Hilfe Spenden, aber richtig


Hilfe für die Dritte Welt ist längst zum großen Geschäft geworden. Dutzende Organisationen buhlen um das Mitleid der Deutschen. Das ist auch gut so. Wir müssen nur lernen, den Wettbewerb zu durchschauen.

Der Spendenmarkt hat geöffnet. Die Vorweihnachtszeit bedeutet Hochkonjunktur für Botschaften, die uns erinnern wollen, welch Leid auf Hilfe wartet, überall. Doch welche Spende hilft wirklich? Um diese Frage zu beantworten, muss der Spender sein Mitleid hinter sich lassen, das ihn zum Helfen animiert hat. Und er muss sich den Wirtschaftszweig anschauen, dessen Dienstleistung die Hilfe ist.

Der Wirtschaftszweig Hilfe boomt

Hilfsorganisationen bieten an, für unser Geld Leid zu mindern. Weil die Spender nicht selbst das Zelt in die Berge von Pakistan schleppen oder Nahrung in die Steppe des Sudan schicken können und auch nicht wüssten, was für ein Zelt oder welche Proteinlösung gebraucht wird - deshalb beauftragen Spender mit ihrem Geld die Organisationen, dies zu tun. In Deutschland mit 2,3 Milliarden Euro im vergangenen Jahr - und das vor dem Tsunami. Der Wirtschaftszweig Hilfe boomt. Mit eigenen Messen, mit Fundraising-Konferenzen und Aufbaustudiengängen in "refugee studies", Flüchtlingswissenschaft, an renommierten Universitäten wie in Oxford.

Das ist gut so. Helfer sind schon lange keine in Selbstlosigkeit gekleideten MutterTeresa-Schwestern mehr. Sie sind Experten. Es gibt sie natürlich noch, die Ehrenamtlichen, die ihr Leben aufgeben für das eine Projekt, das ein Dorf verändert und die Lebensläufe dort. Aber wir brauchten ganze Kleinstädte voller Selbstloser, um dort zu helfen, wo es heute nötig ist. Deswegen haben wir das Helfen delegiert und zu einem Beruf gemacht. Nun aber sollten sich auch die Spender zu verantwortlichen Kunden der Angebote in Sachen "Hilfe" wandeln.

Jedes gute Unternehmen braucht eine effiziente Verwaltung

Wer sein Geld in Fondsanteile investiert, fragt, ob dieser Fonds Telekommunikationsaktien kauft oder Asien-Optionen. Vielleicht ist dem Anleger sogar wichtig, dass der Fonds ethische Grundsätze befolgt. Genauso sollte sich der Spender überlegen, welche Hilfe er "kaufen" will. Möchte er Kinder unterstützen? Oder Menschenrechtsorganisationen? Soll die Organisation sich auf wenige Projekte konzentrieren oder in der ganzen Welt arbeiten? Ein kleines Büro in Deutschland haben oder in jeder Großstadt Ansprechpartner? Soll sie sich zu christlichen Wurzeln bekennen oder politisch arbeiten? Soll sie viel oder wenig Werbung machen? Will der Spender, dass sie sich in der Nothilfe engagiert oder für die längerfristige Entwicklung? Legt die Organisation Wert darauf, mit lokalen Helfern zu arbeiten? Oder schickt sie viele eigene Experten vor Ort?

Wer ein Patenkind hat, das ihm regelmäßig einen Brief schreibt, sollte wissen, dass Angestellte diese Briefe für Tausende Paten koordinieren müssen. Wer eine Organisation unterstützt, die für ein Verbot von Landminen kämpft, dem sollte klar sein, dass deren Vertreter viel reisen müssen, um ihre Argumente in Brüssel, Genf, Berlin und Washington zu Gehör zu bringen. All dies kostet Geld.

Jedes gute Unternehmen braucht eine effiziente Verwaltung. Und auch die kostet. Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) hält es für "angemessen", wenn bis zu 20 Prozent der Einnahmen von Hilfsorganisationen für Verwaltung und Werbung verwandt werden. Alle großen Organisationen in Deutschland erfüllen dieses Kriterium.

Viele Spender wollen nicht für Verwaltungskosten aufkommen. Aber nicht jeder Spenden-Euro muss den Bedürftigen direkt in die Hände gelegt werden, damit ihnen geholfen ist. Ein guter Logistiker in Deutschland kann verhindern, dass Güter im Zoll stecken bleiben; eine aufmerksame Buchhaltung kümmert sich darum, die Kosten eines Projektes überschaubar zu halten; ein guter Projektleiter garantiert, dass ein Team im Einsatz bestens versorgt ist und darum wochenlang mehr als zwölf Stunden am Tag arbeiten kann.

