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Betrug per E-Mail: Nie wieder Millionär sein

Haltet ihr mich wirklich für so blöd? Das fragt sich stern-Reporter Teja Fiedler, wenn er schon wieder E-Mails aus Nigeria, Simbabwe oder Spanien bekommt. Versprochen wird märchenhafter Reichtum gegen eine klitzekleine Gefälligkeit.

Von Teja Fiedler

Wahrscheinlich glauben die, ich habe auch schon bei den sauberen Brüdern Haffa investiert, bei Lehman Brothers oder in eine Kobaltmine auf Haiti. Oder sie ahnen, dass ich ein gutes Herz habe. Warum sonst würden honorige Herrschaften aus aller Welt ausgerechnet mir per E-Mail dauernd Angebote unterbreiten, die ich - frei nach dem Mafia-Paten - "einfach nicht ablehnen kann".

Gatte tot, Geld gerettet

Zum Beispiel Mrs. Janet Joseph aus Sierra Leone, derzeit allerdings wohnhaft im Nachbarland Benin, im Besitz der hübschen Summe von 18 Millionen Dollar und in tiefster Trauer, weil sie zwar auf "diesem bisschen Geld" sitzt, jedoch tragischerweise ihren Gatten in den Wirren eines Bürgerkriegs verlor. Jetzt bittet sie mich, ihr trauriges Erbe in Deutschland krisensicher unterzubringen, gegen Entgelt natürlich. Über dessen Höhe schweigt sich Frau Joseph aus. Die Dame hat Stil.

Ich weiß aber, welchen Anteil man für kleine Gefälligkeiten dieser Art erwarten kann, so ungefähr ein Drittel der Gesamtsumme. Denn die Welt scheint voll von Menschen, die auf Geldsäcken sitzen und mich um Hilfe beim Transfer anflehen, und nicht alle sind so diskret wie Frau Joseph. Zu ihrem Reichtum sind sie immer auf obskure Weise gekommen, aber hallo, wo ist heutzutage noch die Grenze zwischen legal und illegal, da es Herrn Abramowitsch gibt, Hedgefonds-Manager und honorige Bankhäuser, die windige Hypothekenbündel verhökert haben, als wären es Bundesschatzbriefe?

Überall Geschenke

Herr Stephen Webster, Bank of Scotland, möchte 15 Millionen Pfund in deutschen Immobilien anlegen. Sollte ich, eine Kanone des Grundstücksmarkts, sein Geld auf meinem Konto parken und ihm Ratschläge geben, bekäme ich 30 Prozent. Auch Herr Zafad Habib Khan, Banker in Dubai, weiß nicht, wohin - außer zu mir - mit 17 Millionen Dollar. Meine Kommission: ein Drittel des Betrags. Ein ehemaliger Ölscheich aus dem Irak hatte ihm noch zu Lebzeiten Saddams das Geld anvertraut, bevor der dann tragischerweise in des Diktators Kerker zu Tode gefoltert wurde.

Oder den untröstlichen Sohn eines gut betuchten, doch von Mugabes Schergen umgebrachten Mannes aus Simbabwe. Sohnemann weint sich derzeit in Ghana aus und hält Ausschau nach einer mitfühlenden Seele mit Bankkonto, denn Vater hat ihm - sozusagen mit brechenden Augen - eine pralle Aktentasche voller Banknoten als Wegzehrung ins Exil gegeben. Oder, und das zerreißt mir jedes Mal fast das Herz, eine erstaunlich hohe Zahl unheilbar kranker Menschen, meist an Krebs leidend und stets kinder- und erbenlos, die einen moralisch hochstehenden Menschen mit ihrem Reichtum - auch der wieder in Millionenhöhe - beglücken will.

Schwere Entscheidung

Ich muss jetzt also nur noch die Richtigen auswählen aus dieser Schar der Menschheitsbeglücker und dann ab ins süße Millionärsleben. Vielleicht bescheide ich mich aber auch mit den Hauptgewinnen aus diversen Staatslotterien, die mich ebenfalls fast jeden Tag als Glückspilz im Internet orten. Zwar liegt das Preisgeld hier nur in den Hunderttausendern, doch irgendwie nimmt man damit niemandem die sauer ersparten Groschen oder das traurige Erbe weg. Vor allem in Spanien scheint es eine Unmenge von Lotterien zu geben. Da drängen mir zeitgleich "Grupo Bilbao", "Euro Million Spanish Lottery", "Super Sorteo Lottery" "Loterias Primitivas" und "Spanish International E-Mail Award Promotion" einen Volltreffer aus einer E-Mail-Promotion auf, immer so zwischen 500.000 und 700.000 Euro. Aber auch die Holländer sind rührig. Eine niederländische Company, die - Bill Gates, was ist da los? - laut ihrer Mail an mich mit Microsoft kooperiert und neben eher mickrigen 250.000 Euro mir Gewinner auch einen Dell-Laptop zukommen lassen will.

Ich muss einfach Gustav Gans sein. Die fünf Prozent meines Gewinns, die unter ungeklärten Umständen an die Lotterie zurückfließen sollen - wohl aus meiner Tasche und bevor ich meinen Preis in Händen halte - na ja, die zahle ich gern. Und das manchmal auch etwas seltsame Deutsch meiner Glücksbringer, etwa "any Bruch der Vertraulichkeit von seiten der Sieger resultiert zur Disqualifikation" - na ja, mein Spanisch ist auch nicht besser als deren Deutsch.

Nun bin ich ja nicht blöd. Ich habe auch schon von diesen skrupellosen Nigerianern gehört, die vor ein paar Jahren permanent ihre Erdölmillionen außer Landes schaffen wollten und da per Fax gern auf deutsche Zahnärzte zurückgriffen. Die mussten dann irgendwelche finanziellen Vorleistungen von ein paar Zigtausend Dollar erbringen. Angesichts der Millionenbeträge, die sie als treue Makler erwartete, nichts weiter als die berühmten Peanuts. Angesichts der Tatsache, dass die Millionenbeträge nie bei ihnen eintrafen, jedoch eine beträchtliche Summe. Und angesichts der Tatsache, dass Zahnärzte, die wutschnaubend in Nigeria antanzen, dort schon mal umgelegt werden, ein klares Minusgeschäft.

Aber meine neuen, mir noch persönlich unbekannten Freunde aus der ganzen Welt sind keine Gauner. Die wollen keine Vorabkasse. Nur mit mir in Kontakt treten, so schreiben sie alle. Das kann ich gut verstehen. Ich möchte auch gern den Intelligenzquotienten der Person kennen, die eine Millionenüberweisung aus blauem Himmel erwartet. Und erfahren, ob sie an Ufos glaubt.

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