Billigjobs Lieber Spargel stechen als Formulare ausfüllen


Jobs als Erntehelfer waren bisher nur bei Saisonarbeitern aus dem Ausland gefragt. Doch nun bewerben sich, aufgeschreckt durch Hartz IV, immer mehr Deutsche um die Stellen.

Teller schrubben, Fußböden wischen oder bei Wind und Wetter Spargel stechen. Für derart unattraktive Jobs fanden sich bislang nur Saisonkräfte aus Polen, Tschechien oder anderen Billiglohnländern. Für gerade einmal fünf Euro die Stunde waren Deutsche kaum bereit, sich den Buckel krumm zu schuften. Die seit Wochen andauernde Diskussion um die Arbeitsmarktreform Hartz IV läutet offenbar eine Trendwende ein: In Gaststätten und Hotels, bei Bauern auf dem Feld, dem Einzelhandel oder Zeitarbeitsfirmen melden sich zunehmend auch deutsche Arbeitslose.

"Es ist Angst und Unsicherheit zu spüren. Hartz IV macht sich bemerkbar", sagt Anke Peiniger, Vorsitzende des Bundesverbands Personalvermittlung. Seit gut acht Wochen nehmen die Bewerbungen bundesweit deutlich zu. Die Jobsuchenden seien flexibler und bewürben sich auch für Stellen, die bis zu 600 Kilometer entfernt von ihrem Wohnort seien.

Mehr Bereitschaft zur Eigeninitiative

"Wir sehen noch keinen breiten Trend, aber mehr Bereitschaft zur Eigeninitiative", meint Ingrid Hartges, Geschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes. Mittlerweile meldeten sich Langzeitarbeitslose auch für den Job in der Spülküche oder zum Zimmer putzen. Im Gastgewerbe seien derzeit rund eine Million Menschen beschäftigt, davon ein knappes Drittel Ausländer. Für Niedriglohnarbeiten gebe es je nach Region zwischen 800 und 1500 Euro.

"Hartz IV hat noch keine neuen Arbeitsplätze geschaffen, aber die Leute in Bewegung gebracht", meint Manfred Brück vom Zeitarbeitsunternehmen Adecco. Seit Juni nehme die Bewerberzahl zu, im Bundesschnitt um zwischen 5 bis zehn Prozent - in Berlin sogar um bis zu 30 Prozent. "Immer mehr arbeitslose Bäcker, Schreiner oder Facharbeiter sind auch zu Hilfsjobs bei weniger Lohn bereit." Allein bei Adecco suchen jedes Jahr bis zu 30 000 Arbeitslose einen Job.

Nachdenken über Hartz IV

Auch nach Einschätzung von Randstad, dem branchengrößten Anbieter von Zeitarbeit, ist Bewegung in den Markt gekommen. "Man spürt in den Bewerbergesprächen, dass die Menschen mehr über ihre Situation und die Folgen von Hartz IV nachdenken", sagt Sprecherin Petra Timm. Von einer Bewerberschwemme möchte sie aber nicht sprechen. "Dafür ist es noch zu früh." In Deutschland arbeiteten bislang nur etwa 0,9 Prozent aller Beschäftigten in der Zeitarbeit. Im europäischen Durchschnitt sind es 2,5 Prozent.

Landwirtschaft und Einzelhandel profitieren

In der Landwirtschaft werden jährlich etwa 280.000 Saisonarbeitskräfte beschäftigt, überwiegend als Erntehelfer. Durchschnittlich werden dafür pro Stunde etwa 5,50 Euro Brutto gezahlt. "Bislang war es schwierig, jemanden, der normalerweise am Schreibtisch sitzt, für harte, körperliche Arbeit im Weinberg oder auf dem Rübenacker zu gewinnen", sagt Michael Lohse, Sprecher des Deutschen Bauernverbandes. Gerade im Osten werde jetzt aber ein steigendes Interesse für solche Jobs gemeldet. So gebe es in manchen Arbeitsämtern schon bis zu 30 Prozent mehr Bewerber.

Auch im Einzelhandel melden sich verstärkt Langzeitarbeitslose. "Die Leute bemühen sich ernsthafter um eine freie Stelle", sagt der Sprecher des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels, Hubertus Pellengahr. Das berichteten die großen Unternehmen. Im Mittelstand sei das aber ähnlich. "Wenn jetzt an Hartz IV gerüttelt wird, wäre das fatal. Dann wird der Elan wieder ermatten."

Maren Martell/DPA DPA

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