GESPERRT! Heinrich Haasis "Alle waren zu gierig"

Zusammen sind die 438 Sparkassen mit ihren 50 Millionen Kunden die größte Bank der Welt. An der Spitze ihres Verbandes steht Heinrich Haasis. Er wurde von Privatbankern oft verspottet. Jetzt schlägt der biedere Geldverwalter zurück.

Herr Haasis, ist "Banker" ein Schimpfwort?

Es ist jedenfalls im Augenblick keine besonders freundliche Bezeichnung.

Sind Sie ein Banker?

Nein, ich bin keiner. Ich war mal Bürgermeister, Landrat, auch Abgeordneter und bin über die Arbeit als Verwaltungsratsvorsitzender vor 27 Jahren in die Sparkassen-Welt gekommen.

Sparkassen galten in den vergangenen Jahren als verschnarchte Hilfsbanken. Waren Sie neidisch auf die Investmentbanker in Frankfurt, London oder New York?

50 Millionen Kunden sehen das anders. Wir Sparkassler haben uns immer mit dem traditionellen Geschäft gut gefühlt: von den Menschen Geld einsammeln, es sicher verwahren, mit Zinsen und Erträgen wieder zurückgeben, anderen Kredit geben. Das "moderne Banking" - Geld gegen Geld rund um die Welt, ohne reale Wirtschaftsleistung - brachte irre Renditen. Doch nun sieht man, wohin es geführt hat.

Was unterscheidet Sie von Josef Ackermann, dem Chef der Deutschen Bank?

Er ist der operative Chef einer Bank, die weltweit tätig ist. Wir Sparkassen sind eine Verbundorganisation. Das heißt, wir haben 438 selbstständige Sparkassen überall in der Bundesrepublik, die selbstständig bilanzieren und dadurch vor Ort hart arbeiten müssen. Wir sind den Menschen in der Region verpflichtet.

Die Sparkassen-Finanzgruppe hat 3,6 Billionen Euro Geschäftsvolumen - deutlich mehr als die Deutsche Bank. Verdienen Sie auch so viel wie Josef Ackermann?

Nein. Ich bin Verbandspräsident, da backt man sehr viel kleinere Brötchen. Das ist auch vollkommen okay so.

Würden Sie nicht auch gern 14 Millionen Euro verdienen?

Oh Gott, auf die Idee bin ich nie gekommen. Ich bin zufrieden mit dem, was ich verdiene. Ich kann jedem Kunden und jedem Bürger mit gutem Gewissen in die Augen schauen.

Deswegen finden Sie wahrscheinlich auch die 500.000 Euro Gehaltsdeckel für Bankchefs, die staatliche Hilfe in Anspruch nehmen wollen, richtig?

Ich verstehe, dass die Politik, wenn sie Geld des Steuerzahlers als Eigenkapital in eine Bank einbringt, auch als Aktionär Einfluss nimmt.

Sie haben gesagt, dass Sie kein Banker sind. Hat Ihnen das in der Finanzkrise geholfen?

Ja. Wir sind nicht diesen Fantasieprodukten nachgejagt. Wir nehmen auch Rücksicht auf die Leistungskraft des Kunden. Manch einer mag sich noch vor ein oder zwei Jahren geärgert haben, wenn wir sein Haus nur zu 60, maximal 80 Prozent beleihen wollten. In den USA hat man teilweise 120 Prozent des Wertes als Kredit bekommen. Ich denke, man tut den Kunden keinen Gefallen, wenn man sie in Produkte treibt, von denen man weiß, dass sie sich die am Ende gar nicht leisten können.

Die 25 Prozent Rendite der Deutschen Bank wurden zum Maßstab im Bankgeschäft. War das ein Fehler?

Ich urteile nicht über andere, sondern stehe für unsere Gruppe ein. Es gilt der alte Grundsatz: Wo eine hohe Rendite ist, ist auch ein hohes Risiko. Wenn es mal eine Zeit lang gut geht, glaubt man, es geht immer gut. Aber das stimmt natürlich nicht. Viele haben geglaubt, je komplizierter die Produkte sind, die von Mathematikern entwickelt wurden, desto sicherer kann man Risiken ausschließen. Es zeigt sich jetzt, dass auch durch noch so moderne Methoden Risiken nicht weggezaubert werden können.

Wie hoch kann denn eine sichere Rendite im Bankgewerbe sein?

