Europäischer Zahlungsverkehr Bankgeschäfte werden günstiger


Nach jahrelangen Vorbereitungen starten die europäischen Banken den gemeinsamen Zahlungsverkehrsraum. Bis 2012 werden unter anderem Lastschriften in andere Staaten genauso teuer sein wie im Inland. Die EU erwartet so eine erhebliche Entlastung der Verbraucher.

Nach jahrelangen Vorbereitungen starten die europäischen Banken den gemeinsamen Zahlungsverkehrsraum (SEPA - Single Euro Payments Area). Das bargeldlose Bezahlen über die Grenzen hinweg soll damit in Europa einfacher und schneller werden. Die Neuerungen sollen schrittweise bis 2012 eingeführt werden. Am Ende werden Überweisungen, Kartenzahlungen und Lastschriften in Euro genauso kostengünstig und sicher sein wie innerhalb eines Landes. 31 europäische Länder nehmen teil - die 27 EU-Staaten sowie Island, Norwegen, Liechtenstein und die Schweiz.

Für Unternehmen nicht ganz unwichtig: Mit der Ausweitung gebührenfreier Auslandsüberweisungen fällt auch die bisherige Obergrenze von 50.000 Euro weg. Ab 2012 dann sollen im Sepa-Raum Überweisungen, bei denen keine Währungsumrechnung erforderlich ist, spätestens am Abend des nächsten Arbeitstags beim Empfänger eintreffen.

Problemlose Auslandsüberweisungen

Langfristiges Ziel von SEPA ist die Einführung eines europäischen Lastschriftverfahrens, das spätestens Ende 2009 zur Verfügung stehen soll. Nach der Umstellung wird es zum Beispiel keine Rolle mehr spielen, ob ein Kunde die Miete für eine Ferienwohnung in Deutschland oder auf einer Mittelmeerinsel überweisen möchte. Damit wäre das Sepa-Ziel "alles von einem Konto" erfüllt.

Für die Verbraucher augenfälligste Veränderung auf dem Überweisungsformular sind die internationalen Bankkontonummern (Iban) und die internationalen Bankleitzahlen (Bic), die die bisherigen Kontonummern und Bankleitzahlen ersetzen. Auch bei der Bestellung von Waren auf ausländischen Websites könnten Verbraucher dann als neue Zahlungsmöglichkeit das Lastschriftverfahren anstelle der Kreditkarte nutzen. Die EU-Kommission sieht für die europäische Wirtschaft ein Einsparpotenzial von 28 Milliarden Euro jährlich.

Konkurrenz von EC, Maestro und Visa

Zunächst einmal aber soll Sepa mehr Wettbewerb in die Welt der Kartenzahlungen bringen. Bislang ist der Markt in Europa säuberlich aufgeteilt: Inländische Zahlungen werden in den meisten EU-Staaten über ein nationales System abgewickelt, in Deutschland über das sogenannte EC-Kartensystem (EC steht für "electronic cash"). Kommt dieselbe Karte im Ausland zum Einsatz, laufen die Zahlungen dagegen meistens über das von Mastercard aufgebaute Maestro-System. Auf den von deutschen Banken ausgegebenen Debitkarten, so der Fachbegriff für das Plastikgeld, prangen daher in der Regel sowohl das EC- als auch das Maestro-Logo.

Künftig allerdings werden "die beiden befreundeten Marken auf einer Karte miteinander konkurrieren", wie Hugo Godschalk von der Frankfurter Unternehmensberatung Paysys erläutert. Die deutschen Banken sind bemüht, ihr EC-System mit den nationalen Zahlungssystemen anderer Länder zu vernetzen. Maestro wiederum könnte künftig auch im Inland zum Einsatz kommen.

