HOME

Sportgerichtshof unter Druck: Fällt die Testosteron-Regel? Wie Caster Semenya den Weltverband in die Knie zwingen will

Es geht um die Winzigkeit von fünf Nanomol Testosteron pro Liter. Doch der Grenzwert des Leichtathletik-Weltverbands (IAAF) ist höchst umstritten. Südafrikas Star-Läuferin Caster Semenya will die Regel kippen - für die mächtige IAAF steht die Zukunft des Frauensports auf dem Spiel.

Fällt die Testosteron-Regel? Caster Semenya gegen die IAAF

Testosteron-Grenzwert auf dem Prüfstand: In einem historischen Verfahren will Caster Semenya vor dem CAS den Leichtathletik-Weltverband in die Knie zwingen.

DPA

Pechstein, Blatter, Contador, Hondo, Sachenbacher-Stehle. Die Liste der Fälle, die in den vergangenen Jahren auf den Schreibtischen des Internationalen Sportgerichtshofs (CAS) in Lausanne gelandet sind, ist lang – und sie wird länger. Seit Montag blickt die Sportwelt gespannt auf die Schweiz. Angerufen wurden die Richter dieses Mal vom Südafrikanischen Leichtathletikverband (ASA). Das Thema ist kompliziert und hochemotional.

Worum geht es?

Im Kern geht es um die Frage, ob der Internationale Leichtathletikverband (IAAF) für Frauen einen Grenzwert für körpereigenes Testosteron festlegen darf, wenn sie auf bestimmten Strecken (400 Meter bis zu einer Meile) international starten wollen. Der Verband um seinen Präsidenten Sebastian Coe fordert eine Obergrenze von fünf Nanomol pro Liter. Sollte dieser Wert überschritten werden, verlangt die IAAF von den Betroffenen, ihn künstlich, also mit Medikamenten, zu senken.

Die Betroffenen – das sind insbesondere Frauen mit "Differences of Sexual Development" (DSD) wie Hyperandrogenämie, einer hormonellen Störung, die sich unter anderem auf den Testosteronspiegel auswirkt. Symbolfigur hyperandrogener Sportlerinnen ist die Leichtathletin Caster Semenya. In ihrer Heimat Südafrika ist die 28-Jährige seit Jahren ein Superstar, in der internationalen Sportwelt scheiden sich die Geister an der zweifachen Olympiasiegerin über 800 Meter. Ihre überlegenen Siege, unter anderem bei den Weltmeisterschaften 2009 in Berlin, führten dazu, dass die IAAF anordnete, das Geschlecht Semenyas überprüfen zu lassen. Südafrikas Verband, aber auch Menschenrechtsaktivisten reagierten empört. Semenya durfte weiter Medaillen sammeln, jedoch nicht, ohne den Grenzwert der IAAF zu respektieren. Genau der steht nun in Lausanne auf dem Prüfstand.

IAAF-Boss Sebastian Coe: "Monumentales Urteil"

Die Bedeutung des Urteils, das wohl erst Ende März gefällt wird, könnte weitreichende Folgen haben – auch über die Leichtathletik hinaus. Das glaubt zumindest IAAF-Präsident Coe, selbst zweifacher Olympiasieger über 1500 Meter. "Das wird ein monumentales Urteil für die Zukunft des Frauensports", sagte der Brite dem SportInformationsdienst (sid). "Sollte der CAS gegen uns entscheiden, habe ich Befürchtungen für die Zukunft nicht nur einzelner Disziplinen der Leichtathletik." Präsidenten anderer Sportverbände halten, so Coe, bis zur Entscheidung des CAS den Atem an.

Wie seriös ist die Studie des Leichtathletik-Verbands?

Mit einer 2017 veröffentlichten Studie wollen die Anwälte des Weltverbands die CAS-Richter  davon überzeugen, dass Athletinnen mit DSD auf bestimmten Laufstrecken Vorteile haben. Bis zu 4,5 Prozent sollen es laut Stephane Bermon, einem der Autoren der Studie, sein. Bei einer Laufzeit von zwei Minuten über 800 Metern entspräche das knapp sechs Sekunden – Welten, in Zeiten wo Hundertstel über Gold, Silber, Bronze oder nichts entscheiden. Drei Wissenschaftler, die sich die ausgewerteten Datensätze nachträglich angeschaut haben, hegen allerdings massive Zweifel an der Studie. Sie behaupten, dass fast ein Drittel der herangezogenen Werte fehlerhaft seien. So habe man Zeiten mehrfach verwendet oder Ergebnisse von später des Dopingmissbrauchs überführten Sportlern einbezogen.

.

Semenya gab sich bei ihrer Ankunft in Lausanne indes siegessicher. Mehr als das "Victory-Zeichen" ließ sie sich vor dem ersten Verhandlungstag aber nicht entlocken. Überhaupt äußert sie sich in der Öffentlichkeit nur ungern zur kontroversen Debatte um ihre Person. Fünf Tage sollen sie und weitere Beteiligte nun von den Richtern angehört werden - damit ist die Verhandlung eine der längsten in der 35-jährigen Geschichte des Schiedsgerichts, das einst von IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch installiert worden war, um Streitfragen zum internationalen Sportrecht in letzter Instanz zu entscheiden.

Testosteron: Caster Semenya klagt beim Sportgerichtshof

Siegessicher präsentierte sich Caster Semenya am Montag in Lausanne. Die CAS-Richter müssen dort entscheiden, ob die Testosteron-Grenze für Frauen rechtens ist.

DPA

Tennis-Ikone drückt Semenya die Daumen

Rückendeckung erhält Semenya in diesen Tagen nicht nur von ihrer Sportministerin Thokozile Xaza sowie weiteren Verbänden ihres Landes. Die Landsleute sprechen von einer "schwerwiegenden Verletzung" der Menschenrechte. Auch die frühere Weltklasse-Tennisspielerin Martina Navratilova sprang Semenya in einer Kolumne in der britischen "Sunday Times" bei. "Kann es richtig sein, Athleten dazu zu zwingen Medikamente zu nehmen? Was wäre, wenn sich die Langzeitfolgen als schädlich erweisen?", fragt die 62-Jährige und drückt der Sportlerin die Daumen. "Ich hoffe, dass sie gewinnt", so Navratilova, die sich 1991 in ihrer Biografie "So bin ich" als homosexuell outete.

Wettkampf auf allen Ebenen: Wäre Sport nicht fairer, wenn alle dopen dürften?
js / SID

Wissenscommunity