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Besitzverhältnisse: Rüstungsindustrielle kaufen Frankreichs Medien auf

Der Rüstungsindustrielle Serge Dassault greift nach dem größten französischen Presseverlag Socpresse. Gelingt sein Plan, werden mehr als zwei Drittel der französischen Presse in der Hand von Luftfahrt- und Rüstungsunternehmern sein.

Die Nachricht schlug in Frankreichs Medienwelt ein wie eine Bombe. Der Rüstungsindustrielle Serge Dassault greift nach dem größten französischen Presseverlag Socpresse. Gelingt sein Husarenstreich, werden mehr als zwei Drittel der französischen Presse in der Hand von Luftfahrt- und Rüstungsunternehmern sein. Dassaults größter Medienkonkurrent wäre nämlich der EADS-Großaktionär Arnaud Lagardère, der seine Gruppe systematisch zu einem Verlagsriesen ausbaut. Um den Rest der französischen Presseverlage balgen sich auch Wirtschaftskapitäne wie der Handelsunternehmer François-Henri Pinault, der das Nachrichtenmagazin «Le Point» besitzt.

Dassault gilt als Chirac-Freund

Der fast 79-jährige Dassault steht für die Kampfflugzeuge «Mirage» und «Rafale», für Elektroniksysteme - und für die Freundschaft zu Präsident Jacques Chirac. Schon sein legendärer Vater Marçel Dassault hatte Chiracs Aufstieg unterstützt und saß selbst als Politiker im Parlament. Serge Dassault ist für Chiracs Partei UMP Bürgermeister in Corbeil bei Paris, sein Sohn und Geschäftspartner Olivier ist UMP-Nationalsekretär und Abgeordneter der Nationalversammlung. Drahtzieher Chiracs ist Dassault aber nicht: Als der Staatschef Dassaults Luftfahrtkonzern mit Aérospatiale fusionieren wollte, um beide in die EADS einzubringen, sperrte er sich erfolgreich.

Lagardère will von EADS weg

Lagardère repräsentiert nicht nur den französischen Anteil am Airbus-Bauer, Raumfahrt- und Rüstungskonzern EADS, sondern ist mit Hachette-Filipacchi auch der größte Zeitschriftenverleger der Welt. Er besitzt Regionalzeitungen und Buchverlage und ist gut im Rundfunk- und Fernsehgeschäft. Sein Imperium kommt auf 12,5 Milliarden Euro Umsatz. Anders als sein Rivale Dassault will Lagardère sich langfristig auf die Medien konzentrieren und aus der EADS aussteigen. Dieselbe EADS hält 45,76 Prozent an Dassault Aviation, die mit ihren 3,3 Milliarden Euro Umsatz und 295 Millionen Euro Überschuss deutlich zum Erfolg des Großkonzerns beisteuert.

Rüstungsindustrieller als Meinungsbilder

Nach mehreren Anläufen war Dassault vor zwei Jahren mit 30 Prozent der Einstieg bei Socpresse gelungen. Nun hat er von Erben des Verlagsgründers Robert Hersant die Zusage, ihm weitere 50 Prozent Anteile zu verkaufen. Bis Juni soll der Handel perfekt sein. Dassault würde damit nicht nur das meinungsbildende Pariser Traditionsblatt «Le Figaro» (verkaufte Auflage: 353.000), das Nachrichtenmagazin «L'Express» und 70 weitere Publikationen erwerben. Er würde auch Herrscher über zahlreiche Wirtschaftstitel wie «L'Expansion«, «La Letter de la Bourse» und «Management Revue», während sein Sohn Olivier das «Journal des Finances» kontrolliert.

Angst vor Verlust journalistischer Unabhängigkeit

Angesichts des politischen Engagements der Familie Dassault geht in den Socpresse-Zeitungen die Angst vor dem Verlust der journalistischen Unabhängigkeit um. Manche sehen Parallelen zu Silvio Berlusconi, der nach dem Aufbau eines Medienimperiums zum italienischen Ministerpräsidenten aufstieg. Dassault wird zugetraut, in die Redaktionen einzugreifen. 1999 hatte er dem Nachrichtensender LCI gesagt: "Für mich ist es wichtig, eine Zeitung zu besitzen, um meine Meinung auszudrücken, aber auch, um auf einige Journalisten zu antworten, die allen möglichen Unsinn geschrieben haben."

Hans-Hermann Nikolei, dpa / DPA