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"Die Boss" Ist es unanständig, wenn ein Vorstand 10 Millionen verdient, Antje von Dewitz?

Nachhaltigkeit bei Vaude - Antje von Dewitz im "Die Boss" Podcast
Antje von Dewitz, Chefin des Outdoor-Ausrüsters Vaude, über Nachhaltigkeit im Unternehmen
Ja, sagt die Chefin des Outdoor-Ausrüsters Vaude. Sie findet exorbitante Managergehälter "total abwegig". Im stern-Podcast "Die Boss" erzählt sie, wie sie versucht, Zelte und Rucksäcke nachhaltig herzustellen – und warum sie trotzdem nicht in Deutschland produziert.

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Nicht jeder findet Antje von Dewitz' großes Ziel so erstrebenswert wie sie selbst: "Am Anfang haben wir uns die Köpfe eingeschlagen", sagt die Geschäftsführerin über die Konflikte in ihrer Firma, die sie nach ihrem Antritt 2009 auslöste. Sie hat sich vorgenommen, dass Vaude Europas nachhaltigster Outdoor-Ausrüster werden soll. In der neuen Folge des stern-Podcasts "Die Boss" erzählt sie, auf welche Hürden sie noch immer stößt, dass auch Manager das Unternehmen verlassen haben und sie sich vom gewohnten Profit verabschieden musste. Ihre Bilanz bis heute: "Wir verlieren an Marge, gewinnen aber an Kunden mit unserem Weg."

Ihre Strategie habe Auswirkungen auf alle Unternehmensbereiche: "Wir müssen ständig gucken, wie können wir uns Nachhaltigkeit leisten?", sagt sie. Dazu gehöre auch die Frage, wie hoch die Gehälter sein können. "Ich würde das als extrem unanständig empfinden, wenn ich oben rausragen würde." Managergehälter von 10 Millionen Euro, wie sie in DAX-Konzernen vorkommen, empfinde sie ohnehin als "unrealistisch" und "total abwegig".

Von Dewitz, 47, hat die Firma vor etwa zehn Jahren von ihrem Vater übernommen. Vaude hat am Hauptsitz im baden-württembergischen Tettnang-Obereisenbach 500 Mitarbeiter, machte 2019 einen Jahresumsatz von etwa 100 Millionen Euro und lässt bei Zulieferern vor allem in Asien produzieren. Die Herstellung von Outdoor-Produkten gilt als eine schmutzige Industrie mit einem hohen Einsatz an Chemikalien und Wasser, viele der Materialien basieren auf Erdöl.   

Warum Klima-Aktivistin Greta Thunberg sie berührt   

Vaude und von Dewitz wurden für ihr Nachhaltigkeits-Engagement vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2015 mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis der Bundesregierung als "Deutschlands nachhaltigste Marke". Das Unternehmen lässt beispielsweise die Arbeitsbedingungen in seinen Zulieferbetrieben, sein Umweltmanagement und die Umweltkennzahlen extern zertifizieren. "Ich will unbedingt dazu beitragen, dass die Welt lebenswert für meine Kinder bleibt", sagt von Dewitz im Gespräch mit Podcast-Gastgeberin Simone Menne. Mit ihren vier Kindern gehe sie auch auf Klima-Demos und sei berührt von jungen Aktivistinnen wie Greta Thunberg, die den Anstoß dazu gegeben haben.

Vaudes Chefin Antje von Dewitz im "Die Boss"-Podcast
Vaudes Chefin Antje von Dewitz im "Die Boss"-Podcast

Produktion in Deutschland oder Europa? Nicht machbar, sagt sie.

An der Produktion in Asien will sitz nicht rühren. Von Dewitz sagt, für viele ihrer Produkte wie Drei-Lagen-Zelte und Rucksäcke gebe es gar nicht genügend Produktionsstätten in Europa. Denn Know-how, Technik und Kapazitäten seien seit nunmehr Jahrzehnten in Asien aufgebaut worden. Ein weiterer Grund sei der Preis. Doppelt so viel müssten Kunden bezahlen, wenn Vaude hier produzieren würde. "Ich weiß ja, dass meine Kunden schon Schwierigkeiten haben, 20 Prozent mehr für ein nachhaltiges Produkt zu zahlen", sagt sie. “100 Prozent? Ich würde mich einfach vom Markt schießen. Ich würde in Schönheit sterben, in zweifelhafter Schönheit sterben." Ihr Bekenntnis zu Nachhaltigkeit sei kein Widerspruch zur Produktion in Asien. "Meine Haltung ist: Globalisierung kann auch etwas Positives sein, sofern sie fair und ökologisch verläuft."  

Vereinbarkeit: Bei Vaude "sind die Männer die Mutigeren"

Im Podcast erzählt von Dewitz auch von ihren Versuchen, bei Vaude die Vereinbarkeit von Familie und Beruf möglich zu machen. Sie biete etwa Vertrauensarbeitszeit und einen Betriebskindergarten an, sagt sie. "Bei uns im Unternehmen sind die Männer die Mutigeren", sagt sie. Wenn es um neue Arbeitszeitmodelle gehe, probierten sie mehr aus. "Bei den Frauen habe ich das Gefühl, da könnte noch mehr gehen." Sie stelle fest, dass die alten Rollenmuster noch aktiv seien. Sie selbst nehme sich da gar nicht aus: "Ich habe mich selbst immer als feministische Vorkämpferin verstanden. Und dann war ich schwanger und stellte fest, das Schreckgespenst der Rabenmutter schwebt über meinem Kopf und so will ich auf keinen Fall sein."  

In "Die Boss – Macht ist weiblich" sprechen Spitzenfrauen unter sich: Gastgeberin und Multi-Aufsichtsrätin Simone Menne (z.B. BMW, Deutsche Post DHL, Henkel) trifft Chefinnen aus allen Gesellschaftsbereichen, um mit ihnen über ihr Leben und ihre Karriere zu reden. "Die Boss" erscheint vierzehntäglich immer mittwochs auf stern.de und dem Youtube-Kanal des stern sowie auf Audio Now und allen gängigen Podcast-Plattformen. 


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