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Interview

Experiment "Mein Grundeinkommen": 1000 Euro Grundeinkommen. Ein Jahr lang. Was haben die Menschen damit getan?

Ein Berliner Verein verlost seit 2014 Grundeinkommen von 1000 Euro. Bedingungslos, ein Jahr lang. Aber was tun die Menschen mit dem Geld? Gründer Michael Bohmeyer ist zu Gewinnern in ganz Deutschland gereist und hat nachgefragt. Die Antworten reichen von banal bis erstaunlich.

1000 Euro im Monat: Wie funktioniert das bedingungslose Grundeinkommen?

Theorien darüber, wie ein bedingungsloses Grundeinkommen wirkt, gibt es viele. Der Berliner Verein "Mein Grundeinkommen" sammelt seit 2014 Praxiserfahrung. Er verlost für jeweils ein Jahr ein Grundeinkommen von 1000 Euro im Monat, finanziert durch Spenden. Rund 250 Menschen haben das Grundeinkommen bereits bekommen. Nun hat Michael Bohmeyer, Gründer von "Mein Grundeinkommen", 24 Gewinner in ganz Deutschland besucht, um herauszufinden, was aus ihnen geworden ist. Die Ergebnisse seiner Gespräche hat er in dem Buch "Was würdest du tun? Wie das bedingungslose Grundeinkommen uns verändert" aufgeschrieben, das am 25. Januar erscheint. Wir haben mit ihm über das Experiment und seine Reise gesprochen.

Michael Bohmeyer, geboren 1984, ist Gründer des Vereins "Mein Grundeinkommen". Mit 16 Jahren gründete er sein erstes Start-up, die Beteiligung an seiner letzten Firma finanziert ihm eine Art Grundeinkommen von knapp 1000 Euro monatlich. Das veränderte sein Leben. Um herauszufinden, ob das allen Menschen so geht, verschenkte er das erste bedingungslose Grundeinkommen in Deutschland, das per Crowdfunding gesammelt wurde. Inzwischen arbeiten 25 Mitarbeiter für den Verein, der jährlich drei Millionen Euro über Spenden einwirbt und monatlich mehrere Grundeinkommen verlost.

Michael Bohmeyer, geboren 1984, ist Gründer des Vereins "Mein Grundeinkommen". Mit 16 Jahren gründete er sein erstes Start-up, die Beteiligung an seiner letzten Firma finanziert ihm eine Art Grundeinkommen von knapp 1000 Euro monatlich. Das veränderte sein Leben. Um herauszufinden, ob das allen Menschen so geht, verschenkte er das erste bedingungslose Grundeinkommen in Deutschland, das per Crowdfunding gesammelt wurde. Inzwischen arbeiten 25 Mitarbeiter für den Verein, der jährlich drei Millionen Euro über Spenden einwirbt und monatlich mehrere Grundeinkommen verlost.

Herr Bohmeyer, Sie sind durch ganz Deutschland gefahren, um herauszufinden, was die Leute mit dem Grundeinkommen gemacht haben, das sie ein Jahr lang bekommen haben. Wie entsetzt waren sie, als Sie erfuhren, dass viele Leute das Geld verprassten statt die Welt zu verbessern?

Manche sparen, manche investieren, manche konsumieren. Was Menschen halt so mit Geld machen. Wir kamen sicher mit überladenen Erwartungen an, was mit dem Geld passieren würde. Und dann waren das oft eher banale Sachen. Zumindest auf den ersten Blick.

Sie beschreiben zum Beispiel "Vitrinen-Alex", der sein Kleinstadt-Leben als Maschinenführer genauso weiter lebt wie vorher, nur dass er jetzt zu teuren Konzerten von US-Stars wie Bruno Mars geht - und die Eintrittskarten in einer Vitrine ausstellt.

Das fühlte sich erstmal sehr enttäuschend an. Später haben wir festgestellt, dass das, was Alex da gekauft hat, eine große Bedeutung hat. Für ihn war es wichtig zu spüren, dass er gesellschaftliche Teilhabe haben kann, sich auch mal was leisten kann. Bei allen Gewinnern hat ein Nachdenken eingesetzt und eine Reflektion übers Leben, die über das Geld hinausgeht. Im Laufe der Buchrecherchen haben wir festgestellt, dass es weniger darum geht, was die Menschen mit dem Geld machen, sondern was das Geld mit den Menschen macht. Genaugenommen: die Bedingungslosigkeit des Geldes.

