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Rubel-Krise: Russen im Konsumrausch - so lange es noch geht

Erst schließt Apple seinen Online-Store, dann verhängen Automobilhersteller Einfuhrstopps, und jetzt droht sogar die Gastarbeit wegzubleiben. Bei den Russen herrscht Torschlusspanik.

Von Ellen Ivits

Mit vollen Tüten verlassen die Menschen ein Moskauer Einkaufszentrum. Solange die Preise noch nicht an den neuen Rubelkurs angeglichen worden sind, wollen viele noch ein Schnäppchen machen.

Mit vollen Tüten verlassen die Menschen ein Moskauer Einkaufszentrum. Solange die Preise noch nicht an den neuen Rubelkurs angeglichen worden sind, wollen viele noch ein Schnäppchen machen.

Ungläubig schauten die Russen am Dienstag auf die Anzeigetafeln der Wechselstuben. Im Minutentakt schienen die roten Zahlen nach oben zu schellen. 70 Rubel, 80 Rubel, 90 Rubel - für einen Euro. Noch in der Vorwoche waren es 60 Rubel, vor einem Jahr 40 Rubel gewesen. Am Nachmittag dann der historische Zenit: 100 Rubel für einen Euro und 80 Rubel für einen Dollar. Da zückten viele ihre Smartphones, aus Fassungslosigkeit, Erstaunen oder in der Hoffnung einen Rekord festzuhalten. Auf einmal wurden die Wechselkurs-Anzeigen zu einem der beliebtesten Selfie-Hintergründe.

Doch nach der ersten Verblüffung und Schockstarre scheinen die Russen die Tragweite dieser Entwicklung zu erfassen. Die ersten Hamsterkäufe beginnen. Besonders bei Elektroartikeln hoffen viele Russen, jetzt noch zu alten Dollar-Preisen Schnäppchen machen zu können. Die Regale in den Märkten sind schon teilweise leergeräumt, wie diese Szenen aus einem Moskauer Elektromarkt zeigen.

Eine Moskauerin berichtet dem stern: "Die Menschen sind sehr besorgt. Langsam droht Panik auszubrechen. Viele sagen ihre Reisen ins Ausland ab. Die einen kaufen Fremdwährungen ein, die anderen verkaufen dringend Rubel. Solange die Preise, wie zum Beispiel bei Ikea, noch nicht gestiegen sind, kaufen viele alles ein, was nur geht."

Doch viele Händler ziehen jetzt die Reißlinie. Zunächst stoppte Apple wegen des drastischen Wertverlustes des Rubels den Online-Verkauf seiner iPhones und iPads. "Unser Online-Shop in Russland ist derzeit nicht verfügbar und wir überarbeiten die Preise", sagte Apple-Sprecher Alan Hely der Finanznachrichtenagentur Bloomberg.

In den Apple-Filialen hat man hingegen die Preise bereits angepasst. Fast 52.000 Rubel kostet jetzt die einfachste Ausführung des iPhone 6. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Lohn in Moskau liegt bei etwa 54.000 Rubel. Bis zum dramatischen Rubelfall waren es immerhin ca. 1300 Euro. Jetzt ist es gerade mal die Hälfte.

Lieferstopp für Bentley und Volkswagen

Die Automobilbranche zieht nach. Wie russische Medien einheitlich berichten, verhängten bereits zahlreiche internationale Automobilkonzerne Lieferstopps nach Russland, darunter Bentley und Volkswagen. Auch die lokalen Autohändler wollen bis zu der Anpassung der Preise keine Verkäufe mehr abschließen.

Die Tourismusbranche will ebenfalls aufgrund der rapiden Kursverfalls des Rubels keine Verluste hinnehmen. Wie der russische BBC-Dienst meldet, bieten die russischen Reiseunternehmen keine Auslandsreisen mehr an.

Selbst Gastarbeiter schreckt der niedrige Rubelkurs langsam ab. "Bald könnten die russischen Städte ohne billige Arbeitskräfte auskommen müssen - für Gastarbeiter wird die Beschäftigung in Russland wegen des Zusammenbruchs des Rubels bald nicht mehr rentabel sein", schreibt das Nachrichtenportal "News.ru". Millionen Gastarbeiter aus zentralasiatischen Ländern kommen jedes Jahr nach Russland. Größtenteils sind sie in der Bauindustrie oder bei Stadtreinigungsunternehmen beschäftigt. Vor Kurzem konnten sie in Moskau zwischen 600 und 800 Dollar im Monat verdienen, jetzt seien es nur noch 300. Bald könnten die Russen daher gezwungen sein, die Straßen zu kehren, befürchtet "News.ru". Das Wirtschaftsmagazin "Business FM" überlegt schon sogar, wie man dem drohenden Mangel an Straßenreinigungskräften abhelfen könnte: "Zum Beispiel könnten für nicht bezahlte Strafzettel 50 Stunden Sozialarbeit verhängt werden."