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Mein Jahr mit Grundeinkommen: Was Sozialarbeiter Jens mit 1000 Euro extra im Monat machte

Jens Dorendorf erhielt ein Jahr lang ein bedingungsloses Grundeinkommen von 1000 Euro im Monat. Hier erzählt der Sozialarbeiter, warum er das Geld nicht allein für sich ausgeben wollte - und wie es ihm sein Umfeld gedankt hat.

Jens Dorendorf, 32, erhielt von März 2018 bis Februar 2019 ein monatliches Grundeinkommen von 1000 Euro

Jens Dorendorf, 32, erhielt von März 2018 bis Februar 2019 ein monatliches Grundeinkommen von 1000 Euro

Was machen Menschen mit einem bedingungslosen Grundeinkommen von 1000 Euro im Monat - und was macht das Geld mit ihnen? Das hat der stern Menschen gefragt, die das Glück hatten, ein Jahr lang dieses Geld zu bekommen. Ausgezahlt hat es der Berliner Verein "Mein Grundeinkommen". Seit 2014 hat er - finanziert durch Spenden - rund 500 Menschen ein Jahr mit Grundeinkommen ermöglicht (ein Interview mit dem Gründer lesen Sie hier). Der stern stellt in loser Folge Gewinner vor, die das Jahr bereits hinter sich haben, und lässt sie von ihren Erfahrungen berichten.

Jens Dorendorf verdiente als Sozialarbeiter in Teilzeit selbst gerade mal 1100 Euro netto als er das Grundeinkommen gewann. Trotzdem hat er den unerwarteten Geldsegen nicht allein für sich verwendet - sondern Freunde, Verwandte und die Jugendlichen aus seinem Jugendclub daran teilhaben lassen. Hier erzählt er von dem Jahr mit Grundeinkommen. 

1000 Euro im Monat: Wie funktioniert das bedingungslose Grundeinkommen?

"Ich habe mich bei der Verlosung von 'Mein Grundeinkommen' angemeldet, weil ich zu der Zeit selbständig war und teilweise unterm Existenzminimum gelebt habe. Aber auch wenn ich manchmal nicht wusste, ob ich im nächsten Monat meine Miete zahlen kann, wollte ich nicht zum Amt. Als ich dann gezogen wurde, hatte ich eine Festanstellung und hatte fast schon ein schlechtes Gewissen, weil ich dachte, du brauchst es jetzt nicht unbedingt, und andere brauchen es vielleicht mehr.

Ich war es eben gewohnt, sehr minimalistisch zu leben. Ich arbeite als Sozialarbeiter in einem Jugendclub in Berlin - in Teilzeit, weil es volle Stellen in dem Bereich kaum gibt. Da verdiene ich etwa 1100 Euro netto und so habe ich mir dann gesagt: Zusammen mit dem Grundeinkommen hast du jetzt ein anständiges Gehalt. Am meisten hat mir das schlechte Gewissen genommen, wie meine Freunde und Verwandten reagiert haben, und wie sie mir das alle gegönnt haben, selbst die, von denen ich dachte, bei denen könnte der Neid durchkommen, weil die es auch nicht leicht haben im Leben. Das war eine schöne Erfahrung, gerade auch, weil ich nicht das größte Selbstbewusstsein hatte.

Von dem zusätzlichen Geld habe ich ein bisschen was für mich ausgegeben, mir eine gute Musikanlage gegönnt, mal ein Wochenende gut gefeiert oder mal wieder Freunde von mir auf Rügen besucht.

Taschengeld für die Jugendlichen

Ich habe aber auch angefangen, andere Leute und Vereine zu unterstützen, die mir wichtig sind. Dem Theaterverein, in dem ich ehrenamtlich tätig bin, habe ich eine neue Lichtanlage gekauft. Eine Freundin, für die ich jahrelang der Babysitter war, die hat eben in dem Jahr keine Rechnung bekommen, sondern ich habe einfach so gesittet. Und in meinem Jugendclub habe ich regelmäßig für die Jugendlichen gekocht und das aus meiner Tasche bezahlt, weil man dafür vom Amt nicht wirklich Geld kriegt.

Außerdem habe ich den Jugendlichen immer wieder die Möglichkeit gegeben, sich ein kleines Taschengeld zu verdienen, damit sie keinen Mist bauen müssen. Wenn sie zum Beispiel im Jugendclub Getränke verkauft haben oder der Tresen umgebaut werden musste oder Möbel transportiert werden mussten, haben die von mir ein kleines Gehalt dafür gekriegt.

Ich habe schon immer, wenn ich Geld hatte und es mir gut ging, das auch weitergegeben. Wenn es mir gut geht, soll es den anderen um mich herum auch gutgehen.

An 1000 Euro extra kann man sich schon gut gewöhnen, aber ich wusste ja von Anfang an, dass das nach einem Jahr ein Ende hat und konnte mich darauf einstellen. Jetzt müssen wir halt wieder gucken, dass wir andere Gelder auftreiben, dass die Jugendlichen trotzdem im Club was zu essen haben, die mussten sich halt auch dran gewöhnen, dass mein Geldbeutel wieder schmaler ist. Klar fehlen da 1000 Euro und man vermisst die, alles andere wäre gelogen.

Raus aus der Bittstellerhaltung

Trotzdem ist es nicht einfach wieder wie vorher. Die Selbstsicherheit, die mir die 1000 Euro gegeben haben, ist immer noch da. Ich gehe jetzt zum Beispiel ganz anders in Verhandlungen.

Neben der Arbeit im Jugendclub mache ich noch Projektarbeit, Straßenfeste organisieren, offene Jugendarbeit, sowas. Und da sage ich jetzt viel eher: Da müssen wir nochmal über die Bezahlung reden, weil das, was du verlangst, kann ich in der Zeit gar nicht schaffen. Ich habe in dem Jahr die Erfahrung gemacht, dass verhandeln geht und das man aus dieser Bittstellerhaltung rauskommen und sich selber vermarkten kann. Und das ist geblieben, auch wenn das Grundeinkommen nicht mehr da ist.

In meinem Job wäre ich auch geblieben, wenn ich das Grundeinkommen unbegrenzt weiter bekommen hätte. Einer meiner Kumpels meinte mal: Was gehste denn noch arbeiten? Da hab ich gesagt: Weil mir sonst die Decke auf den Kopf fällt und ich meinen Job mag. Ich hab mir den Job gesucht, den ich haben will und bin glücklich damit. Hätte ich meinen Job nicht gemocht, hätte ich mir einen anderen gesucht. Gar nicht zu arbeiten, ist keine Option für mich. Ich bin auch der Meinung, dass jeder das Bedürfnis hat, irgendwas zu machen, dass es aber wichtig ist, Dinge zu machen, die einem am Herzen liegen.

Das sehe ich auch in der Jugendarbeit. Wenn meine Jugendlichen aus der Schule rauskommen, nehmen viele erstmal irgendeinen Job, weil sie sich finanzieren müssen. Da sind Existenzängste, die sie in ihrer Findungsphase vollkommen hemmen. Mit 1000 Euro Grundeinkommen hätten sie die Möglichkeit, sich erstmal zu finden und dann das zu machen, auf das sie wirklich Bock haben. Das würde dafür sorgen, dass die Menschen glücklicher sind und glückliche Menschen haben keinen Hass auf andere Menschen."

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Protokoll: Daniel Bakir