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DaimlerChrysler: Schrempp taut vor Gericht auf

DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp hat den Betrugsvorwurf vor Gericht zurückgewiesen. US-Investor Kirk Kerkorian verklagt den Konzern auf Schadensersatz in Millardenhöhe.

Drei Mal ein knappes, aber klares "Nein" gab DaimlerChrsyler-Chef Jürgen Schrempp zum Auftakt seiner Zeugenaussage im Schadensersatzprozess in Wilmington zu Protokoll. War die Fusion von Daimler-Benz und Chrysler eine getarnte Übernahme? "Nein!" Wollte er die die US-Investmentgesellschaft Tracinda betrügen? "Nein!" Wollte er Chrysler in Wirklichkeit übernehmen? "Nein!" - Es war der fulminante Start des mit großer Spannung erwarteten Auftritts von Schrempp.

Der DaimlerChrysler-Chef sagte als Zeuge im Prozess um die Schadensersatzklage des US-Investors Kirk Kerkorian aus. Der damals größter Aktionär von Chrysler, wirft Schrempp vor, den Zusammenschluss als Übernahme geplant, aber als Fusion getarnt zu haben. Im Falle einer Übernahme hätte ihm bei Aktientausch eine größere Prämie zugestanden. Deshalb fordert der 86-Jährige mehr als eine Milliarde Dollar Schadensersatz.

Das Drehbuch für die Zeugenaussage hatten die DaimlerChrysler-Anwälte geschrieben. Nach amerikanischem Prozessrecht werden Kläger und Beklagte zunächst von ihren eigenen Anwälten befragt, ehe sie von der Gegenseite ins Kreuzverhör genommen werden. Wie der Kläger Kirk Kerkorian erhielt Schrempp deshalb am Dienstag ausführlich Gelegenheit, sich und seine Argumente ins beste Licht zu Rücken. Anwalt Tom Allingham spielte ihm dafür geschickt die Bälle zu.

Schrempp schmeichelt sich vor Gericht ein

So konnte Schrempp den Richter mit der Beschreibung seines Werdegangs über den zweiten Bildungsweg beeindrucken. Auch mit der Tatsache, dass Schrempp in Englisch aussagte, wollten die DaimlerChrysler-Leute punkten. Warum er das denn tue, fragte der Anwalt wie ahnungslos, wo er in seiner Muttersprache doch sicherlich viel eloquenter sei? Naja, sagte Schrempp, und drehte sich zu Richter Joseph Farnan um, er versuche es halt auf Englisch, weil er doch gerne direkt mit dem Gericht kommunizieren wolle.

Schrempp, im dunklen Anzug, saß nach dem Eid "die Wahrheit, nichts als die Wahrheit, so wahr mir Gott helfe" zu sagen, zunächst ein bisschen steif im Zeugenstand. Die Hände auf dem Pult vor sich gefaltet, kamen die ersten Antworten ziemlich knapp. Doch im Laufe der mehr als vierstündigen Befragung taute der Vorstandschef zusehends auf. Er gestikulierte, um die Führungsstrukturen zu erklären, holte weit aus und nahm die Brille ab, um über die Fusionsgespräche zu referieren. Ein paar Mal kam er fast oberlehrerhaft rüber. "Ich sag’s jetzt mal für Laien."

"Fusion unter Gleichen"

Allingham ließ Schrempp ausführlich aus dem Fusionsvertrag vorlesen, vor allem die Passagen, in denen der Begriff "Fusion unter Gleichen" vorkam. Er ließ Schrempp lang und breit erklären, das nicht er, sondern sein damaliger Ko-Vorsitzender, der Ex-Chrysler-Chef Bob Eaton, den Abgang von Chrysler-Leuten betrieb. Daimler-Benz habe im Rahmen der Fusion auch gute Leute verloren, sagte Schrempp. Und wie als Trost für die gebeutelte Chrysler-Sparte: "Das sind ganz klasse Leute dort. Die haben ihre Qualität mit Hilfe der Daimler-Benz-Technologie jedes Jahr um 20 Prozent gebessert."

"Wir gingen von Anfang an von der Prämisse aus, dass es hier zwei gleichberechtigte Partner zusammenkamen", kann Schrempp dank der geschickten Choreografie der Daimler-Verteidigung immer wieder betonen.

Vier Stunden lang lauschte Richter Joseph Farnan und verzog dabei kaum die Miene. Fragen an den Zeugen hat er nicht. Auf den Besucherbänken saßen aber bereits die 16 Tracinda-Anwälte in den Startlöchern. Sie wollten Schrempp am Mittwoch in die Zange nehmen. Dann dürfte sich der Ton der Zeugenbefragung um einiges verschärfen. Kurz vor dem Ende des Prozesstages gelingt es Anwalt Allingham noch einmal, Schrempp mit einer unvermittelten Frage ins für DaimlerChrysler rechte Licht zu rücken: "Als sie zustimmten, den Zusammenschluss als Fusion unter Gleichen laufen zu lassen, wollten sie damit Chrysler und die Aktionäre täuschen?" "Absolut nicht, Sir", antwortet Schrempp.

Christiane Oelrich / DPA