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RECHT: Wenig Kündigungsschutz im Kleinbetrieb

Sozial Schwache sitzen in Großfirmen sicherer im Sattel, junge Singles ohne Kinder fliegen zuerst. Auf jeden Fall sollte dringend ein kühler Kopf behalten werden.

Wenige Wochen vor Weihnachten geht bei vielen Bundesbürgern die Angst um, bald den Arbeitsplatz zu verlieren. Quer durch alle Branchen wird gespart, fusioniert, Personal abgebaut. Ob Familienbetrieb oder Milliardenunternehmen: Betriebsbedingte Kündigungen sind an der Tagesordnung. Sozial schwache Arbeitnehmer in einer kleinen Firma haben nach dem Kündigungsschutzgesetz wenig Chancen, sich gegen solche Entlassungen zu wehren. Vor Rausschmiss besser geschützt sind altgediente Mitarbeiter in größeren Betrieben ab sechs Leuten, wie Verbraucherschützer von Stiftung Warentest erklären.

Kündigung sofort auf Fehler checken

Rollt die Kündigungswelle in Zeiten schlechter Konjunktur heißt es für alle Betroffenen: Einen kühlen Kopf bewahren. Und den »blauen Brief« rasch auf Fehler durchsuchen oder von Spezialisten wie Betriebsrat oder Fachanwälten checken lassen. Denn oft sind die Entlassungsschreiben gar nicht wirksam, weil schlecht begründet. Nicht alle Arbeitgeber schaffen es, die strengen Formvorschriften und Regeln einzuhalten.

Kein Rauswurf per Fax oder E-Mail

Die Form muss aber unbedingt stimmen. Ein Rauswurf per Fax oder e-mail reicht nicht. Gültig ist nur ein Originalschreiben mit Unterschrift. Unterschreibt dann »nur« der Abteilungsleiter statt des Personalchefs, kann der Betroffene die Kündigung postwendend zurückweisen. Ein Betriebsrat muss vorher angehört worden sein. Und die vorgeschriebene Kündigungsfrist muss ebenfalls beachtet werden. Zudem gilt: Bei Übergabe der Kündigung höchstens den Empfang quittieren. Niemals jedoch Zettel unterschreiben, wonach man die Kündigung akzeptiert. Sonst läuft man Gefahr, das Recht auf Klage vor dem Arbeitsgericht zu verlieren, warnt »Finanztest« in Berlin.

Ein schlechtes Quartal reicht nicht

Wichtig zu wissen: Ein schlechtes Quartal rechtfertigt noch lange nicht, dass eine Firma ein Viertel der Belegschaft entlässt. Der Arbeitgeber muss nachweisen, dass ein Personalabbau wegen drastischer Auftragslöcher, Ausstände oder sonstiger Riesenprobleme unausweichlich ist und durch Kurzarbeit oder Abschmelzen von Überstunden nicht mehr aufzufangen ist.

Wer verkraftet es am ehesten?

Müssen mehrere Leute betriebsbedingt nach Hause geschickt werden, muss der Chef genau prüfen, wer die Kündigung noch am ehesten verkraften kann. In Familienbetrieben und kleinen Firmen unter sechs Beschäftigten hat er dabei mehr Spielraum. Dort muss er lediglich »ein gewisses Maß an sozialer Rücksichtnahme« bei der Auswahl walten lassen, wie das Bundesverfassungsgericht 1998 befand. Das bedeutet konkret: Ist ein neuer, junger Kollege mit seinen Fähigkeiten für das Geschäft unentbehrlich, kann die Entlassung auch den 54jährigen Dienstältesten treffen.

Bei Großbetrieben ist man strenger

In großen Unternehmen ist das »Aussortieren« nach sozialen Kriterien viel strenger geregelt. Dort haben laut Gesetz vor allem ältere Arbeitnehmer mit langer Betriebszugehörigkeit und Unterhaltspflichten gegenüber Frau und Kindern den höchsten Kündigungsschutz. Auch wenn sie mehr Gehalt »kosten« als talentierte Neueinsteiger und womöglich nicht mehr zum Spitzenteam des Unternehmens zählen.

Junge Singles ohne Kinder fliegen zuerst

Die jüngsten, am wenigsten »schützenswerten« Singles ohne Nachwuchs, die relativ bald wieder eine neue Arbiet finden können, kriegen in der Regel als Erste die rote Karte gezeigt - selbst wenn sie besser qualifiziert sein sollten. Greift die Sozialauswahl, geht es nicht um Engagement und Leistung, wissen Experten und die Berliner Verbraucherschützer. Auf einen besonderen Kündigungsschutz können Schwerbehinderte, Schwangere und junge Mütter bis zum vierten Monat nach der Entbindung zählen.

Gleich Arbeitslosengeld sichern

Ist die Entlassung nicht abzuwenden, sollten Betroffene gleich Arbeitslosengeld beantragen. Das Arbeitsamt zahlt bei betriebsbedingtem Jobverlust die Leistungen ab dem ersten Tag ohne Arbeit. Werden Form- oder Begründungsfehler entdeckt, kann eine außergerichtliche Einigung mit dem Chef inklusive Abfindung angepeilt werden. Oder notfalls eine Klage. Allerdings hat man für das Veto vor Gericht nur drei Wochen ab Erhalt der Kündigung Zeit.

Berrit Gräber