Schweizer Banken Wie mein Geld schwarz wird

Banken in der Schweiz geben sich wirklich sehr große Mühe, wenn ein Kunde aus Deutschland mit 500.000 Euro nach "steuerschonender Geldanlage" fragt. stern-Redakteur Joachim Reuter reiste dafür nach Zürich.
Von Joachim Reuter

"Grüezi, hier ist die Zürcher Kantonalbank. Wie kann ich Ihnen helfen?" "Guten Tag, ich rufe aus Deutschland an und möchte gern Geld bei Ihnen anlegen." "Moment, ich verbinde Sie mit unserem Deutschland-Team." Dort ist Herr B. für mich zuständig. Ihm sage ich, was ich habe: 500.000 Euro und dringenden Beratungsbedarf, wie ich die ab nächstem Jahr fällige Abgeltungssteuer vermeiden kann. Eine Legende, geschaffen für diese stern-Recherche: Wie leicht (oder schwer) ist es wirklich, Geld in die Schweiz zu schaffen? Am deutschen Fiskus vorbei?

Etwa 175 Milliarden deutsche Einlagen

Herr B. antwortet mir: "Kein Problem. Kommen Sie am Mittwoch zur Zentrale der Kantonalbank in die Bahnhofstraße mit der Nummer 9. Gehen Sie durch den Haupteingang, rechts ist der Lift, und in der dritten Etage befindet sich unser Private Banking. Ich wünsche Ihnen eine gute Anreise."

Fünf Tage später. Zürich Hauptbahnhof. Erst durch die unterirdische Shoppingzeile, dann die Rolltreppe hinauf, und schon stehe ich am billigen Ende der weltberühmten Bahnhofstraße. Vorbei geht es an den Geschäften Fielmann, Body-Shop, H & M und dem Kaufhaus Manor. Dann beginnt mit Cartier und Chanel die teure Meile - und die große Bankenwelt: UBS, Credit Suisse, Julius Bär, Clariden Leu, Bank Jacob Safra, HSBC Private Bank, die Union Bancaire Privée und auch die Zürcher Kantonalbank. Die Namen stehen für - mehr oder weniger - Seriosität und Diskretion: 175 Milliarden Euro, so schätzt die Unternehmensberatung BBW, sollen Deutsche hier gebunkert haben.

"Alles ganz offiziell"

Meine vorgetäuschten 500.000 Euro sind angesichts dessen Peanuts, aber willkommen. Und ich bin einer von vielen - von sehr vielen, die die neue Steuer fliehen, die automatisch 25 Prozent sämtlicher Kapitalerträge für den Fiskus kassiert. Zuzüglich Solidaritätszuschlag und - gegebenenfalls - Kirchensteuer. Viele nutzen jetzt die letzte Gelegenheit, noch vor Toresschluss Geld zur "Steueroptimierung" in die Alpenrepublik zu schaffen. Die Schweiz ist darauf gut vorbereitet. Die Deutschland-Teams der Banken stehen kurzfristig für Beratungsgespräche bereit.

Meine erste Beratung: die Zürcher Kantonalbank. Der Eingang wird von einem lebensgroßen Nashorn aus rostigen Stahlplatten bewacht. Im dritten Stock wartet schon Herr B. Er führt mich in eines der vielen Beratungsseparees. Auf dem Tisch aus Edelholz steht ein Teller mit Pralinés. Ein Mitarbeiter serviert Café crème und Mineralwasser. Herr B. sagt im Singsang der schweizerischen Sprachmodulation: "Wir nehmen nur ordnungsgemäß versteuertes Geld. Bei uns läuft alles ganz offiziell." Und dabei guckt er mich streng an. Er bietet eine klassische Vermögensverwaltung an, bei der der Kunde einmal jährlich einen Vermögensauszug mit dem Bruttogewinn erhält. "Den geben Sie bei Ihrem Finanzamt in der Steuererklärung an."

"Und wenn ich das nicht mache?", frage ich. Herr B. wird jetzt richtig böse. "Unsere Kunden müssen ein Meldeverzeichnis unterschreiben, in dem sie sich gegenüber der Kantonalbank verpflichten, die Erträgnisse zu versteuern. Tut das ein Kunde später nicht, kündigen wir ihm!" Die Kantonalbank sei eine öffentlich-rechtliche Anstalt, genieße wegen der Staatsgarantie als eines der ganz wenigen Geldhäuser in Europa die höchste Bonität ("Davon kann Ihre Deutsche Bank nur träumen!"), und im Konkursfall stehe der Schweizer Staat für sämtliche Vermögenswerte gerade. "Wenn Sie etwas anderes wollen, gehen Sie doch bitte zur Konkurrenz UBS oder Credit Suisse", sagt Herr B. zum Abschied.

