HOME
Serie

Mein Jahr mit Grundeinkommen: Luise Zöllner bekam ein Jahr lang 1000 Euro - so hat sie ihr Leben verändert

Luise Zöllner bekam ein Jahr lang ein bedingungsloses Grundeinkommen von 1000 Euro im Monat. Sie kündigte ihren Job - und nutzte die finanzielle Sicherheit für einen beruflichen Neustart.

Luise Zöllner

Luise Zöllner, 24, erhielt von Mai 2018 bis April 2019 ein bedingungsloses Grundeinkommen

Was machen Menschen mit einem bedingungslosen Grundeinkommen von 1000 Euro im Monat - und was macht das Geld mit ihnen? Das hat der stern Menschen gefragt, die das Glück hatten, ein Jahr lang dieses Geld zu bekommen. Ausgezahlt hat es der Berliner Verein "Mein Grundeinkommen". Seit 2014 hat er - finanziert durch Spenden - rund 500 Menschen ein Jahr mit Grundeinkommen ermöglicht (ein Interview mit dem Gründer lesen Sie hier). Der stern stellt in loser Folge Gewinner vor, die das Jahr bereits hinter sich haben, und lässt sie von ihren Erfahrungen berichten.

Luise Zöllner dachte zunächst, dass sie das Geld gar nicht nötig hätte. Schließlich war sie am Ende ihrer Ausbildung als Physiotherapeutin und bereit, in den Job zu starten. Einen Arbeitsvertrag hatte sie bereits unterschrieben. "Aber als ich im Job angefangen habe, habe ich leider ziemlich schnell gemerkt, dass ich in diesem Beruf nicht weiterarbeiten kann", berichtet die 24-Jährige. Das Grundeinkommen gab ihr den Mut, zu kündigen und sich beruflich noch einmal neu zu orientieren. Hier ist ihr Erfahrungsbericht.

1000 Euro im Monat: Wie funktioniert das bedingungslose Grundeinkommen?

Fortbildung statt Hartz IV

"Als ich das Grundeinkommen gewonnen habe, war ich in der Endphase meiner Ausbildung zur Physiotherapeutin. Ich wusste erst gar nicht mehr, dass ich mich zu der Verlosung angemeldet hatte und war mir im ersten Moment nicht sicher, ob das nicht nur ein Fake ist. Aber dann hat der Verein mir das bestätigt und kurz darauf hatte ich wirklich die ersten 1000 Euro auf meinem Konto.

Erstmal hat sich gar nicht so viel verändert. Ich war gerade im letzten Praktikum, einen Job hatte ich schon sicher. Dazwischen war eine Überbrückungszeit von zwei Monaten und die Idee war, in der Zeit Hartz IV zu beantragen. Aber nachdem das Amt dann nicht nur detaillierte Unterlagen von mir und meinen Eltern haben wollte, sondern auch von meinem Freund und dessen Eltern, musste ich ganz schön schlucken. Das Grundeinkommen hat es mir dann ermöglicht, den Hartz IV-Antrag zurückzuziehen und mir den ganzen Stress für zwei Monate zu sparen. Vom Grundeinkommen habe ich dann meine erste Fortbildung selbst bezahlt - die manuelle Lymphdrainage, die viele Arbeitgeber gerne von Anfang an haben wollen - und danach angefangen zu arbeiten.

"Ziemlich schnell gekündigt"

Und dann kommt eigentlich erst die Situation, in der ich so richtig dankbar dafür war, das Grundeinkommen zu haben. Vorher war es noch etwas schwer für mich, das anzunehmen, weil ich dachte, andere haben es bestimmt nötiger als ich, weil ich ja auch Unterstützung von meinen Eltern bekommen konnte und auch nichts Krasses mit dem Geld machen wollte, sondern in den Job einsteigen wie geplant. Da hatte ich fast schon ein schlechtes Gewissen, dass ich das Geld, was andere gespendet haben, einfach so verlebe.

Aber als ich im Job angefangen habe, habe ich leider ziemlich schnell gemerkt, dass ich in diesem Beruf nicht weiterarbeiten kann. Der Berufsalltag war generell nicht schön, vor allem aber haben meine Hände sehr doll weh getan, weshalb ich dann ziemlich schnell gekündigt habe.

Neue Berufs-Pläne

Ich wusste schon vorher, dass ich noch studieren möchte, wollte aber eigentlich erst ein, zwei Jahre arbeiten. Daraus sind dann nur ein, zwei Monate geworden. Das Grundeinkommen hat es mir ermöglicht, einfach zu kündigen und mir in Ruhe zu überlegen, was ich stattdessen machen möchte. Das war dann der eigentliche Luxus, den mir das Grundeinkommen ermöglicht hat: Nicht darüber nachdenken zu müssen, wie ich jetzt meine Miete bezahle. Sondern zu recherchieren, was ich jetzt eigentlich machen möchte und nicht gleich eine Entscheidung zu treffen.

Früher hatte ich den Plan, Medizin zu studieren, was auch mein Freund zu der Zeit getan hat. Davon bin ich dann abgekommen, weil mir das zu nah an der Physiotherapie dran war. Ich habe erstmal im Fitnessstudio als Trainerin gearbeitet und dann angefangen, Wirtschaftswissenschaften im Fernstudium zu studieren. Da habe ich aber gemerkt, dass mein Mathe-Abiwissen nicht mehr gereicht hat, das im Fernstudium hinzukriegen - und ich bin noch einmal umgeschwenkt. Zum Wintersemester 2018 habe ich mich in Neubrandenburg für Gesundheitswissenschaften eingeschrieben und mich gut eingelebt. Das Studium hat medizinische Anteile und ökonomische und rechtliche und gefällt mir gut.

"Ohne Grundeinkommen hätte ich mich weiter gequält"

Das Grundeinkommen ist vorbei, aber es hat auf jeden Fall nachhaltige Wirkung hinterlassen. Durch die finanzielle Sicherheit hatte ich in dem Jahr mehr Freiheit in meinen Entscheidungen und konnte leichter etwas Neues anfangen. Ohne Grundeinkommen hätte ich mich wahrscheinlich noch ein paar Monate in der Physiotherapie weiter gequält, weil ich mir ja direkt etwas anderes hätte suchen oder meinen Vater hätte anhauen müssen, was ich auch nicht so gerne wollte. Aber eigentlich ging es ja aus gesundheitlichen Gründen nicht.

Was mir das Grundeinkommen auch gezeigt hat, ist, dass es ein schmaler Grat ist zwischen angenehmem Nichtstun und dem Gefühl, gebraucht zu werden. In den Übergangszeiten ohne Job hatte ich am Ende des Tages nicht das Gefühl, etwas Sinnvolles getan zu haben, selbst wenn ich mit Haushalt, mit Hund rausgehen und ähnlichem beschäftigt war. Und das fehlt mir persönlich sehr und hat mich auch nicht glücklich gemacht. Daher denke ich, dass ich auch, wenn ich ewig weiter Grundeinkommen bekommen hätte, diesen Weg gegangen wäre.

1000 Euro waren sehr viel mehr, als ich während der Ausbildung und zum Berufsstart in Teilzeit zur Verfügung hatte. Aber um perspektivisch eine Familie zu ernähren, wäre das ja auch nicht viel. Es ist eben nur ein Grundeinkommen und wer mehr will, muss auch ein bisschen was dafür machen und das ist auch in Ordnung so."

Lesen Sie auch die anderen Teile der Serie:

Protokoll: Daniel Bakir