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Studiengebühren: Dafür wollt ihr unser Geld!

Die Zeiten des Gratis-Studiums gehen zu Ende. Die ersten Studenten bezahlen jetzt für ihre Ausbildung. Doch was passiert mit den Studiengebühren? Eine Rechnung mit enttäuschendem Ergebnis.

Studieren wird teuer. In Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen müssen Studienanfänger ab Herbst erstmals zahlen, die höheren Semester ab Sommersemester 2007. Fünf weitere Bundesländer werden folgen.

Während in Niedersachsen überall 500 Euro Eintritt verlangt werden, überlässt die Düsseldorfer Regierung es den Hochschulen, ob und wie viel Gebühren sie nehmen. Die meisten fordern den Höchstsatz von 500 Euro. Wie in Köln, wo die größte deutsche Universität mit 47 000 Studenten 30 Millionen Euro zusätzlich einnehmen will - zehn Prozent ihres Etats.

Die Erwartungen sind hoch. "Die Hochschulen, die jetzt Beiträge nehmen, müssen rasch handeln. Sie brauchen spürbare Erfolge", sagt Ulrich Müller vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) in Gütersloh. "Sonst kommt bei den Studenten ein Gefühl von Abzocke auf, und die Hochschulen bekommen ein Kommunikationsproblem."

Verena Diers ist eine von 5500 Studienanfängern in Köln, die jetzt zur Kasse gebeten werden. Die 22-Jährige wird Volkswirtschaftslehre studieren. "Als ich bei der Studienberatung erfuhr, dass ich Gebühren zahlen soll, musste ich schon schlucken", sagt sie. Trotzdem hat sie nicht überlegt, woanders zu studieren: "Wenn sie hier Geld nehmen, werden sie es bald überall tun." Zusätzlich zu den 500 Euro Gebühren muss Verena 143,63 Euro Semesterbeitrag an das Studentenwerk überweisen. Bei durchschnittlich zehn Semestern bis zum Diplom kommt sie auf rund 6500 Euro. Dazu die Kosten für Miete, Lebenshaltung, Bücher, Kopien und Computer - insgesamt etwa 40 000 Euro. Eine enorme Investition. Doch für ihren Vater stand immer fest: "Wenn meine beiden Töchter studieren wollen, bezahle ich das." Gebühren findet Armin Diers völlig in Ordnung, solange die Hochschulen das Geld behalten dürfen und damit ihr Angebot verbessern. "Die Steuergelder sind knapp", sagt der Ingenieur, "und irgendwie muss Bildung ja finanziert werden."

Studiengebühren gelten bei vielen Bildungspolitikern und Hochschulexperten als Allheilmittel. Sie sollen zum einen die chronisch unterfinanzierten Hochschulen flottmachen, die vom Staat immer weniger bekommen. Während sich die Zahl der Studenten seit 1980 verdoppelte und auf knapp zwei Millionen stieg, sanken die Ausgaben pro Student um 15 Prozent. Zum anderen soll mit den zusätzlichen Geldern nun "die Lehre verbessert werden" (Bildungsministerin Annette Schavan, CDU); "sie bedeuten mehr Wettbewerb" (Wissenschaftsminister Lutz Stratmann, CDU, Niedersachsen); und "die Qualität der Ausbildung an den Hochschulen soll besser werden" (NRW-Innovationsminister Andreas Pinkwart, FDP). In der schönen neuen Hochschulwelt sollen die Studenten zu Kunden werden und nicht nur besser und schneller studieren, sondern mit ihren Gebühren auch darüber entscheiden, welche Uni top ist und welche zum akademischen Ladenhüter wird.

Doch so schnell wird daraus nichts. Denn eine große Uni wie die Kölner reagiert träge wie ein Tanker beim Kurswechsel. Für Verena Diers und viele hunderttausend Studenten bedeutet das: Ihr Studium wird teurer - aber nicht sofort besser. Erst in den nächsten Semestern werden die Maßnahmen greifen. Profitieren werden vor allem die Studenten, die nach Verena an die Uni gehen.

Und wo bleibt das Geld? Von Verenas 500 Euro fließen 115 Euro (23 Prozent) in einen Ausfallfonds. Damit sichert sich das Land gegen das Risiko ab, dass einige der Studenten später ihr Darlehen nicht zurückzahlen können. Denn wer nicht wie sie das Studium von den Eltern finanziert bekommt, kann bei der NRW-Landesbank einen günstigen Kredit bekommen.

Mit Geldern aus dem Ausfallfonds werden zudem auch jene Studenten finanziert, die keine Gebühren oder nur einen Teil zahlen müssen. Dazu gehören zum Beispiel Bafög-Empfänger oder Studenten mit Kindern. Verenas Vater gibt also 115 Euro, damit die Kommilitonen seiner Tochter einen günstigen Kredit bekommen oder zum Teil umsonst studieren können. "In Nordrhein Westfalen findet eine riesige Umverteilung statt", kritisiert Ulrich Müller vom CHE.

Zurück zu Verenas Rechnung: Von den verbleibenden 385 Euro gehen 11,50 Euro (drei Prozent) für Verwaltungskosten ab. Über 93,50 Euro (25 Prozent) kann Unirektor Axel Freimuth verfügen. Er will davon ein neues, 500 Quadratmeter großes Hörsaalgebäude bauen. Die Planungen dafür stehen allerdings erst am Anfang. Wenn das Gebäude bis spätestens 2011 fertiggestellt wird, hat Verena ihr Diplom bereits in der Tasche.

