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Sparkassen: Sie lauern hinter jeder Ecke

Braucht eigentlich noch jemand die allgegenwärtigen Sparkassen? Und wie gut sind sie überhaupt? Verblüffende Innenansichten der größten Geldorganisation der Welt.

Mit einem lauten Zischen der Bremsen kommt der rot-weiße Bus gegenüber der Kirche im 240-Seelen-Ort Schmetzdorf zum Stehen. Fahrer Jörn Obermaier öffnet die Tür. Einsteigen, bitte. Wer auf diesen Bus wartet, will nicht wegfahren: Obermaier ist Bankkaufmann und sein Fahrzeug die rollende Filiale der Mittelbrandenburgischen Sparkasse in Potsdam. Damit tourt er von Montag bis Freitag durchs Havelland. Geld auf Rädern für Zollchow, Vieritz, Großwudicke oder eben Schmetzdorf. Hier hält er zweimal pro Woche je eine Stunde.

Mobile Verbindung zur Finanzwelt

Während Bernd Schulz seine Schafe über das Kopfsteinpflaster zur nächsten Wiese treibt, steigt seine Frau Ursula mit ihrem Sparbuch in den Bus, um Geld abzuheben. Im vier Quadratmeter großen Warteraum dudelt Antenne Brandenburg - damit nicht alle alles mitbekommen. Der Bus ist für Ursula Schulz die Verbindung zur Finanzwelt. "Der nächste Geldautomat steht in Rathenow, das bedeutet eine halbe Stunde Autofahrt", sagt sie.

Im Bus gibt es nicht nur Bargeld. Jörn Obermaier bietet den Kunden, deren Kontonummern er alle im Kopf hat, auch Fonds, Versicherungen und Bausparverträge an. Wobei da meist nicht viel geht: "Meine Kundschaft besteht zu 80 Prozent aus Rentnern oder Hartz-IV-Empfängern." Den ganzen Tag ist der 30-Jährige auf Achse. Um 18 Uhr hat der rollende Banker Feierabend.

Spezialservice für Begüterte

Im 270 Kilometer entfernten Hamburg beginnt dann erst die Stoßzeit. "Bei uns bestimmen die Kunden, wann und wo sie mit uns sprechen wollen. Abends und natürlich auch am Wochenende", sagt Sascha Goedeken. Er leitet das "Private Banking" bei der Hamburger Sparkasse, kurz Haspa.

Feines Leder, edle Hölzer, klimatisierte Luft: Wer in die Hinterzimmer dieser Berater will, muss mindestens 300 000 Euro haben - frei verfügbar, Immobilien nicht mitgerechnet. Für so Begüterte klügelt Bernd Schimmer, Leiter der Wertpapieranalyse bei der Haspa, die Geldstrategien aus. Geboten wird alles: Aktien, Zinspapiere, Fonds, Firmenbeteiligungen, Immobilien, Gold, "auf Wunsch auch barrenweise". Bausparen geht hier genauso schlecht wie in Schmetzdorf, hier aber, weil es niemand nötig hat. Das verwaltete Kapital der rund 2000 begüterten Kunden beträgt drei Milliarden Euro.

Die rollende Filiale in Schmetzdorf und das Private Banking in Hamburg - zwei Extreme eines speziellen Banktyps, den jedermann kennt: die Sparkasse. Die S-Finanzgruppe, wie sich ihr Verbund nennt, betreibt so viele Unternehmungen rund ums Geld, dass man Superlative braucht, um sie zu beschreiben.

80 Prozent der Deutschen als Kunden

Es ist die größte Geldorganisation der Welt. Inklusive acht Landesbank-Konzernen, elf Landesbausparkassen, der Fonds-Bank Deka und weiterer Spezialinstitute bewegt der Verbund mehr als 3000 Milliarden Euro. Die Gruppe ist damit dreimal so groß wie die amerikanische Citigroup, die globale Nummer eins unter den börsennotierten Finanzkonzernen. In den rund 15.000 Geschäftsstellen arbeiten 265.000 Mitarbeiter, damit sind die Sparkassen auch der größte Arbeitgeber der deutschen Wirtschaft. Rund 60 Prozent der Deutschen sind Kunden bei der S-Gruppe.

Und schließlich sind die Sparkassen auch noch das umstrittenste Geldunternehmen des Landes: angefeindet von der Konkurrenz, immer wieder zur Disposition gestellt von der Politik.