Mit dem Debitkarten-System V-Pay des Kreditkartenanbieters Visa steht auch noch eine dritte Alternative zur Verfügung. Diese Konkurrenz sollte theoretisch zu einer Senkung der Gebühren führen, die der Einzelhandel bislang bei Kartenzahlungen an die Banken entrichten muss - und damit im besten Fall auch zu sinkenden Verbraucherpreisen. Im schlechtesten Fall droht ein Duopol von Mastercard und Visa: Rund 85 Prozent der Händler im Europäischen Wirtschaftsraum, die überhaupt Debitkarten annehmen, akzeptieren nach Angaben von Mastercard heute schon Maestro-Karten. Die Geldautomaten seien zu fast 100 Prozent abgedeckt. V-Pay ist zwar weniger verbreitet, aber immerhin auch schon international aufgestellt.

Das deutsche Kreditgewerbe ist nun bemüht, sich von Mastercard und Visa unabhängig zu machen. Bislang wäre die EC-Karte ohne Maestro- oder V-Pay-Logo aber nur an 65.000 Geldautomaten in zehn Ländern brauchbar, das sind rund 25 Prozent der Automaten in Westeuropa. Sie gehören zu Eufiserv, einem europaweiten Netzwerk von Geldautomatenbetreibern, dem sich die meisten deutschen Banken angeschlossen haben. Für Kartenzahlungen bei Händlern im Ausland bringt das allerdings nichts.

EC und Maestro zuversichtlich

Die im November gegründete Europäische Allianz für Zahlungssysteme (EAPS) soll das ändern. Der EAPS gehören neben deutschen Banken Kreditinstitute aus Großbritannien, Portugal, Italien und Spanien sowie die Träger des Geldautomaten-Netzwerks Eufiserv an. Daneben schlossen die deutschen Kreditinstitute ein bilaterales Abkommen mit den österreichischen Banken.

Nach Ansicht von Unternehmensberater Godschalk wird das deutsche Kreditgewerbe diese Auslandsaktivitäten langfristig auch dazu nutzen, um das Vordringen von Mastercard und Visa auf dem heimischen Markt einzuschränken. Wenn die EC-Karte erstmal in mehreren anderen Staaten einsetzbar sei, könnten die Banken das Maestro- oder V-Pay-Logo aus ihrem Standardangebot streichen, meint Godschalk. Ohnehin würden nur etwa 20 Prozent der 90 Millionen deutschen Debitkarten im Ausland eingesetzt. Die wenigen Kunden, die eine weltweit einsatzfähige Maestro- oder V-Pay-Karte wünschten, müssten dann eben einen Aufpreis zahlen.

Bei Mastercard zeigt man sich gelassen: "Die Frage ist, ob die Bank den Kunden die Funktionalität des Maestro-Logos wegnehmen will", sagt Luke Olbrich, Hauptverantwortlicher des Unternehmens für SEPA. Und Jürgen Uthe, bei Mastercard verantwortlich für Sepa in Deutschland, Österreich und der Schweiz, fügt hinzu: "Wir haben mit den deutschen Banken eine gute Zusammenarbeit und sind recht zuversichtlich, dass das Maestro-Logo auf den Karten drauf bleibt."

Günstig für EU, teuer für die Banken

Nach der Einführung des Euro-Bargeldes zum 1. Januar 2002 ist Sepa der zweite große Schritt bei der Vereinheitlichung des Zahlungsverkehrs in Europa. Sepa geht allerdings weit über den Euro-Raum hinaus. Die Gemeinschaftswährung ist bislang nur in 15 europäischen Staaten gesetzliches Zahlungsmittel. Auf Sepa umgestellt werden die Konten von rund 330 Millionen Menschen in den 27 EU-Staaten sowie in Norwegen, Island, Liechtenstein und der Schweiz. Lastschriften oder Bankeinzüge nach europäischem Recht müssen die Kunden neu erteilen. Damit fällt ein einmaliger Umstellungsaufwand an.

Über Kosten und Nutzen von Sepa gibt es verschiedene Schätzungen: Die EU-Kommission erwartet 50 bis 100 Milliarden Euro geringere Kosten jährlich. Auf die Banken in Europa kommt im Zahlungsverkehr nach Studien ein Erlösverlust von 18 Milliarden Euro im Jahr zu, für die deutschen Kreditinstitute werden 4,5 Milliarden Euro Einnahmeverlust veranschlagt. Hinzu kommen Investitionskosten in Milliardenhöhe.

DPA/ AP/ Reuters AP DPA Reuters

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