Genau das habe ich vor. Die beiden größten Schweizer Finanzkonzerne residieren nur etwa 100 Meter entfernt am Paradeplatz. Die UBS ist hier Platzhirsch in einem schmucklosen granitgrauen Bau der 60er-Jahre-Architektur. Bei meinem Anruf vor fünf Tagen wurde ich umgehend an Herrn H. von der Private Wealth Abteilung verwiesen und die Terminanfrage gleich mit dem Stichwort "Optimierung im Hinblick auf die Steuer" versehen.

Deutsches Personal

Herr H. hat einen Beratungsraum in der dritten Etage reserviert. Den Lift steuert das Empfangspersonal mit einer Fernbedienung, "aus Sicherheitsgründen", wie die nette Dame betont. "Hier hat nicht jedermann Zutritt."

Im Besprechungszimmer, dessen Wände drei Werke der Fotografin Catherine Gfeller zieren, reicht mir Herr H. die Hand: "Guten Tag." Das ist kein Schweizer. "Für unsere deutsche Kundschaft beschäftigt die Bank deutsches Personal", klärt Herr H. auf. Am Tisch bei Mineralwasser kommt er gleich zur Sache. "Der Bankenplatz Schweiz bringt für deutsche Anleger per se keinen Steuervorteil. Solange Sie Ihren Wohnsitz in Deutschland haben, wird auch hier die Abgeltungssteuer fällig." Da tue ich erst einmal ganz enttäuscht. "Vorteile haben Sie aber dennoch", lenkt Herr H. sofort ein. Schließlich werde die Steuer - anders als in Deutschland - nicht umgehend von den Banken an den Fiskus abgeführt. "Die Erträge werden Ihnen brutto gutgeschrieben, und Sie müssen diese erst in Ihrer Einkommenserklärung angeben und versteuern. So gewinnen Sie bis zu anderthalb Jahre Zeit - und Ihr Geld kann währenddessen für Sie arbeiten." Mehr nicht?

Mein Blick fällt auf einen Prospekt, der geschickt auf dem Tisch platziert wurde. "Unsere Deutschlandspezialisten sind weltweit in Ihrer Nähe", steht dort in großen Lettern, und etwas kleiner: "Singapur". Das ist das Stichwort: Singapur - ganz weit weg vom deutschen Fiskus. Herr H. wiegt den Kopf. "Ja, das ist eine Möglichkeit", sagt er. "Dort haben wir auch ein deutschsprachiges Team. Singapur liegt außerhalb der EU-Reichweite, und der Stadtstaat erhebt weder Quellen- noch Abgeltungssteuer."

Jetzt nicht lockerlassen: Mein Geld, frage ich forsch, wird also schön auf dem Schweizer Konto gebunkert, bei der fernen Tochter in Asien lediglich elektronisch verbucht und bringt so Erträge, ohne dass das Finanzamt davon erfährt? "Was Sie so alles gehört haben", schüttelt Herr H. den Kopf. "Das Geld wird natürlich in Singapur angelegt, und Ansprechpartner wäre dann nicht ich, sondern die Berater vor Ort - mit sieben Stunden Zeitdifferenz." Aha! Die Anlage ließe sich also doch verschleiern. Aus Singapur wird nichts an deutsche Finanzämter gemeldet, geschweige denn werden Steuern nach Deutschland abgeführt.

Sogar Hausbesuche

Die nächste Verabredung habe ich bei der Credit Suisse. Sie sitzt schräg gegenüber der UBS. Mit einem der vier Aufzüge geht es in den vierten Stock zum Private Banking, der Concierge lotst den Besucher an einem mächtigen Kamin vorbei über marineblaue Teppiche in einen Beratungsraum. Auch hier hängt Kunst, drei Bilder von Alexander Merz, alle "Ohne Titel". Wieder werde ich in lupenreinem Hochdeutsch begrüßt. "Wir haben allein hier am Paradeplatz 110 Berater, die sich ausschließlich um unsere deutschen Kunden kümmern", sagt Herr S. "Dabei müssen Sie aber nicht immer nach Zürich reisen. Jeder von uns betreut eine bestimmte Region. Meine Kollegin" - die Dame an seiner Seite nickt freundlich - "kommt Sie gerne persönlich in Norddeutschland besuchen."

