HOME

Stiftung Stern

Hilfe für die Opfer eines grausamen Rituals

Als Mädchen beschnitten, noch als Erwachsene gezeichnet an Körper und Seele: ein Arzt in Frankreich gibt den Opfern archaischer Rituale Geschlecht und Gefühl zurück.

Auf dem Weg zur Metro merkte Aïssa, wie etwas in ihr erwachte. Es war Sommer in Paris. Zum ersten Mal seit der Operation spürte sie da etwas zwischen den Beinen. Einen Schauer, der über die Haut rieselte, als würde sie in Mineralwasser baden. In ihren Ballerinas ging Aïssa plötzlich wie auf Absätzen. Ein Schock, der sie beglückte. Das neue Organ war wirklich da. Es lebte.

Man hatte es ihr abgeschnitten, als sie sechs Jahre alt war, im Haus ihres Vaters in Bamako, Mali. Aïssa weiß noch, dass da eine Duschkabine war, eine alte Frau und eine Rasierklinge, die an beiden Seiten scharf war. Der Schmerz ließ alle Gedanken in ihrem Kopf zersplittern. Warmes Blut floss an ihren Beinen herunter und machte die weiße Duschtasse rot. Ihre Stiefmutter sagte, nun sei sie eine ganze Frau. Eine ganze Frau: Aïssa sollte ein halbes Leben brauchen, um sich wie eine zu fühlen. Es war ein langer Weg. Er führte zu Doktor Pierre Foldes nach St-Germain-en-Laye, Paris. Er operiert Prostatae, Harnblasen und Samenstränge. Aber immer mittwochs und freitags gibt er beschnittenen Frauen ihr Geschlecht und ihr Gefühl zurück. Weltweit werden jährlich rund zwei Millionen Mädchen beschnitten. Auf dem Land machen das medizinisch unkundige Beschneiderinnen, in den Städten zunehmend Ärzte. In 27 afrikanischen Ländern, aber auch in Jordanien, Jemen, Malaysia und Indonesien gehört die Beschneidung oft zur Mädchenkindheit. In Ägypten, wo der Brauch wohl einst begann, sind über 90 Prozent der Frauen beschnitten.

Bei Foldes OP-Methode werden die Stränge gekappt, an denen die Klitoris hängt, und ans Licht gezogen. Wo vorher nichts war, ist dann eine neue Spitze zu sehen. Es dauert etwa sechs Monate, bis die Wunde verheilt ist. Noch länger, ehe der Schmerz verschwindet und das Gefühl kommen kann. „Die Frauen müssen sich ganz neu erfinden“, sagt Foldes, „Meine Arbeit hier, die Operation, sie ist nur eine Station auf diesem Weg.“

Vor fast 30 Jahren begann der Arzt damit, beschnittene Frauen zu „reparieren“. So nannte es eine der Patientinnen, die er in vielen Jahren als Entwicklungshelfer in Afrika behandelt hat. Sie brachte ihn auf die Idee, nicht nur das Überlebensnotwendige für die Frauen zu tun – etwa einen durch die Beschneidung verwachsenen Harnleiter zu begradigen oder eine entzündete Gebärmutter zu behandeln. Sondern auch das Nervengewebe der Klitoris wiederherzustellen.

Die Frauen, die den Eingriff wagen, brechen mit einer Tradition, die Jahrtausende alt ist. Obwohl die 29-jährige Aïssa Edon seit ihrer Kindheit in Frankreich lebt, hat sie das viel Kraft gekostet. Monatelang trug sie die Telefonnummer von Foldes’ Klinik mit sich herum, die die Oma einer Freundin aus dem Fernsehen abgeschrieben hatte. Aïssa machte einen Termin, zu dem sie nicht hinging. Erst im zweiten Anlauf fuhr sie wirklich raus, in die Klinik auf dem Hügel. Den 26. Februar 2005, den Tag ihrer Operation, feiert sie wie eine zweite Geburt. „Ich begann, keine Fremde mehr für mich zu sein“, sagt Aïssa. Nach dem prickelnden Vorgeschmack damals auf dem Weg zur Metro vergingen noch ein paar Monate. Dann hat sie sich getraut, von ihrer neuen Sinnlichkeit Gebrauch zu machen. Und, ja, es ging. Sie konnte sich einem Mann anvertrauen, loslassen, sich geben. Eine ganze Frau sein. Jetzt wartet sie auf den Richtigen. Sie will einen europäischen oder asiatischen Mann. Keinen Afrikaner. Und sie hat Geduld. „Quand il veut, il vient“, sagt sie in ihrem melodischen Französisch. Wenn er so weit ist, dann kommt er.