Der Grund liegt in der Struktur der Sparkassen - und ihren Privilegien. Mit wenigen Ausnahmen gehören die Sparkassen den Kommunen, sind also öffentlich-rechtliche Institute. Sie können deshalb, anders als private Banken, praktisch nicht Pleite gehen. Sie sind vor Übernahmen aus der Privatwirtschaft geschützt. Und ihre Gewinne stecken sie in Rücklagen für schlechte Zeiten, anstatt damit wie mit eigenem Geld zu wirtschaften.

Am Gemeinwohl orientieren

Im Gegenzug wird dafür von ihnen verlangt, dass sie nicht nur auf maximale Gewinne achten, sondern ihr Handeln auch am Gemeinwohl orientieren. Ihr Filialnetz ist genauso dicht geknüpft wie das sämtlicher Privatbanken zusammen - inklusive Postbank, die allein 10.000 Zweigstellen besitzt. Die Sparkassen sollen schließlich Finanzdienste für jedermann anbieten. Sie können und sollen auch weniger rentable Geschäfte eingehen, wenn es in einer Region Not tut.

Der Streit, ob diese Struktur noch zeitgemäß ist, tobt in Deutschland seit Jahren. Es ist ein Kulturkampf um die reine Lehre von der Marktwirtschaft. Beatrice Weder di Mauro, Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung, sieht "keine guten Gründe für eine derart hohe Beteiligung des Staates im Banksektor". Und Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller fordert für private Banken vehement die Möglichkeit, sich an Sparkassen zu beteiligen.

Landesbanken sorgten für Image-Kratzer

Die besten Helfer der Sparkassen-Kritiker sitzen oftmals ausgerechnet in der Sparkassen-Gruppe selbst: größenwahnsinnige Manager bei Landesbanken. Sie waren weniger von Gemeinwohl als vielmehr von Gier getrieben, als sie riskante Finanzgeschäfte rund um den Globus eingingen. So pumpte die Westdeutsche Landesbank (WestLB) unter der Regie ihrer einstigen Star-Bankerin Robin Saunders nahezu eine Milliarde Euro in windige britische Firmen, die später Pleite gingen. Die Bankgesellschaft Berlin trieben Managementfehler sogar in den Ruin. Und jedes Mal musste der Steuerzahler einspringen, um die Löcher zu stopfen. So zahlten die Bürger in Nordrhein-Westfalen vergangenes Jahr 950 Millionen Euro nur dafür, alte Schäden der WestLB zu beheben.

So viel Pleiten, Pech und Pannen haben das Image der S-Finanzgruppe nachhaltig beschädigt. Oftmals zu Unrecht - zumindest was das Geschäft der Sparkassen vor Ort angeht. Denn das steht auf der Aktivseite der Gruppe mit dem großen S: Sie sind immer noch die Geldhäuser des kleinen Sparers.

Wer sich Deutschland ohne Sparkassen vorstellen will, muss nur über die Grenzen blicken. In Großbritannien fielen die Sparkassen der Privatisierungswelle unter Premierministerin Margaret Thatcher in den 1980er Jahren zum Opfer. Heute haben zehn Prozent der erwachsenen Briten kein Konto mehr, weil sie von den Privatbanken abgewiesen wurden. Viele ländliche und strukturschwache Regionen sind bankenfrei. In Italien, wo die Sparkassen privatisiert wurden, verlangen die privaten Geldhäuser weit höhere Gebühren als die Finanzinstitute in Deutschland. Ein Girokonto kostet südlich der Alpen jährlich 301 Euro - dreimal mehr als hierzulande.

Geldhäuser des kleinen Sparers

Mit seinen Sparkassen sei Deutschland "ein Sonderfall", sagt Reinhard H. Schmidt, Professor für internationales Bank- und Finanzwesen an der Uni Frankfurt - und er meint es positiv: "Verglichen mit dem Ausland, ist der Wettbewerb erstaunlich hoch." Für die Sparkassen liegt der größte Wettbewerbsvorteil in ihrer flächendeckenden Präsenz - von der besonders kleine und mittlere Firmen profitieren. Fast jede zweite Existenzgründung wird von Sparkassen finanziert. Viele Unternehmer gäbe es nicht ohne sie. So gesteht Martin Blessing, Bereichsvorstand der Commerzbank, dass der Mittelstand seine Bank erst "ab einem Jahresumsatz von 2,5 Millionen Euro" interessiert.

