Steuerhinterziehung Wer zahlt schon gerne Steuern?


Wenn gut verdienende Topmanager ins Visier der Steuerfahdnung geraten, ist die Empörung groß. Politiker reden dann gerne von der Verantwortung und Vorbildfunktion der Wirtschaftskapitäne. Für wen eigentlich? Für das Heer der Deutschen, das es auch nicht so genau nimmt mit der Steuermoral?
Von Marcus Müller

Es zeigt sich ja so gut mit dem Finger auf den bieder daherkommenden Klaus Zumwinkel: Schau her, so viel verdienen und es dann angeblich den Krallen des deutschen Finanzministers entziehen. Pfui. Man fühlt sich ertappt. Und warum?

Weil man es mit den sehr viel schmächtigeren eigenen Einkünften genauso anstellt. Vielleicht landen die nicht gerade in Liechtenstein und Luxemburg - aber beim Lübecker Finanzamt eben auch nicht immer vollständig. Steuerhinterziehung ist ein Volkssport, sagt der Chef der Deutschen Steuer-Gewerkschaft, Dieter Ondracek. Auf 30 Milliarden Euro veranschlagt er das Volumen des Delikts in Deutschland im Jahr.

Aus dem romantischen Dinner wird ein Arbeitsessen

Diese Summe soll zusammenkommen, wenn das hiesige Volk sich in Sachen Steuern als Dichter und Denker schöpferisch zeigt: Da wird dann mal eine Quittung dem Finanzamt eingereicht, die ein Freund von einem Essen mit der Liebsten mitgebracht hat. Schwupps wird aus dem Geturtel ein Geschäftsessen. Die Pendlerpauschale wird erschwindelt, das Englisch-Buch für den Sohn mutiert zum Arbeitsutensil. Dann kommen noch Schwarzarbeit oder unterschlagene Zinsen dazu.

Das ist alles nicht bloß ein Klacks gegen die illegalen Praktiken der Großen, Mächtigen und Steuerberater-Besitzer. Bei einer einzigen Razzia gegen Schwarzarbeit unter Taxifahrern vor acht Jahren in Osnabrück stellten die Behörden nach Angaben der Landesregierung einen Steuerschaden von 2,7 Millionen Euro fest.

In Berlin wurden im vergangenen Jahr laut Senats-Finanzverwaltung fast 49 Millionen Euro hinterzogene Steuern festgestellt. Und das ist nur die Summe, die bekannt wird. "Die hinterzogenen und nicht entdeckten Steuern können wir nicht beziffern", sagt ein Sprecher der Berliner Senats-Finanzverwaltung trocken. "Ein Erfahrungswert ist nicht bekannt." Auch ein Sprecher des Bundes-Finanzministeriums kann nicht mit mehr dienen: "Es liegt auf der Hand, dass man den gesamten Ausfall nicht messen kann."

Richtig greifbar ist lediglich die Zahl der durchschnittlichen tatsächlichen Ergebnisse der Steuerfahndung: Sie beträgt für Gesamt-Deutschland rund 1,5 Milliarden Euro im Jahr. Die griffigen 30 Milliarden Euro, die Herr Ondracek jetzt allein in seinen 25 Zeitungs-, sieben Radio-, drei Fernseh- und einem stern.de-Interview genannt hat, sind lediglich hochgerechnet.

300 Milliarden am Fiskus vorbei ins Ausland

Ebenso wie die 300 Milliarden Euro, die laut Deutscher Steuer-Gewerkschaft am Finanzamt vorbei ins Ausland geschaufelt wurden. Diese Transaktionen sind dann tatsächlich eher ein Vergehen der Mächtigen und vor allem Reichen. Und weil die so gut wie nie für fünf oder maximal zehn Jahre hinter Gitter wandern, wenn sie mal erwischt werden, darf auch beim ganz normalen Steuerbürger die spezielle moralische Relativitätstheorie reifen: Was die Großen ungestraft können, kann ich auch. Nur eben mit kleinerer Münze.

So hält sich dann derjenige für dumm, der seine Steuern ordentlich zahlt, weil er vermutet, fast der einzige zu sein. Das ist zwar Unsinn bei einem Anteil von etwa 70 Prozent der Deutschen, die bei der Steuererklärung nicht schummeln. Aber es hilft wohl gegen das Gefühl benachteiligt und ungerecht behandelt zu werden.

Allerdings macht es die Politik dem viel zitierten kleinen Mann auch besonders leicht, sich zu ärgern. Immer wieder sorgen spektakuläre Fälle für Aufsehen, die letztlich nur den Eindruck hinterlassen, dass man sich den Steuerdschungel mit einem ordentlichen Steuerberater doch schön freischlagen kann. Nur leisten muss man sich so einen Fachmann eben erst mal können. Und der kann dann eigentlich auch nichts mehr retten, wenn "die in Berlin" gerade die Pendlerpauschale gestrichen haben und die Einkünfte sowieso nicht hoch genug sind, um in steuersparende Öltanker investieren zu können.

1,4 Milliarden Euro kamen durch die Steueramnestie zusammen

Und was soll man als Steuer-Normalbürger auch davon halten, dass den dicken Fischen im Steuer-Hinterziehungsteich von der Bundesregierung vor vier Jahren eines schönes Amnestieangebot gemacht wurde, die Angesprochenen aber nicht anbissen? Sondern sich totlachten: Gut 1,4 Milliarden Euro kamen damals in die Kassen des Fiskus mit dem "Gesetz zur Steuerehrlichkeit". Das war nur etwas mehr als ein Viertel der ursprünglich erwarteten Summe.

Wenn also die Großen selbst bei einem so tollen Angebot nicht ihrer Abgabenpflicht nachkommen, warum sollte es dann der Durchschnitts-Steuerhinterzieher tun? Letztlich deshalb, weil es eine Privatmoral nicht gibt. Ethische Grundsätze können nur für alle verbindlich gelten - einschließlich Manager, Politiker und Superreiche. Anderenfalls sind sie keine Moral, sondern Willkür. Außerdem hilft es ungemein, sich gelegentlich einmal klar zu machen, dass unsere Straßen eben doch in einen besseren Zustand sind, als, sagen wir einmal chinesischen Provinz.

Steuern sind für alle da

Nun muss ja nicht jeder gleich mit freudestrahlender Miene seine Steuern zahlen. Doch die Erkenntnis, dass die Abgaben der Gemeinschaft, also jedem persönlich zu Gute kommen, ist auf jeden Fall erfreulicher, als auf tolle Vorbilder in Nadelstreifen zu hoffen. Da sieht man dann im Zweifel doch nur den biederen Herrn Zumwinkel.


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