Immer wieder gibt es Hinweise, dass Beschneider und Beschnei­derinnen ihrem Handwerk auch bei uns nachgehen.

Rechtslage

Immer wieder gibt es Hinweise, dass Beschneider und Beschnei­derinnen ihrem Handwerk auch bei uns nachgehen. Mal soll es ein palästinensischer Kinderchirurg sein, mal zwei medizinisch nicht aus­ gebildete Frauen in Berlin. Noch nie ist es zu einer Anklage gekommen. Anders als in vielen europäischen Ländern ist FGM im deutschen Recht kein eigener Straftatbestand, sondern gilt als Körperverletzung. Die verjährt fünf Jahre (einfache Körperverletzung) oder zehn Jahre (gefährliche Körperverletzung) nach der Tat. Für Beschneidungen, die ab dem 1. Oktober 2009 vorgenommen wurden, gilt eine Verjäh­ rungsfrist von zehn Jahren ab Volljährigkeit des Opfers. Beschneidungen, die im Ausland verübt wurden, können nur sehr selten geahndet werden.

Jugendämter haben jedoch die Möglichkeit, das Ausreiserecht des Kindes zu beschränken, wenn Verdacht besteht, dass es beschnitten werden soll. „Insgesamt ermöglicht diese Rechtslage eine konsequente Verfolgung von FGM nicht“, sagt Dirk Wüstenberg, einer der wenigen deutschen Anwälte, die sich für das Thema interessieren. FDP und Grüne setzen sich seit Jahren für eine Ände­ rung des Strafrechts ein, bislang erfolglos. Viele Einwandererfamilien sind in Deutschland lediglich geduldet. Sie erhalten ein Aufenthaltsrecht für wenige Monate. „Geduldete Eltern bestehen meist darauf, dass die Töchter beschnitten werden, da diese sonst bei der Rückkehr ins Heimatland keine Chance hätten, verhei­ratet zu werden“, sagt Jawahir Cumar, die in Düsseldorf den Verein „Stop mutilation“ gegen Beschneidung leitet. Andererseits ist eine dro­hende Verstümmelung für Mädchen kein Asylgrund, sie reicht allenfalls aus, um eine Duldung zu erlangen.

Gesundheit und medizinische Versorgung

Viele Mädchen verbluten nach der Beschneidung oder sterben an einem schmerzbedingten Kollaps. Betroffene leiden unter teils schwerwiegenden Schädigungen. Viele haben chronische Harnwegsinfektionen, weil sich Urin hinter der Narbe staut. Entzündungen führen häufig zu Unfruchtbarkeit. Geburten sind bei Beschnittenen deutlich riskanter. Die Genitalverstümmelung bedeutet oft auch eine starke psychische und physische Behinderung des Sexuallebens.

Deutsche Gynäkologen und Kinderärzte lernen während ihrer Ausbildung so gut wie nichts über beschnittene Genitalien. Selbst bei der pharaonischen Beschneidung (Typ III), bei der die Vagina bis auf eine winzige Öffnung zugenäht ist, reagie­ren die meisten Ärzte nicht. Beschnittene Afrikanerinnen in Deutschland berichten, dass ihr Frauenarzt nicht darüber sprechen wollte oder sie derart als Opfer behandelt habe, dass sie sich entwürdigt fühlten. Anders als in Frankreich gibt es keine ärztliche Meldepflicht für FGM.

Die rekonstruktive Klitorisoperation von Pierre Foldes ist bei deutschen Experten kaum bekannt. Deutsche Gynäkologen stehen dem Eingriff skeptisch gegenüber. So sagt etwa Heribert Ken­tenich, Chef der DRK­Frauenklinik in Berlin: „Das Erleben der Sexualität bei Frauen hat wenig mit Organen und Gewebe zu tun, sondern mit der Psyche. Eine Frau, die psychisch gesund ist, kann lustvolle Sexualität erleben.“

Foldes’ Operation ist für französische Staatsbürgerinnen kostenlos, er verzichtet auf Honorar. Auswärtige Patientinnen müssen die Klinikkosten von 2400 Euro selbst aufbringen. Laut GKV­ Spitzenverband würden die deutschen Krankenkassen die Operation theoretisch bezahlen. Allerdings machen deutsche Kassen Zahlungen davon abhängig, ob es unabhängige Studien gibt, die den Erfolg der Maßnahme belegen. Solche Studien gibt es bisher nicht.