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Konjunktur: Der Wettstreit der Konjunkturprognosen

Mancher Bürger dürfte sich verdutzt die Augen reiben ob der ständig neuen, widersprüchlichen Konjunkturprognosen. Nahezu täglich kommen Vorhersagen zum Wirtschaftswachstum auf den Markt - eine Sucht nach Zehntelpunkten?

Neben Etablierten mischen immer mehr Lobbyisten und Verbände im Kopf-am-Kopf-Rennen nachgebesserter Prognosen mit. Die einen sagen, es gehe schon wieder abwärts mit der deutschen Wirtschaft; die Trendwende - die kaum einer mitbekommen haben dürfte - liege längst hinter uns. Es werde noch besser, kontern Optimisten. Die Weltwirtschaft boome wie seit 25 Jahren nicht mehr.

Drei Stagnationsjahre in Folge

Nach drei wirtschaftlichen Stagnationsjahren in Folge werden hier zu Lande geradezu hysterisch die Stellen vor und hinterm Komma einer Konjunkturprognose verfolgt. Gegen diese Sucht nach Zehntelpunkten scheint das Auf und Ab an Börsen langweilig. Jedes Prozentpünktchen und jeder noch so abwegige Indikator werden breit diskutiert. Dabei hat sich die Halbwertzeit der Prognosen stark verkürzt - was kürzlich noch galt, ist wenig später überholt. Ein seltsamer "Vorhersagevirus" habe das Land befallen, stellte das Blatt "Die Zeit" einmal fest.

Der Wunsch der Menschen, weit in die Zukunft blicken zu können, wird offenbar umso stärker, je größer die Unzufriedenheit mit der Gegenwart ist. Die Nöte "gegenwartsverdrossener und zukunftshungriger Menschen" sind aus Sicht des Publizisten Burkhard Wehner der Grund für "Prognosemärkte sehr unterschiedlicher Seriösität". Experten wie Gustav Horn vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin beklagen denn auch Prognosen etwa von Verbänden, die ihre Vorhersagen als wissenschaftlich durchgerechnete Arbeit auf den Markt werfen. Immer neue Umfragen und die Konjunktur vermeintlich beeinflussende Indizes würden zur bloßen Eigenwerbung verkauft.

Verlässliche Prognosen sind rar

Halbwegs verlässliche Prognosen scheinen dagegen rar zu sein - obwohl Ökonomen auf eine immer größere Zahlenflut bauen können. Prognosen sind aber immer nur bedingte Vorhersagen. Es werden Dinge unterstellt, es gibt Unwägbarkeiten. Die haben im Zeitalter der Globalisierung, von Terrorgefahr und Klimakatastrophen zugenommen. Ein Terroranschlag, ein heftiger Hurrikan, Tierseuchen oder der Milliardenflop eines Hedge-Fonds - schon werden bisherige Formeln und Konjunktur-Orakel über den Haufen geworfen. Wer den Börseneinbruch nach dem Aktienboom geahnt hätte, wäre heute sehr reich.

Alles ist schneller und komplexer geworden. DIW-Experte Horn gibt zu bedenken, dass die Dynamik häufig unterschätzt werde. Oft seien Forscher auch zu zurückhaltend. Wer traute sich die Prognose, dass das deutsche Wachstum 2001 innerhalb eines Jahres von 2,9 auf 0,8 Prozent einbricht. Auf dem Papier kann auf Zehntelpunkte genau vorhergesagt werden. Die Wahrscheinlichkeitsaussagen schließen aber eine Fehlerquote von einem Prozentpunkt nach oben oder unten ein. Schätzt ein Ökonom das Wachstum auf 2,5 Prozent, könnten es am Ende auch 1,5 oder 3,5 Prozent sein. Obwohl eine Punktladung Zufall ist - die Öffentlichkeit beharrt auf Zehntelpunkte.

Öffentlichkeit beharrt auf Zehntelpunkten

Dabei wäre es interessanter, Wendepunkte in Konjunkturzyklen genau vorherzusagen. Von weltweit etwa 60 Rezessionsphasen in den 90er Jahren wurde nicht einmal eine Handvoll prognostiziert. Wehner gibt aber zu bedenken: Hat jemand die Öffentlichkeit davon überzeugt, Wendepunkte verlässlich vorhersagen zu können, würde er schon mit Bekanntmachung seiner Prognose dieselbe wieder zunichte machen. Denn der Markt würde sich einstellen und somit alles konterkarieren. DIW-Forscher Horn wiederum hofft, dass bei vorhergesagten Rezessionen gegengesteuert wird: "Dann wäre es ein Erfolg, wenn die Prognose nicht eintrifft."

Im Wettstreit der Prognostiker wird es im Oktober wieder spannend. Die sechs führenden Forschungsinstitute legen dann nach zweiwöchiger Konsenssuche der Pessimisten und Optimisten ihr Herbstgutachten vor. Verschiebungen um Zehntelpunkte sind möglich.

André Stahl, dpa / DPA