Auch gibt es Projekte, in denen ein Agrarexperte aus Deutschland afrikanischen Bauern erklärt, wie sie ihren Boden besser bearbeiten können. In denen dieser Experte Pflanzzyklen erläutert und den Zusammenhang zwischen fehlendem Grundwasser und Baumrodung. Die Kosten für solche oft erfolgreiche Hilfe bestehen im Wesentlichen aus dem Expertengehalt, Flugtickets und viel Zeit für Seminare und Nachbetreuung - aus Verwaltungskosten also.

Laut Genfer Konvention steht jedem Menschen in großer Not Hilfe zu

Die Wirksamkeit von Hilfe lässt sich nicht in Lastwagenladungen messen, nicht in neu gebauten Häusern und auch nicht an strahlenden Kinderaugen auf Farbplakaten in Deutschland. Solche Werbung bildet einen Wunsch und keine Wirklichkeit ab. Es gibt kein Dauerlachen der Spendenempfänger. Die Hilfe beendet keine Probleme in Ländern, in denen das Leben ein nimmer endender Überlebenskampf ist. Helfer in einem korrupten Staat werden die Korruption auch in ihren Projekten nicht ganz abstellen können. Sie werden kein staatliches Gesundheitssystem ersetzen können und müssen oft frustriert in bürokratischen Warteschleifen sitzen, während draußen das Unrecht, der Hunger, die Krankheiten weiterwüten. Aber sollen sie deswegen aufgeben?

In einigen Ländern werden Helfer bedroht und entführt. Und im schlimmsten Fall bezahlen sie ihren Einsatz mit dem Leben. Trotzdem werden sie immer weiter zu helfen versuchen. Weil laut Genfer Konvention jedem Menschen in großer Not Hilfe zusteht. Und weil es eben ihr Beruf ist zu helfen. Ein Beruf, den viele aus einer Berufung gewählt haben.

Die Spendenwelt: ein Markt mit Angebot und Nachfrage

Wenn wir, die Spender, beginnen, die Hilfe als Dienstleistung zu sehen, dann können wir uns lösen von moralinsauren Debatten über Verwaltungskosten, zu große Jeeps und Auslandszulagen für europäische Helfer. Dann können wir beginnen, die Spendenwelt als das zu sehen, was sie ist: ein Markt mit Angebot und Nachfrage. In dem es eine Konkurrenz um die Gelder gibt und deshalb Werbekampagnen, PR-Reisen von Prominenten und Fundraising-Agenturen, die neue Kunden anwerben. So funktioniert eben auch dieser Markt, und statt darüber zu lamentieren, sollten wir die Güte des Angebots prüfen.

Jede Organisation stellt Jahresbilanzen auf, die Spender anfordern können. Vorsicht ist geboten, wenn solch ein Geschäftsabschluss mehr Bilder als Zahlen enthält. Im Wohlfahrtsarchiv des DZI findet man auf Vollständigkeit und Schlüssigkeit geprüfte Wirtschaftsdaten, Erfahrungsberichte und amtliche Unterlagen zu Hilfsorganisationen. Jeder Spender kann dort bis zu drei ausführliche Einzelauskünfte anfordern.

Man sollte genau entscheiden, wofür man spendet

Ebenso wichtig wie der wirtschaftliche Rahmen ist die Frage nach Art der Hilfeleistung und nach den Grundsätzen der Organisation. Wir sollten genau entscheiden, wofür wir spenden.

Reicht es uns, dass im Sudan tonnenweise Hirse abgeladen wird? Oder wollen wir, dass Frauen, die dort auf ihrer Flucht vergewaltigt wurden, neben Essensrationen auch psychologische Hilfe erhalten? Wollen wir, dass in den Tsunami-Gebieten so schnell wie möglich irgendwo neu gebaut wird - oder dass Organisationen den Betroffenen helfen, von ihren Regierungen gehört zu werden zu der Frage, wo und wie sie leben wollen?

Gerade beim Spenden sollte man nachfragen

Eine solche Spendenentscheidung ist mühsam. Sie bedeutet, sich mit den Programmen der Organisationen zu beschäftigen, Informationen anzufordern, sich Gedanken zu machen. Doch solche Mühe lohnt: Wer einmal nachgeforscht hat, welche Organisation am ehesten nach seinen Vorstellungen arbeitet, muss bei der nächsten Katastrophe nicht bei der erstbesten Spenden-Hotline anrufen. Er gibt das Geld der Organisation, der er vertraut, weil er sie kennt.

Würden Sie einen neuen Fernseher kaufen, nur weil die Werbung für ein bestimmtes Modell besonders auffallend ist? Oder lesen Sie vorher Testberichte, fragen Bekannte nach Erfahrungen und schauen im Internet nach Informationen über das beste Modell? Warum sollten Sie dann spenden, ohne vorher zu wissen, mit welchem Konzept das Unternehmen arbeitet, dem Sie gerade ihr Geld anvertraut haben? Fragen Sie nach. Gerade beim Spenden.

Cornelia Fuchs print

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