Einige Gewinner gönnten sich teure Flugreisen. Eine flog sogar zwei Mal innerhalb eines Jahres nach Australien. Sie gab zwar auch an, vermehrt auf Bioprodukte geachtet zu haben, aber an der verheerenden Ökobilanz ändert das nichts. Man könnte sagen: Mit dem Grundeinkommen wurde die Zerstörung der Umwelt bezahlt.

So ähnlich dachten wir zunächst auch. Die Reisen waren aber nicht einfach Hedonismus, sondern hatten bei vielen Leuten etwas mit Flucht aus dem Alltag zu tun hat. Der Alltag ist geprägt von Druck und Stress. Durch das Grundeinkommen kommt Freiheit und Entspannung ins Leben. Ich glaube, wenn die Leute nicht mehr fliehen müssen und sich nicht mehr glücklich konsumieren müssen, weil es ihnen im Alltag besser geht, gehen auch Reisen und Konsum zurück.

Was kaufen die Menschen noch von einem bedingungslosen Grundeinkommen? Gab es noch andere Konsumgüter, bei denen Sie gedacht haben: Das musste doch nicht sein!

Wir haben ganz schnell aufgehört, darüber zu werten, weil bedingungslos eben bedingungslos heißt. Natürlich gab es Fälle, wie den Langzeit-Multijobber, der sich endlich mal einen Hummer im KaDeWe geleistet hat und ganz stolz seine Familie zum Essen eingeladen hat. Das ist okay. Wer sich Hummer kaufen will, soll sich Hummer kaufen. Manchmal muss man sich eben dreimal Quatsch kaufen, bis man merkt, dass der Quatsch auch nicht glücklicher macht und es im Leben eigentlich um was anderes geht. Das ist eine Lernerfahrung.

Da das Grundeinkommen verlost wurde, haben es auch Leute bekommen, die so viel Geld haben, dass sie es gar nicht brauchten. Die haben es einfach aufs Konto gelegt - oder in Aktien investiert. Wo ist da der positive Effekt des Grundeinkommens?

Selbst bei Menschen, die das Geld nicht wirklich brauchten, hat es einen Effekt gehabt. Sie stellten sich Fragen wie: Mach ich meinen Job eigentlich gerne? Was will ich im Leben noch erreichen? Fragen, die sich viele Leute sonst nicht stellen

Haben Sie jemanden getroffen, dem Sie das Geld absolut nicht gegönnt haben?

Nein, tatsächlich nicht. Es gab allerdings schon spezielle Fälle. Wir haben zum Beispiel einen Mann getroffen, bei dem sich im Gespräch herausstellte, dass er der Reichsbürgerszene angehört. Da musste ich erstmal schlucken. Aber dann habe ich gemerkt, dass gerade er das Grundeinkommen braucht. Der Mann war 60, seit vielen Jahren arbeitslos, ein Industrieverlierer, aber wahnsinnig stolz und freiheitsliebend. Weil er in unserem System nicht Fuß fassen konnte, lehnte er das System ab. Mit dem Grundeinkommen hat er sich nicht weiter radikalisiert, sondern wie er sagte "seine letzte Chance" genutzt und sich mit einem Onlinemarketing-Geschäft selbständig gemacht. Anders als vorher im Hartz-IV-System hat er wieder Hoffnung geschöpft und an seine eigene Kraft geglaubt. Das ist gerade in Zeiten der gesellschaftlichen Spaltung wichtig, damit die Leute sich nicht abgehängt fühlen und sich politisch radikalisieren.

Ein Vater bat Sie darum, anonym zu bleiben, damit er von dem Grundeinkommen nicht mehr Unterhalt für seinen Sohn zahlen muss. Da ist es doch schwer, nicht zu urteilen.

Wir haben alleinerziehende Mütter getroffen, die keinen Unterhalt bekommen und wir haben Männer getroffen, die keinen Unterhalt zahlen. Alle Seiten hatten gute Gründe, so zu handeln, wie sie gehandelt haben. Mit Grundeinkommen wäre das Problem gar nicht da, weil einfach jeder Erwachsene seine 1000 Euro bekommt und für ein Kind, um das er sich kümmert nochmal die Hälfte.

