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Deepl: Kölner Startup lässt Google alt aussehen

Gute Übersetzungen sind für Software und Rechner schwere Kost. Der Markt ist umkämpft und Google der Gorilla im Ring. Der stärkste Herausforderer ist ein Kölner Start-up. Ein Ortsbesuch bei eher verschwiegenen Sprachexperten.

Von Ann-Christin Baßin

Deepl

Firmenlogo von DeepL an der Eingangstür

"Zeiger auswählbor durch das Eigentümers Operation. – Drückt auf den Knopf ,Set’ um die gespalte Zeit zu fassen, wenn sie Stille läuft innerlich." So lautet die Betriebsanleitung für eine Digitaluhr. Eine grottenschlechte Übersetzung, die der Vergangenheit angehört, denn mittlerweile revolutioniert künstliche Intelligenz (KI) auch die Sprachübersetzung. Dabei hat das kleine deutsche Startup DeepL aus Köln die Nase vorn und der Welt gezeigt, dass hinter erfolgreichen KI-Anwendungen nicht immer große Firmen mit Millionenbudgets stehen müssen.

DeepL funktioniert besser als die beiden Marktriesen GoogleTranslate oder Microsofts Bing-Übersetzer. Die übersetzten Texte lesen sich bei den Kölnern oft deutlich flüssiger und haben eine genauere Grammatik. Selbst Konjunktive und Redewendungen werden erkannt. Klingt einfach, ist aber eine anspruchsvolle Aufgabe für die Hard- und Software, schließlich versteht das Programm denn Sinn eines Satz nicht wie Menschen. Wir erfassen in Millisekunden jedes Wort eines Satzes in seinem Kontext, der Computer übersetzt dagegen Wort für Wort und liefert als Ergebnis im schlechtesten Fall sinnfreie Wortketten. Genau das macht das Deepl-System anders. Es betrachtet den Satz sozusagen menschlicher.  Nachdem DeepL 2017 an den Start gegangen war, lehrte es die Tech-Giganten damit das Fürchten. 

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Frau in ihrem Lager

1. Wie mache ich mich selbstständig?

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Getty Images

Ein Start-up aus Köln schlägt die US-Konkurrenz

Ein Ortsbesuch bei Gründern, die offenbar alles richtig gemacht haben. Auf dem Flur begegnet man Nerds ganz klassisch in Hoodie und Sneakers gekleidet, lediglich die himmelblauen Haare eines Mitarbeiters lassen darauf schließen, dass hier etwas Besonderes vorgeht.

DeepL-Chef Dr. Jaroslaw Kutylowski ist ein freundlicher, mittelgroßer Mann mit warmem Händedruck. Seine Worte wählt er mit Bedacht: Bloß nicht zu viel verraten! Schließlich ist ihm die Konkurrenz dicht auf den Fersen.  "Unser Vorteil ist, dass DeepL auf einem Onlinewörterbuch namens Linguee basiert, an dem unser Team schon seit 2009 arbeitet", erklärt der Informatiker Kutylowski. "Das heißt, die Entwickler haben schon viel Erfahrung in Sachen Übersetzer-Tools."

Tafel mit einer Formel

Rätselhafte Formeln an der Whiteboard-Schreibtafel. Sie stellen neuronale Netzwerke dar

Begonnen hat alles im Jahr 2007, als Gereon Frahling (40) seinen Job bei Google Research in New York City aufgab, um an einer Suchmaschine für Übersetzungen zu arbeiten. Es hatte ihn schon immer gewurmt, dass es für Übersetzungen nur Wörterbücher gab. Aber im Netz waren viele zweisprachige Texte zu finden, Millionen von Übersetzungen irgendwelcher Sätze und Begriffe. Man musste sie also nur geschickt zusammenbringen. Also entwickelte Frahling zusammen mit seinem Freund Leo Fink Web-Crawler und  maschinelle Lernsysteme, um die Qualität von Übersetzungen  zu erfassen. Dieses sogenannte neuronale Netzwerk wurde mit einer Milliarde menschlicher Übersetzungen trainiert. Daraus entstand als erstes Produkt das Wörterbuch Linguee, das 2009 lanciert wurde. 2017 wurde dann auf der Grundlage von Linguee die Übersetzungsmaschine DeepL entwickelt. Anders als bei den meisten Online-Wörterbüchern verarbeiten sie die Wörter nicht einzeln, sondern in Satzzusammenhängen. So werden auch Redewendungen erkannt.

