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Studiengebühren: Büffeln auf Kredit

Bis zu 90.000 Euro müssten junge Menschen in Zukunft für ein Studium aufbringen. Doch weder Staat noch Banken haben bisher ein Konzept zur Finanzierung.

Von Catrin Boldebuck

Rund 140 Mark Hörergeld pro Semester zahlte Wolfgang Herrmann, als er 1967 anfing, Chemie zu studieren. Viel Geld, erinnert sich der Professor, der damals jeden Monat 80 Mark von seinem Vater auf sein Postscheckkonto überwiesen bekam. Bei guter Leistung wurden die Gebühren erlassen, Chemiestudent Wolfgang strengte sich an. Heute ist er Präsident der Technischen Universität München, einer der besten Hochschulen Deutschlands.

Nun sollen Studenten in mindestens fünf unionsgeführten Bundesländern wieder zahlen, und Wolfgang Herrmann freut sich. Nachdem das Bundesverfassungsgericht mit seinem Urteil grünes Licht für Studiengebühren gegeben hat, will Bayern ab 2006 bis zu 500 Euro pro Semester verlangen.

Das ist erst der Anfang. Der TU-Präsident hält nichts davon, dass alle Unis pauschal 500 Euro einnehmen sollen. "Das ist kein Wettbewerb, wenn jede Uni - egal ob sie die Lehre verbessert oder nicht - gleich viel Geld bekommt", sagt er. Herrmann würde am liebsten bis zu 3000 Euro für einzelne Elite-Studiengänge fordern. Dafür will er seinen Studenten einiges bieten: mehr Professoren und Dozenten, mehr Exkursionen, besser ausgestattete Labors und sogar Jobvermittlung und Hilfe bei der Wohnungssuche.

Die Gebühren, so fordert Herrmann, dürften allerdings nicht Kinder aus sozial schwachen Elternhäusern vom Studium abhalten: "Wenn wir so viel Geld von den Studenten verlangen wollen, müssen wir sicherstellen, dass jeder Student, auch der ärmste aus dem tiefsten bayerischen Wald, an der besten Uni studieren kann - wenn er gut ist."

Doch woher Studenten in Zukunft das Geld für die Gebühren nehmen sollen, ist bisher nicht geklärt. Denn in den vergangenen Jahren wurde zwar erbittert über Studiengebühren gestritten, aber viel zu wenig über die Finanzierung nachgedacht. So gibt es in Deutschland bisher weder ein breites Angebot von Stipendien wie in den USA noch Kredite für Studenten.

Experten

schlagen ein Darlehen vor: Die Studenten bekommen - unabhängig vom Einkommen ihrer Eltern - einen Kredit, den sie erst nach dem Ende ihres Studiums zurückzahlen, wenn sie einen Job haben und Geld verdienen. Dann käme es nicht mehr darauf an, wie viel Mama und Papa verdienen, sondern welche Talente ein Student hat und wie gut seine Aussichten später auf dem Arbeitsmarkt sind.

Eine Kreditfinanzierung des gesamten Studiums könnte in Zukunft so aussehen: Susanne, die Betriebswirtschaft an der Uni Hamburg studiert, leiht sich 500 Euro für die Gebühren pro Semester und 300 Euro zum Leben pro Monat bei einer Bank. Ihr Diplom schafft sie nach zehn Semestern - Schuldenlast: 29.900 Euro (Zinsen eingerechnet). Danach hat sie zwei Jahre Zeit, bevor sie mit der Rückzahlung beginnt. Dann zahlt sie zehn Jahre lang 10,8 Prozent ihres Einkommens an die Bank, bis sie schuldenfrei ist. Bei einem durchschnittlichen Einstiegsgehalt für Betriebswirte von derzeit 3455 Euro wären das 373 Euro im ersten Monat.

Ein anderes Beispiel:

Will Volker Maschinenbau an der TU München studieren, die für dieses Fach besonders hohe Gebühren verlangt, und will er zügig studieren, also nicht nebenbei arbeiten, müsste er die Uni-Ausbildung komplett über einen Kredit finanzieren. Nach fünf Jahren hätte er (bei 3000 Euro Semestergebühren und 700 Euro monatlichen Lebenshaltungskosten) Schulden von 93.800 Euro inklusive Zinsen. Nach dem Jobeinstieg müsste er jeden Monat 20,3 Prozent seines Einkommens an die Bank zahlen - zehn Jahre lang. Beim derzeitigen durchschnittlichen Anfangsgehalt von 3936 Euro pro Monat wären das 797,12 Euro. Kaum zu bewältigen.

Michael Kurpeik, der die Fälle für den stern berechnet hat, hält Kredite von maximal 25. 000 Euro für noch finanzierbar. Mit seiner Firma Tenman (benannt nach dem japanischen Gott der Bildung) will er zusammen mit Partner Leander Hollweg in das Geschäft mit der Bildungsfinanzierung einsteigen - zunächst in Deutschland, dann europaweit. Dazu haben sie mit dem Prognosys-Institut der Fachhochschule Flensburg ein Rating entwickelt. Das soll den Banken helfen einzuschätzen, wie viel Studenten in Zukunft verdienen werden. Ausschlaggebend, ob Studenten einen Kredit bekommen, sind nicht nur ihre Abiturnote und das Studienfach, sondern zum Beispiel auch ob sie bereit sind, ins Ausland zu gehen.

Bei so hohen Gebühren wie im Fall des Maschinenbaustudenten müssten dessen Eltern einen Teil des Studiums bezahlen, sagt Kurpeik. Es sei denn, Volker käme in den Genuss eines Stipendiums.