Übrig sind rund 280 Euro (56 Prozent): Diesen Betrag erhält die Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, an der Verena studieren wird. Doch die kann davon nicht einfach neue Professoren anwerben, denn der Gesetzgeber schreibt vor, wie viele Beamte eingestellt werden. Mehr Professoren wären jedoch dringend nötig, denn an der Kölner Uni drängen sich 400 bis 500 Studenten in einer VWL-Vorlesung. Die Betreuung ist insgesamt schlecht: Auf einen Professor kommen 100 Studenten, im Bundesdurchschnitt sind es 60. Die Fakultät darf lediglich Tutoren und wissenschaftliche Hilfskräfte einstellen. Sie kann das Geld auch für mehr Bücher und Fachzeitschriften, längere Öffnungszeiten der Bibliotheken oder Computer ausgeben. Auch davon gibt es an der Kölner Uni viel zu wenig.

Und überhaupt: Solange das Geld der Erstsemester, 1,5 bis 2 Millionen Euro, noch nicht in der Uni-Kasse klingelt, tut sich wenig. Erst jetzt, kurz vor Vorlesungsstart am 16. Oktober, werden Maßnahmen in Höhe von insgesamt 380 000 Euro eingeleitet, damit die Studenten kleinere Übungsgruppen, längere Öffnungszeiten in den Bibliotheken und mehr Computer bekommen.

Im Oktober soll noch mehr Geld lockergemacht werden, doch so richtig werden die Fakultäten wohl erst nach dem letzten Zahltag am 15. November mit Verbesserungen beginnen. Viel Zeit bleibt dann nicht mehr, denn am 9. Februar 2007 endet das Semester.

"Wischiwaschi", nennt Enrico Ippolito die Ankündigungen der Uni. Der 23-Jährige hat sich für Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften eingeschrieben. "Eine Frechheit", findet er, dass nur die Hälfte seines Geldes in seiner Fakultät ankommen soll. "Da wird es doch am meisten gebraucht."

Als gelernter Intensivpfleger finanziert Enrico sein Studium selbst. Viel vom Studentenleben wird er wohl nicht haben. Wegen der Gebühren muss er zusätzliche Nachtschichten einlegen oder einen Kredit bei der NRW-Bank aufnehmen, aber die Vorstellung, Schulden zu haben, macht ihm Angst. "Für 500 Euro erwarte ich mehr als die Wahrung des Status quo", sagt der Sohn italienischer Einwanderer, "sonst kann ich auch ins Ausland gehen."

An der Kölner Uni soll ein Prüfungsgremium, besetzt mit Professoren und Studenten, darüber wachen, wo das eingehende Geld bleibt. Doch sie dürfen lediglich Empfehlungen schreiben, am Ende entscheidet der Rektor. Ein falscher Ansatz, meint Ulrich Müller vom CHE. "Was verbessert werden muss, das wissen die Studierenden, nicht die Rektoren", sagt er. Wenn Verena oder Enrico wegen der schlechten Bedingungen ein Semester dranhängen und dafür zahlen müssen, können sie sich zwar beschweren, klagen können sie nicht. Eine echte Geld-zurück-Garantie, wie sie Innovationsminister Andreas Pinkwart (FDP) versprach, gibt es nicht.

Der Start des Bezahl-Studiums droht zum Fiasko zu werden. Obwohl die Hochschulen seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts eineinhalb Jahre Zeit hatten zu überlegen, ob sie Gebühren nehmen und wofür sie diese ausgeben wollen, hat kaum einer der Rektoren eine langfristige Strategie. Denn es reicht nicht, jetzt nur die Löcher zu stopfen. "Die Hochschulen brauchen ein Profil, wie sie sich auf dem Bildungsmarkt positionieren", sagt Müller vom CHE.

Dass es auch anders geht, beweist Nikolaus Risch, Rektor der wesentlich kleineren Universität in Paderborn (14 700 Studenten, 116 Millionen Euro Haushalt). "Die jungen Leute wollen vom ersten Tag an etwas für ihr Geld sehen", weiß er. Seit Monaten diskutiert er mit den Fakultäten. Risch schießt bis zu 500 000 Euro aus dem Haushalt vor, damit pünktlich zum Beginn der Vorlesungen mehr wissenschaftliche Hilfskräfte eingestellt werden. Zusätzliche Fachbücher sind bestellt, Verhandlungen mit drei bis fünf Gastprofessoren laufen. Und der Bagger, der die Grube für das neue Hörsaalgebäude ausheben soll, steht vor der Tür. Zusammen mit vier Kollegen und Unternehmen hat Rektor Risch außerdem den Studienfonds Ostwestfalen-Lippe (OWL) gegründet, der Stipendien für Studenten bietet. Vorbildlich, findet das Ulrich Müller vom CHE.

Noch besser macht es das Saarland. Das leiht seinen Hochschulen sechs Millionen Euro, damit sie Maßnahmen einleiten können, bevor die Studenten ab Herbst 2007 zahlen müssen.

Catrin Boldebuck / print