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Banken: Fusionsfantasien nach der Krise

Kaum der Krise entronnen werden Deutschlands Banken und Sparkassen von Fusionsfantasien überrollt. Beobachter sehen 2004 eine Konsolidierung der Bankenbranche kommen.

Kaum der Krise entronnen werden Deutschlands Banken und Sparkassen von Fusionsfantasien überrollt. Auch 2004 werden die Spekulationen nicht abklingen. Ausgelöst durch das überraschende Großreinemachen in den Büchern der Commerzbank sehen Beobachter das kommende Jahr als Beginn der längst überfälligen Konsolidierung der Branche. Seit der Schönheitsoperation der Commerzbank waberte fast täglich eine Fusionstheorie durch die Gazetten oder übers Börsenparkett. Zunächst eine mögliche Megafusion der vier Großbanken, dann die Version "Deutsche Bank will die Sparkasse Stralsund". Schließlich hieß es, die Commerzbank könne sich vor Verehrern nicht retten - Dauerbrenner dabei ist eine Verschmelzung mit der HypoVereinsbank.

Geschäftsbanken wittern Morgenluft

Dabei ist die Bankenkrise 2002 noch in Erinnerung. Konjunkturflaute, Börsenmisere und Pleitewelle ließen die Erträge der Kredithäuser deutlich bröckeln. Mit rigiden Sparprogrammen, die Zehntausende den Arbeitsplatz kosteten, und mit dem Rückenwind sich wieder belebender Aktienmärkte verließen die Geschäftsbanken in den vergangenen Monaten das Tal.

Aufräumaktionen kosteten Rankingplätze

Allen voran Branchenprimus Deutsche Bank, der die Verfolger Commerzbank, HypoVereinsbank und Dresdner Bank mit einem Nettogewinn von 929 Millionen Euro nach den ersten neun Monaten abhängte. Die Commerzbank ließ sich durch die spektakuläre Aufräumaktion bei Altlasten freiwillig zurückfallen und wird 2003 einen Verlust von zwei Milliarden Euro ausweisen. Die Dresdner Bank bleibt für die Konzernmutter Allianz ein großer Verlustbringer. Die bayerische HypoVereinsbank schaffte erst im 3. Quartal wieder den Sprung in die schwarzen Zahlen. Operativ jedoch stehen Dresdner Bank, Commerzbank und HypoVereinsbank weitaus besser da als Ende 2002.

Börsenkurse blieben hinter Ergebnis zurück

Die Börsenkurse konnten mit dem Tempo der Gesundung nicht Schritt halten. Niedrige Kurse machten deutsche Großbanken zum Schnäppchen. Diverse ausländische Institute sollen schon bei der Bundesregierung vorgefühlt haben, ob von politischer Seite bei einer Übernahme Widerstand drohen würde. Dies wird insbesondere der amerikanischen Citigroup nachgesagt, die in Deutschland kaum weniger Privatkunden zählt als die Commerzbank.

Erstaunlicher Patriotismus

Deutschlands oberste Bankenetage reagierte nervös. Die potenziellen Eroberer stünden bereits vor der Tür, warnte Bankenpräsident Rolf Breuer. Es müsse ernsthaft die Frage gestellt werden, ob es letztlich egal sei, wenn die deutsche Wirtschaft im eigenen Land auf ausländische Institute angewiesen sei. Ein solcher Patriotismus ist umso erstaunlicher, da die Spitzen hiesiger Kreditinstitute zu den eifrigsten Verfechtern von Globalisierung und Liberalismus zählen. Doch bislang konnte die Finanzindustrie hier zu Lande die von allen Seiten als überfällig bezeichnete Konsolidierung nicht aus eigener Kraft stemmen. Mit Schall und Rauch scheiterten die Verlobungen von Deutscher und Dresdner Bank und gleichermaßen von Dresdner Bank und Commerzbank. Unterschiedliche Kulturen und persönliche Eitelkeiten der Chefetagen standen im Weg. Selbst Versuche, wenigstens bei der Technik - etwa im Zahlungsverkehr - zu kooperieren, scheiterten.

Ohne Zusammenschlüsse geht es nicht

Auch die mühseligen Versuche von Sparkassen und Landesbanken wie etwa im Rheinland, sich für das 2005 anstehende Aus der staatlichen Garantie mit Kooperationen oder Fusionen zu wappnen, zeugen von den Hindernissen in Deutschlands einzigartiger Drei-Säulen-Struktur mit Privatbanken, Sparkassen und genossenschaftlichen Instituten. Strukturelle Probleme, geringe Marktanteile der einzelnen Akteure und immer noch schlummernden Risiken in den Bilanzen bilden derzeit für die deutschen Geldhäuser noch einen Schutzwall gegen die Übernahme durch ausländische Banken. Ohne Zusammenschlüsse wird es der Branche aber kaum gelingen, ihre Erträge nachhaltig zu steigern und eine Neuauflage des Krisenjahres 2002 zu verhindern. Die Kostenbremse ist jedoch bereits bis zum Anschlag durchgetreten.

Silke Stoltenberg / DPA