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Flüchtlingsdrama in Kabul Uganda nimmt mehrere Tausend Afghanen auf. Und bei uns wird weiter Angst vor "2015" geschürt. Das darf nicht sein

Afghanische Geflüchtete im Osten der Türkei
Afghanische Geflüchtete im Osten der Türkei
© ABACA/ / Picture Alliance
In konservativen Kreisen ist es angesichts der dramatischen Lage in Kabul immer häufiger zu hören: Der Flüchtlingsexodus von 2015 dürfe sich nicht wiederholen. Dabei liegt die Hauptlast für die Aufnahme Vertriebener und Geflüchteter ganz woanders.

Es geht die Angst um – vor einer Wiederholung von "2015". CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet brachte das Thema auf, die AfD sekundierte erwartungsgemäß: "Das Jahr 2015 darf sich nicht wiederholen."

2015 – das war das Jahr, in dem mehrere Hunderttausend Geflüchtete vor allem aus Syrien nach Deutschland kamen. Als ein Großteil der Menschen hier zunächst das zeigte, was bald "Willkommenskultur" genannt wurde. Als die Stimmung später kippte, und sich immer mehr fragten, ob Angela Merkels Satz "Wir schaffen das!" tatsächlich stimmt.

Uganda nimmt 2000 afghanische Geflüchtete auf

2015 also. Derweil ist am heutigen Mittwoch der erste Charterflug mit afghanischen Geflüchteten in Uganda gelandet. Das zentralafrikanische Land hat sich bereit erklärt, 2000 Flüchtlinge aufzunehmen – ein Land also, das schon mehr als 1,5 Millionen Gestrandete vor allem aus dem Südsudan beherbergt. Dessen nördliche Provinzen mit Lagern gesprenkelt sind. Das mit Tausenden von Waisen und traumatisierten Kindersoldaten zu kämpfen hat, eine Hinterlassenschaft von Joseph Konys "Lord Resistance Army".

250 weitere Geflüchtete, Schüler, Lehrer und Eltern zumeist, sind gerade auf dem Weg nach Ruanda – auch das Nachbarland von Uganda will helfen.

Die Menschen in Afghanistan brauchen Unterstützung. Wir leiten Ihre Spenden an Organisationen weiter, die sich um Flüchtende kümmern. Hier können Sie spenden.
Die Menschen in Afghanistan brauchen Unterstützung. Wir leiten Ihre Spenden an Organisationen weiter, die sich um Flüchtende kümmern. Hier können Sie spenden.

Sicher: Uganda und Ruanda sind exotische Beispiele und keine Musterländer. Ersteres wird seit 1986 vom selben Präsidenten regiert, Yoweri Museveni, dessen Begeisterung für demokratische Gepflogenheiten deutlich nachgelassen hat. Ruanda andererseits ist eine wirtschaftliche Erfolgsstory – aber auch dessen Präsident Paul Kagame zeigt autoritäre Tendenzen. Und ja: Auch Deutschland nimmt mehrere tausend Ortskräfte auf, die gerade evakuiert werden.

Die von Teilen der Konservativen forcierte Angst vor vermeintlichen Flüchtlingsströmen zeigt aber vor allem eines: ein vollkommenes Missverständnis der Flüchtlingsfrage. Oder genauer: wer eigentlich wo die Hauptlast der Vertreibung zu schultern hat.

Die Antwort darauf ist meist einfach, auch jetzt: Es ist die betroffene Region selbst.

Mehr als drei Millionen Menschen sind in Afghanistan selbst auf der Flucht. Sie waren es auch schon vor der Eskalation der vergangenen Wochen – der Vormarsch der Taliban hat die Zahl noch mal um bis zu 200.000 ansteigen lassen. Im Nachbarland Pakistan leben, ebenfalls seit vielen Jahren, mehr als 1,5 Millionen Afghaninnen und Afghanen. Im Iran sind es 800.000.

Von einem "Flüchtlingsstrom" zu sprechen, der sich vermeintlich in Richtung Deutschland aufmache, ist nicht nur schlechter Wahlkampf – es ist politische Brandstiftung. Und sachlich falsch.

Die Türkei macht die Grenzen dicht

Denn: Inzwischen lassen nicht nur Pakistan und der Iran immer weniger Menschen über ihre Übergänge, auch die Türkei sichert die Grenze zum Iran mit Mauern und Zäunen und schickt ankommende Afghaninnen und Afghanen – die häufig einen wochenlangen Fußmarsch hinter sich haben – ziemlich rigoros zurück. In der Türkei leben 300.000 afghanische Flüchtlinge, und Präsident Erdogan wird von Opposition und Öffentlichkeit unter Druck gesetzt, keine weiteren ins Land zu lassen.

"2015" ist ein Scheinreise und geht am Problem vorbei: Anstatt Angst zu schüren, sollten wir Verständnis für die Last zeigen, die andere schultern. Und anstatt zu glauben, unser Land sei der Nabel der Welt, sollten wir anerkennen, dass es eben nicht nur der wohlhabende Norden der Welt ist, der sich mit Flüchtlingen auseinandersetzen muss. Sondern viel mehr noch die Länder des globalen Südens. Ändern wir die Perspektive. Ich bin sicher: Wir schaffen das!


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