auch ich Plakate abhängen.

Und damit Ihre Mission Bundestag abschließen?
Meine Mission ist keine, die jetzt abgeschlossen wäre. Die geht über die Landtagswahlen in Berlin 2011 bis zu den nächsten Bundestagswahlen 2013. Es ist ein Projekt, das langfristig angelegt ist. Insofern schließe ich nicht ab, sondern beginne mit der nächsten Strecke. Ich laufe nicht Kurzstrecke. Es geht über die mittlere Distanz.

Sie wollen also wirklich Karriere machen in der Politik?
Es geht mir nicht um Karriere. Ich bleibe der Politik einfach aus Leidenschaft treu. Ich finde, dass wir genau diese Leidenschaft, genau diese Emotionen in der Politik brauchen. Außerdem ist Politik genau das, was mir so besonders große Freude macht.

Worauf werden Sie sich jetzt statt Bundestag beruflich stürzen?
Erst einmal werde ich wieder beim RCDS kräftig mitmischen. Und dann werde ich das Tempo meiner Promotion wieder deutlich erhöhen.

Franziska Reich