Katrin Fehse zählt nicht dazu. Die 32-Jährige gründet gerade mit ihrer Partnerin Sandra Wolf in Hamburg das Studio of Young Artists (Soya), wo junge Talente zu Filmschauspielern und Popsängern ausgebildet werden sollen. 50.000 Euro Kredit brauchten die beiden Frauen. Sie liefen sich die Hacken ab. Vier Finanzhäuser winkten ab - die Kreissparkasse Storman schlug ein.

Finanzwissenschaftler Schmidt lobt die Rolle, die die Sparkassen für die Gesamtwirtschaft spielen: "Springt die Konjunktur an, vergeben Geschäftsbanken Kredite, schwächt sich die Wirtschaft ab, drehen sie den Hahn zu. Öffentlich-rechtliche Institute sorgen dagegen für einen stetigen Kreditfluss."

Doch im Geschäft mit Privatkunden geraten die Sparkassen zunehmend unter Druck. Für den stern hat Heinrich Bockholt, Finanzprofessor an der Fachhochschule Koblenz, die Angebote von 20 Banken und Sparkassen analysiert. Das Ergebnis: Kein Geldhaus hat mehr Geldautomaten und mehr Berater zu bieten als die Sparkassen. Aber mit ihren Konditionen für Kredite, Kontoführung oder Zinsen liegen die öffentlich-rechtlichen Institute nur selten an der Spitze. Die private und genossenschaftliche Konkurrenz punktet mit kostenlosen Giro- und Depotkonten, Billigkrediten und höheren Sparzinsen - die Sparkassen sind eher Mittelmaß.

Konkurrenz bläst zur Jagd

Der rote Riese, das zeigt nicht nur der Hausbank-Vergleich, ist angreifbar geworden. Und das gar nicht so sehr durch die Politik, wie viele Sparkassen-Bosse glauben, als vielmehr durch flinke Konkurrenten. Besonders forsch attackiert die Diba. Die Direktbank des niederländischen ING-Konzerns ist Marktführer unter den filiallosen Geldhäusern. Ihr Zugpferd ist das Tagesgeldkonto, das vom 15. April an 2,5 Prozent Jahreszins bringt. Nur Online-Töchter von Landesbanken sind konkurrenzfähig: Die DKB (BayernLB) bietet derzeit 2,8 Prozent, die "1822direkt" (LB Hessen-Thüringen) 2,75 Prozent. Und im stern-Test reicht nur der Direktvertrieb der Hamburger Sparkasse (zwei Prozent für Tagesgeld) an die Diba heran. Allein im Jahr 2005 hat die Diba 780.000 Neukunden gewonnen. "Jeder zweite kommt von den Sparkassen", frohlockt Diba-Chef Ben Tellings.

Dieser Aderlass tut den Sparkassen weh. Denn je geringer die Kundeneinlagen, desto weniger Kredite können sie verkaufen. Und Geld zu verleihen ist die tragende Säule des Geschäfts. Doch statt an einem Strang zu ziehen, herrscht oft die Kleinstaaterei. So wildern Landesbanken mit den eigenen Direktanbietern DKB und "1822 direkt" im Revier der regionalen Sparkassen.

Auch im wichtigen Geschäft mit Baufinanzierungen geraten die Sparkassen immer häufiger ins Hintertreffen. Diba-Mann Tellings vermeldet 2000 neue Kunden - pro Tag. "Das kann einen schon erschrecken", sagt Hans-Peter Krämer, bis vor kurzem Chef der Kreissparkasse Köln und einer der erfahrensten Sparkassen-Manager. Anders als das flüchtige Tagesgeld sorgt die Immobilienfinanzierung für Kundenbindung. "Wenn uns die wegbricht, können wir die Filialkonstruktion nicht halten", so Krämer.

Dabei sind die Zinsangebote einiger Sparkassen durchaus konkurrenzfähig, wie der stern-Vergleich zeigt. Die 4,07 Prozent bei zehnjähriger Laufzeit der Diba unterbietet etwa die Stadtsparkasse Heilbronn mit 3,95 Prozent. Doch die flächendeckende Diba-Werbung und eine flotte Abwicklung binnen drei Tagen fällt bei Häuslebauern auf fruchtbaren Boden. "Wir müssen im Internet-Banking aggressiver und unbürokratischer werden", rät Krämer. Zudem müssten sich die Sparkassen auf ihre regionale Stärke besinnen: "Wenn wir vor Ort mit Finanzierungsangeboten auf die Bauträger zugehen und am Wochenende auf den Baustellen präsent sind, kriegen wir die Kunden." Es muss ja nicht gleich mit einem großen Bus sein.

Von Frank Donovitz, Joachim Reuter / print