Welche Rolle spielte das Thema Sparen und Investieren?

Eine erstaunlich große. Bei Menschen, die vorher von der Hand in den Mund gelebt haben, hat sich auf einmal der Planungshorizont ausgeweitet. Einige haben sich selbständig gemacht, andere fortgebildet. Entscheidend ist, dass sich ein Gefühl von Eigenverantwortung und Sicherheit entwickelt: Ich kann auch was wagen und wenn ich scheitere, bekommen ich nächsten Monat wieder 1000 Euro.

Diese Sicherheit fehlt im aktuellen System?

Wer aus einer halbwegs wohlhabenden Familie stammt - und da zähle ich mich durchaus dazu - der wächst mit einem Grundgefühl an Sicherheit auf. Man kann auch was wagen, irgendjemand passt immer auf. Aber 40 Prozent der Menschen in Deutschland haben einfach gar kein Vermögen und sie werden auch keines erben. Das ist der blinde Fleck der Politik. Die Leute, die Politik machen, kommen selbst aus privilegierten Verhältnissen und argumentieren immer sehr rational. Den Leuten fehlt aber gar nicht so sehr das Geld, das bekommt man zur Not ja durch Hartz IV. Das Problem ist, dass ihnen durch die Sanktionen und die Bürokratie und die Ansprache der Mut genommen wird, ins Risiko zu gehen und ihre Situation zu verbessern. Ein bedingungsloses Grundeinkommen nimmt Ängste. Und wer weniger Ängste hat, musst sie auch nicht auf andere projizieren und in Form von Hass ausleben.

Welche positiven Effekte konnten Sie bei Ihren Grundeinkommensgewinnern noch beobachten?

Das Geld gab den Menschen so viel Sicherheit, dass sie selbstfürsorglicher wurden. Wir leben in einer wahnsinnig ausgebrannten Gesellschaft. Alle Gewinner, mit denen wir sprachen konnten besser schlafen mit dem Grundeinkommen. Es waren sogar zwei Morbus-Crohn-Patienten dabei, deren stressbedingte Schübe aufhörten, sodass sie ihre Medikamente absetzen konnten. Ein Obdachloser hat aufgehört, Alkohol zu trinken. Ein Sozialarbeitertraum.

Sie haben Anekdoten und Thesen zum Grundeinkommen zusammengetragen, aber keine belastbaren Erkenntnisse. Wie geht es mit dem Experiment jetzt weiter?

Unser Buch soll inspirieren und anregen, über das Thema nachzudenken. Im nächsten Schritt ist es wichtig, die Arbeitsthesen, die wir bekommen haben, mit Fakten zu untermauern. Daher wollen wir das Ganze auf eine wissenschaftliche Ebene heben. Wir werden in Zusammenarbeit mit zwei Forschungsinstituten in diesem Jahr das erste deutsche Pilotprojekt zum Bedingungslosen Grundeinkommen starten. Eine repräsentative Gruppe von Menschen wird ein dauerhaftes Grundeinkommen bekommen. Da wird dann alles gemessen: der Stresslevel, der CO2-Fußbadruck, das Erwerbsverhalten und so weiter.

Was erhoffen Sie sich von dem wissenschaftlichen Versuch?

Ich hoffe, dass sich das, was wir jetzt als Anekdoten für das Buchprojekt zusammengetragen haben, sich auf die Gesellschaft übertragen lässt. Dass die Menschen weniger Burnout-gefährdet sind. Dass sie aus ihren Verlustängsten rauskommen. Nur wenn wir die Kraft haben, nicht zu zerbrechen, können wir die Herausforderungen der Zukunft bewältigen, wie die Auswirkungen der Digitalisierung und den Klimawandel. Ich hoffe, dass das Grundeinkommen die Erkenntnis fördert, dass es nicht ums Haben geht, sondern ums bedingungslose Abgesichertsein. Wenn wir das wissenschaftlich untermauern können, wäre das der Hammer. Wenn das nicht herauskommt, bin ich genauso bereit, die Idee des Grundeinkommens wieder fallen zu lassen. Dann suchen wir eine neue Idee.

1000 Euro im Monat: Wie funktioniert das bedingungslose Grundeinkommen?
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Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.