Weltweit fallen die Sprachbarrieren

Der Name DeepL steht für "Deep Learning bzw. Deep Language", also tiefes oder neuronales Sprachenlernen. Tippt ein User einen Text in die Maske von DeepL, wird dieser zunächst nach Island geschickt, wo sich das Rechenzentrum des Startups befindet. Es konnte 2018 pro Sekunde fünf Billiarden Rechenoperationen durchführen. Inzwischen sind es weitaus mehr. Die Anfragen werden auch je nach Produkt an weitere Rechenzentren in Finnland oder Deutschland geschickt. . In Sekundenschnelle erscheint das Ergebnis dann in der gewünschten Sprache auf dem Bildschirm. Warum Island? Neben großen Datenmengen zum Trainieren braucht ein guter Algorithmus auch einen Superrechner, der eine Million Wörter in weniger als einer Sekunde übersetzen kann.

Im Land der Gysire fand DeepL nicht nur billigen Strom, sondern in Form von Verne Global einen Geschäftspartner und Anbieter für Hochleistungs-Computing. Momentan haben Kutylowski (36) und sein Team im Gegensatz zu den Konkurrenten nur 9 Sprachen im Angebot: Englisch, Französisch, Spanisch, Deutsch, Portugiesisch, Italienisch, Niederländisch, Polnisch, Russisch. Weitere Sprachen sollen dazu kommen. Wann genau wird nicht verraten.

Jaroslaw Kutylowski (l.), mit PR-Manager Lee Turner Kodak

Jaroslaw Kutylowski (l.), Geschäftsführer, mit PR-Manager Lee Turner Kodak im Konferenzraum

"Wir arbeiten daran, diese neun wichtigsten Sprachen qualitativ noch hochwertiger zu machen", sagt der Geschäftsführer. "Unsere Produkte sollen noch effizienter sein. Heutzutage wird Software im Internet immer besser und ist immer einfacher zu bedienen. Damals war das iphone ein Quantensprung, im Gegensatz zu dem einfachen Handy. Diese Entwicklung wird weitergehen. Täglich nutzen über eine Million Menschen DeepL. Je schneller unser Übersetzungsprogramm funktioniert, desto weniger Arbeitszeit muss der Nutzer investieren. Das potenziert sich dann auf und bringt eine ordentliche Zeitersparnis. So haben wir vor einiger Zeit Window- und Mac-Applikationen veröffentlicht, damit man nicht mehr auf die DeepL-Seite gehen muss, um etwas zu übersetzen. Das kann man nun direkt auf dem Rechner machen, während man eine Mail schreibt."

Daneben bietet die Firma Unternehmen Schnittstellen an, um die Übersetzungsmaschine in ihre eigenen Anwendungen wie zum Beispiel Chatbots integrieren zu können.

Übersetzungen werden auf den User zugeschnitten

Mann mit Rechner

Lee Turner Kodak zeigt in einer Abstellkammer den ältesten Rechner, mit dem 2017 in Köln alles begann

Nächstes Ziel ist die personalisierte Übersetzung, denn Businesskunden bilden die Hauptzielgruppe. Internationales Arbeiten bedeutet, Mails in Englisch oder in anderen Sprachen verfassen zu können. Heutzutage schreibt man ja eher, als zu telefonieren. Da helfen im Netz frei verfügbare Übersetzungsmaschinen, um mit dem Chef, den Kollegen oder den Kunden im Ausland einfacher und schneller zu kommunizieren. Jede Branche hat ihre eigene Terminologie, und die gilt es zu berücksichtigen. Schon jetzt können DeepL-Nutzer Passagen korrigieren, wenn es bei längeren, komplexen Sätzen Probleme geben sollte. Auf diese Weise lernt DeepL weiter dazu.

"Private Nutzer machen eher einen kleinen Teil der Kunden aus",  sagt Kutylowski. "Natürlich freuen wir uns, wenn sich eine Großmutter bei uns bedankt, weil sie nun mit ihrem Enkelkind, das in einem anderen Land wohnt und eine andere Sprache spricht, per E-Mail kommunizieren kann."

Ein Drittel der Zugriffe kommt aus Deutschland, der Rest aus der ganzen Welt. Eine Sprachsteuerung ist momentan nicht geplant. Der Grund: Das gesprochene Wort hat eine andere Komplexität, die Sätze sind komplizierter. Doch eine App soll es bald geben.