Wie das aussehen könnte, kann man an der TU in München sehen: Dort gibt es bereits Aufbaustudiengänge für die internationale Elite. Die Gebühren werden zum großen Teil von deutschen Unternehmen bezahlt. Die jährlich 3000 Euro für das Master-Progamm "Communications Engineering" der 24-jährigen Chinesin Liyun Pang etwa zahlt Siemens. Und Liyun macht auch noch zehn Wochen Praktikum im Unternehmen.

Eine Art Bildungsfonds bietet Jungunternehmer David Schmutzler mit seiner Firma Career Concept ebenfalls in München an. Ausgewählte Studenten - an der TU sind es bislang 280 junge Leute - erhalten während ihres Studiums bis zu 500 Euro pro Monat Kredit und verpflichten sich dafür, später zwischen zwei und zehn Prozent ihres Gehalts über einen definierten Zeitraum zurückzuzahlen - egal, wie viel sie später verdienen. Das Kapital für den Bildungsfonds stammt von Privatleuten, Unternehmen, Stiftungen und Hochschulen. "Bisher haben wir uns auf Studiengänge konzentriert, deren Absolventen später gute Gehälter erwarten können, wie zum Beispiel Ingenieure", sagt Schmutzler.

Würde das auch für Ines Armbrecht gelten? Die 28-Jährige studiert seit neun Semestern Landschaftsarchitektur an der TU. Geld kann sie von zu Hause nicht erwarten: Ihre Mutter ist Angestellte bei der Post, ihr Vater war lange arbeitslos. Mit Bafög und Jobben kommt sie gerade so über die Runden. Ines sagt: "Jetzt noch 500 Euro Studiengebühren - das schaffe ich nicht."

Die Firma Tenman könnte ihr helfen, denn die will in Zukunft jeden Studenten finanzieren: vom Archäologen bis zum Zahnarzt. Ab dem Wintersemester 2005/2006 sollen in einer Testphase 1000 Studenten Kredite bekommen. Auch David Schmutzler von Career Concepts will eine Lösung für alle. Was aber passiert, wenn die Studenten ihr Studium abbrechen oder später keinen Job finden? "Da muss der Staat einspringen und eine Ausfallbürgschaft übernehmen", fordert Schmutzler. Doch die Kassen sind leer - und schon jetzt werden 30 Prozent der Bafög-Darlehen nicht zurückgezahlt.

Und die Banken?

Für sie ist ein Kredit von 83 Euro im Monat uninteressant (so viel wären es bei 500 Euro Gebühren pro Semester). Ein Geschäft würde für sie daraus erst, wenn das gesamte Studentenleben auf Pump finanziert werden soll und die Studenten sich bis zu 1000 Euro im Monat leihen. Aber dafür hat bisher keine Bank ein Konzept vorgelegt. "Wir haben das Thema auf dem Radar", heißt es bei der Deutschen Bank, ebenso bei der Citibank. Auch die Sparkassen überlegen, was sie außer einer Ausbildungsversicherung noch anbieten können. Die staatliche Kreditanstalt für Wiederaufbau will ab Herbst Darlehen für den Lebensunterhalt an Studenten zu marktüblichen Konditionen vergeben. Sie finanziert schon bislang nicht nur das Bafög (2004: 470 Millionen Euro), sondern bietet auch Bildungskredite für Studenten in der Prüfungsphase an.

Durch die Einführung von Gebühren wird sich die Einstellung der Studenten verändern, glaubt Johanna Hey. Die 34-jährige Professorin lehrt Unternehmenssteuerrecht in Düsseldorf und ist Mitglied des Deutschen Hochschulverbandes. Sie würden sich in Zukunft stärker überlegen, wo und welches Fach sie studieren wollen und wie ihre Berufsaussichten sind. Gut so, findet Hey: "Viele machen sich nicht klar, dass sie in Jura mit einem mäßigen Abschluss, wenn es schlecht läuft, später nur ein Jahreseinkommen von 20.000 Euro haben werden." Studiengebühren sieht sie als Signal, dass Bildung ein knappes Gut ist, das nicht für alle zur Verfügung steht und für das man Leistung bringen muss. Klasse statt Masse - ein Paradigmenwechsel in der Bildungspolitik. Aber Geld allein reicht nicht. Hey: "Die Hochschulen brauchen mehr Autonomie. Nur so entsteht Wettbewerb, und in Zukunft werden wir um gute Studenten konkurrieren."

Darauf freut sich

Präsident Herrmann. Schon jetzt müssen Studenten an der TU in zehn Fächern einen Eignungstest bestehen, bevor sie sich einschreiben dürfen. "Wer so ausgewählt wird und zahlt, der bricht sein Studium nicht so schnell ab", sagt er. Aber er weiß auch: Studien-gebühren funktionieren nur nach dem Prinzip Leistung und Gegenleistung: "Ein Student, der für seine Ausbildung zahlt, muss von Anfang an wissen, was er dafür bekommt." Damit das Geld wirklich für die Lehre genutzt werden kann, muss es direkt an die Hochschulen gehen und darf nicht zum Stopfen von Haushaltslöchern der Länder benutzt werden.

Ines Armbrecht, die Studentin der Landschaftsarchitektur, fürchtet genau das. An der TU aber würde sie sich immer wieder einschreiben, wenn sie die Gebühren finanziert bekäme. "Ich wollte unbedingt nach München", sagt sie, "weil das hier die beste Uni für mein Fach ist."

Mitarbeit: Henryk Hielscher

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