Die Finanzbranche ist eine dienende Branche. Das ist teilweise aus den Augen verloren worden. Und sie hat sich zu sehr entfernt von der realen Wirtschaft. Ich glaube, dass die Finanzbranche langfristig nicht mehr verdienen kann als die Kundschaft selbst. Renditen in der Größenordnung von 25 Prozent kann es da nicht geben. Vor drei Jahren bin ich noch ausgelacht worden, wenn ich so etwas gesagt habe. Es hieß, die können es wohl nicht, die stoßen nicht in die moderne Welt vor.

Zur Person

Stille Macht

Heinrich Haasis, 63, ist seit Mai 2006 Präsident des Deutschen Sparkassenund Giroverbandes (DSGV) sowie Chefaufseher der Deka-Bank. Zuvor stand er 15 Jahre an der Spitze des Sparkassen-Verbandes in Baden-Württemberg. Seine Vorgänger im Amt seit 1972 waren Helmut Geiger, Horst Köhler (heute Bundespräsident) und Dietrich H. Hoppenstedt. Alle vier Männer sind auch Unionspolitiker. Haasis war in Baden-Württemberg zunächst Bürgermeister, später Landrat und schließlich stellvertretender Fraktionschef im Stuttgarter Landtag. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Mitarbeiter sagen, er könne zeitgleich Konferenzen leiten, Akten studieren, Vermerke notieren und SMS schreiben - auf Schwäbisch.

Klingt da jetzt Genugtuung mit?

Ein bisschen schon. Wenn man bedenkt, dass vor anderthalb Jahren Ratingagenturen gefragt haben, was die Sparkassen mit dem vielen Eigenkapital machen. Heute fragt sie das niemand mehr. Jetzt wissen wieder alle: Möglichst viel Eigenkapital ist eine stabile Basis.

Sind die Einlagen der Sparkassenkundschaft heute deswegen absolut sicher?

Wenn der Himmel nicht runterfällt: ja.

Würden Sie dafür persönlich Ihre Hand ins Feuer legen?

Ja.

Schämen Sie sich für jene Kollegen, die das Finanzsystem zertrümmert haben?

Ich persönlich habe mir nichts vorzuwerfen. Aber die Finanzbranche ist in Teilen dafür verantwortlich, dass Ersparnisse verloren gegangen sind, dass die Wirtschaft sich abschwächt. Doch das müssen dann schon diejenigen auf sich nehmen, die diese Kultur geprägt haben.

Goldman Sachs, UBS, Commerzbank …

Es sind Fehler gemacht worden. Man muss Lehren daraus ziehen. Und man muss auch sehen, dass es nicht mehr so weitergehen wird wie bisher. Da müssen wir bei den Sparkassen weniger ändern als andere.

Sind die Sparkassen ein Gewinner der Krise?

Gewinner an Vertrauen sind wir auf jeden Fall. Die Menschen wissen wieder, was sie an uns haben. Dass es in erster Linie auf Sicherheit ankommt, hat sich im Bewusstsein wieder ganz tief eingeprägt. Es ist eben etwas anderes, ob ich beim Schuhkauf oder beim Geldanlegen auf Schnäppchenjagd gehe. Bei einer Finanzdienstleistung brauche ich langfristiges Vertrauen. Die Geldzurück-Garantie ist das Wichtigste, erst dann kommt der Ertrag.

Wie kann man die Gier im Zaum halten?

Ich denke, Ehrgeiz gehört zum Wettbewerb. Die ganze Marktwirtschaft beruht darauf, dass jeder später mehr haben will als heute. Aber man darf nicht verantwortungslos werden und muss Kreditinstitute haben, die einen entsprechend begleiten. Wir erleben im Augenblick eine totale Renaissance des Modells der Sparkassen.

Ist der Glaube an den Kapitalismus jetzt nachhaltig gestört?

An der sozialen Marktwirtschaft führt kein Weg vorbei, sie war und ist erfolgreich. Aber der Glaube ist etwas erschüttert, das gebe ich zu. Firmenchefs müssen jetzt wissen, dass sie der Gesellschaft insgesamt dienen müssen. Unternehmen müssen zwar Geld verdienen, um im Wettbewerb zu überleben. Aber wir brauchen jetzt ein Abrücken vom Streben nach der Höchstrendite. Auch global agierende Konzerne müssen wieder lernen, dass es ohne Verankerung und Verwurzelung im Heimatmarkt nicht geht.

Brauchen wir eine stärkere Regulierung der Banken?

Ja, gerade für Investmentbanken, die bisher keine hatten. Aber wir brauchen jetzt nicht für jeden Mittelstandskredit eine stärkere Regulierung. Da ist sogar ein bisschen Erleichterung möglich.

Wie viel brauchen die Sparkassen aus dem 500-Milliarden-Rettungspaket der Regierung?