Das Stichwort Abgeltungssteuer löst bei Herrn S. einen heftigen Nickreiz aus: "Das Thema ist uns mehr als geläufig." Und Herr S. kennt einen Ausweg. "Eine Lebensversicherung!" Die habe ich aber schon, behaupte ich, was bei Herrn S. nur ein Lächeln hervorruft. Die Lebensversicherung, von der er spricht, müsse man sich als einen leeren Mantel vorstellen, in den der Kunde alles das hineinlegt, was ihm an Geldanlagen lieb und teuer ist: Aktien und Investmentfonds, Zertifikate und Zinspapiere - das komplette Depot.

Der Clou an diesem Mäntelchen sei folgender: Der Anleger kann Wertpapiere in seine Versicherung legen, ohne dass die Abgeltungssteuer fällig wird. Die über die Jahre angesammelten Erträge bleiben zunächst vom Zugriff des Fiskus verschont und bringen einen schönen Zinseszinseffekt. Nach zwölf Jahren Laufzeit und einem Alter ab 60 Jahren wird erst die Steuer fällig - und dann nur auf die Hälfte der Erträge.

Sicherer Zufluchtsort

Was Herr S. nicht sagt: Das Allheilmittel gegen die Abgeltungssteuer hat nicht seine Bank ausgeheckt, sondern das waren Steuertüftler aus Liechtenstein. Und viele Geldinstitute - auch in Deutschland - haben die Idee kopiert. Inzwischen aber reagiert das Bundesfinanzministerium auf den Trick empfindlich: Hat die Lebensversicherung keinen Todesfallschutz, bleibt sie von der Abgeltung nicht verschont. Das Depot im Mäntelchen wird dann laufend besteuert.

Und nun? Ob mir bei der Deutschen Bank "steuerlich geholfen" werden kann? Schließlich ist der Branchenprimus bereits seit 28 Jahren in der Schweiz präsent und hat für seine vermögende Kundschaft natürlich auch eine Niederlassung in Zürich. Nicht an der noblen Bahnhofstraße, sondern um die Ecke am Bahnhofquai gegenüber einem in die Jahre gekommenen Supermarkt von Coop. Ein kleines Schild mit der Aufschrift "Deutsche Bank (Schweiz)" weist auf den Eingang. Hierhin verirrt sich keine Laufkundschaft.

Die Dame am Empfang führt mich zum Fahrstuhl. "Herr M. erwartet Sie bereits im dritten Stock." Im Besprechungszimmer mit Blick auf die Limmat begrüßt mich Herr M. mit festem Händedruck und selbstverständlich in reinstem Hochdeutsch. "Schön, dass Sie Ihr Geld hier anlegen wollen." Er schüttelt gleich das As aus dem Ärmel: das Schweizer Bankgeheimnis, "legendär und gesetzlich geschützt". Diskretion statt Datenschnüffelei. Herr M. wird deutlich: "Seit 2005 dürfen die Finanzämter in Deutschland bei den Banken elektronisch einsehen, welche Konten jeder Bürger hat - und welche er gegenüber dem Fiskus verheimlicht." Das wurmt den gemeinen Steuerhinterzieher natürlich gewaltig. Und so lockt Zürich als sicherer Hafen. "Hier geht nichts raus."

Keine Daten, aber auch keine Steuern? Das liege an mir, sagt Herr M. und zeichnet auf Papier das Zwei-Konten-Modell. Rechts malt er "offenes Konto": Hier schickt die Bank eine Mitteilung an die deutsche Finanzbehörde und gibt alle Erträge an. Scheint uninteressant. Links schreibt er "kein offenes Konto" und darunter: 20 Prozent EU-Zinssteuer. "Nur auf die Zinserträge, und die Steuer wird anonym überwiesen", betont Herr M. Dann notiert er seinen Clou: darüber hinaus keine Steuern, keine Mitteilung an das Finanzamt. Von meinen Kursgewinnen und Dividendenerträgen bekäme mein Finanzamt also erst einmal nichts mit. "Selbstverständlich sind Sie verpflichtet, auch diese Erträge Ihrem Fiskus zu melden - ob Sie das tun, ist Ihre Sache", lächelt Herr M. "Sie sind für Ihre Steuern verantwortlich, nicht wir." So wäscht man die Hände in Unschuld - in Zürich, und an vielen anderen Orten der Welt.

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