Wie sieht es mit dem Datenschutz aus?

Professionelle Übersetzer begegnen der neuen Software zwar offen, aber naturgemäß mit Skepsis. Ralf Lemster, Vizepräsident des Bundesverbandes der Dolmetscher und Übersetzer e.V. (BDÜ), verwendet DeepL zwar selbst, sieht jedoch ein zentrales Problem in der Datensicherheit. "Sogar bei der Bezahlversion von DeepL werden Daten außerhalb der EU übertragen", gibt er zu bedenken. "Das ist schlicht falsch", widerspricht Deepl-Chef Kutylowski "Bei der Pro-Version von DeepL werden Texte nur innerhalb der EU übersetzt. Wobei rein rechtlich Island als EWR-Land auch unter den Schutz der DSGVO fällt."

Auch inhaltlich sieht der Finanzübersetzer Probleme: "Komplexe Fachtexte wie zum Beispiel das Vertragswerk für eine Unternehmensübernahme, ein Patentantrag oder ein Beipackzettel erfordern detaillierte Fachkenntnis und Einhaltung der Fachterminologie – hier haben alle Übersetzungsprogramme erhebliche Schwachstellen. Und bei Marketingtexten stellt sich die Frage, ob diese denn so klingen sollen wie bei allen anderen im Markt."

Von Investoren umschwärmt

"Als wir den Übersetzer, am 29. August 2017 auf den Markt brachten, waren wir alle hundemüde von der harten Arbeit", erinnert sich Kutylowski. "Wir mussten damals viel zwischen unserem Rechenzentrum in Island hin- und herfliegen. Wir hatten schon mit einem positiven Feedback gerechnet, aber dass uns dann innerhalb von einer Woche gleich Anfragen von fast allen Dax-Konzernen erreichten, hat uns schier erschlagen. Entweder wollten sie mit uns zusammenarbeiten oder unsere Übersetzungsmaschine nutzen. Dazu kamen die vielen Anfragen der Medien."

Deepl Firmensitz

Im Hochhaus Nummer 8 des Businessparks in Köln sind die Büroräume für DeepL zu klein geworden


Doch von einer Fusionierung oder einem Börsengang will der DeepL-Geschäftsführer nichts wissen. "Wir fühlen uns momentan gut mit der Unabhängigkeit, die wir haben. Klar, mit einem großen Partner gewinnt man zwar zusätzliche  Möglichkeiten, aber er limitiert auch. Wir wären nicht mehr so frei mit den Entscheidungen, welche Technologien wir nutzen oder auf welchem Betriebssystem wir vorrangig vertreten sein möchten. Dieser Gedanke gefällt uns nicht. Und für einen Börsengang sind wir noch nicht groß genug." Geld verdient das Unternehmen hauptsächlich mit Werbung auf beiden Übersetzungsmaschinen.

Es fehlen noch ein paar Informatikerinnen

Wie sieht ein gewöhnlicher Arbeitstag bei DeepL aus? Mitarbeiter in der Technik entwickeln neue Funktionalitäten. Der Chef versucht mit möglichst wenig Meetings produktiv zu sein. Einen großen Teil der Arbeit machen aktuell Bewerbungsgespräche aus, an denen auch Teammitglieder teilnehmen. So lernen die Kandidaten gleich die Leute kennen, mit denen sie zukünftig zusammenarbeiten.

"Eine gute Arbeitsatmosphäre ist uns wichtig", betont Kutylowski. "Am Anfang waren wir 15 Personen, jetzt haben wir fast 60 Mitarbeiter. Die meisten sind zwischen 30 und 35 Jahre alt. Wir bevorzugen erfahrene Mitarbeiter. Sie sind schneller produktiv und passen besser ins Team." Gern würde der Informatiker auch Frauen einstellen, doch im technischen Bereich passende Kandidatinnen zu finden ist nicht so leicht.

Die Hälfte der Mitarbeiter sind Ingenieure, die anderen Produktmanager und Qualitätsmanager. Zusätzlich beschäftigt DeepL über 500 Freiberufler, mehrheitlich Übersetzer, die bei der Qualitätssicherung helfen.

Inzwischen platzen die Büroräume aus allen Nähten. Daher zieht DeepL im Februar 2020 innerhalb Kölns um. Vielleicht haben sich bis dahin ja einige Frauen dazugesellt.