Aus heutiger Sicht werden die Sparkassen das Programm nicht brauchen. Bei Landesbanken wird das anders sein. Ich finde es richtig, wenn die großen Banken die staatlichen Hilfsangebote in Anspruch nehmen. Denn nur dann wird sich wieder Vertrauen einstellen - und das ist ja das Ziel. Die Zahl 500 Milliarden erschreckt natürlich gewaltig, aber ich kann mir vorstellen, dass da nach zwei, drei Jahren kein Minus übrig bleibt. Denn ein Großteil der Summe ist für solche Bürgschaften vorgesehen, und wo der Staat tatsächlich mit echten Kapitalspritzen hilft, bekommt er ja auch Gegenwerte.

Wann wird sich die Finanzwelt wieder beruhigt haben?

Man darf jetzt nicht ungeduldig sein, so nach dem Motto: Jetzt kommt der Schirm des Staates, alles geht nach oben. Wer so denkt, wird enttäuscht. Und das schadet dem Ganzen. Ich denke schon, dass es ein paar Monate braucht, bis die Normalität an den Bankmärkten wieder einkehrt.

Derweil hat auch Ihre Sparkassen-Welt Probleme: Haben die Landesbanken, etwa WestLB oder BayernLB, eine Zukunft?

Dezentrale Sparkassen brauchen Spezialdienstleister. Aber diese müssen sich strukturell verändern. Das wird auch zur Veränderung der Zahl der Landesbanken führen.

Entsteht da eine neue Megabank?

Nein, nein. Diejenigen, die sich zusammenschließen, müssen kleiner werden. Zwei und zwei wird nicht vier, sondern drei. Wir wollen kein intelligenzloses Zusammenschieben. Natürlich heißt das bei jedem Zusammenschluss erst mal Rückführung von Geschäften ohne Bezug zur realen Wirtschaft, zum Teil auch Personalabbau. Das ist immer schmerzlich. Aber ohne wird es nicht gehen.

Sogenannte Zertifikate aus dem Hause Lehman Brothers wurden über Nacht wertlos, weil die Bank in die Insolvenz ging. Diese Wertpapiere wurden auch von Sparkassen vertrieben. Warum eigentlich?

Drei von 438 Sparkassen haben in größerem Umfang Lehman-Zertifikate verkauft. Das stimmt. Mancher Kunde wollte höhere Renditen. Die gab es theoretisch für Lehman-Zertifikate. Und: Lehman war mal eine gute Bank. Niemand hätte vor anderthalb Jahren auf eine Pleite von denen gewettet. Aber jeder Kunde, der ein Zertifikat gekauft hat, musste wissen, dass er ein Risiko eingeht.

Sie sagen: Die Kundschaft war zu gierig. Waren es nicht auch Sparkassen, die der Provisionsgier erlegen sind?

Alle waren zu gierig. Ich kann nicht einmal ausschließen, dass sich auch Sparkassen-Berater haben mitreißen lassen. Aber unsere Geschäftsphilosophie ist das nicht. 13 000 Kunden sind von solchen Verlusten betroffen. Das sind viele, aber unsere Gesamtkundenzahl beträgt 50 Millionen. Man muss unterscheiden: Wenn jetzt beispielsweise einer älteren Dame, die ausschließlich 5000 Euro hatte und eine sichere Anlage wollte, ein Lehman-Zertifikat verkauft wurde, dann wurde sicher auch falsch beraten. Wenn aber jemand ein Depot mit 100.000 oder 200.000 Euro hat und darin für 10.000 Euro Lehman-Zertifikate waren, dann hat er bewusst einen Teil risikoreicher investiert.

Helfen Sie der Seniorin, die ihren Spargroschen in Lehman-Zertifikaten hatte?

Sollte sich zeigen, dass falsch beraten wurde, dann muss die Sparkasse das in Ordnung bringen.

Bundespräsident Horst Köhler wünscht sich eine Entschuldigung der Finanzbranche für das Desaster. Entschuldigen Sie sich?

Die Finanzbranche hat eine schwere Verantwortung auf sich geladen, weil sie durch ihr Verhalten wirtschaftliche und persönliche Lebensperspektiven von Menschen beeinträchtigt hat.

Eine richtige Entschuldigung war das nicht.

Man kann auch darüber streiten, ob die Sparkassen damit beginnen müssen. Aber ich bekenne mich zur Verantwortung unserer Branche. Es war mit Sicherheit ein Fehler, dass die Verantwortlichen die Geschäfte so und in diesem Ausmaß betrieben haben. Und Fälle von falsch beratenen Kunden ärgern mich sehr. Solche Fälle bedauere ich zutiefst.

Interview: Frank Donovitz, Jan Boris Wintzenburg print

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