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Übernahmeangebot: Bekommt Micky Maus neue Eltern?

Der größte US-Kabelfernseh-Betreiber Comcast streckt die Finger nach dem Unterhaltungskonzern Walt Disney aus. Das Übernahmeangebot steht bei 66 Milliarden Dollar.

Der US-Kabelnetzbetreiber Comcast hat überraschend Übernahmepläne für den Medienkonzern Walt Disney bekannt gegeben. Das Unternehmen bot am Mittwoch Aktien im Wert von rund 54 Milliarden Dollar (42,3 Milliarden Euro) für den weltbekannten Unterhaltungskonzern.

Der Betreiber des größten US-Kabelnetzes kündigte außerdem an, Disneys Schulden in Höhe von 11,9 Milliarden Dollar zu übernehmen. Das bringt die Gesamtsumme des Übernahmeangebots auf 66 Milliarden Dollar. "Das ist eine einmalige Gelegenheit für alle Aktionäre von Comcast und Disney, einen neuen Marktführer in der Unterhaltungs- und Kommunikationsindustrie zu schaffen", erklärte Comcast-Chef Brian Roberts. Disney kommentierte das Angebot bislang nicht.

Eine Frontalattacke

Roberts hatte nach eigenen Angaben dem langjährigen Disney-Chef Michael Eisner bereits den Vorschlag zu Fusionsgesprächen gemacht. Der Comcast-Chef erklärte jedoch, Eisner sei nicht Willens gewesen, solche Gespräche zu führen. Deshalb sei der einzige Weg für Comcast nun, ein öffentliches Angebot abzugeben. Roberts veröffentlichte am Mittwoch auch den entsprechenden Brief, den er an Eisner geschickt hatte.

"Es ist ganz offenkundig ein großes Geschäft und ziemlich überraschend", kommentierte Timothy Ghriskey, Portfolio-Manager bei Ghriskey Capital Partners, die Ankündigung. Zum Disney-Konzern gehören die gleichnamigen Filmstudios, der Fernsehsender ABC, der Sportkanal ESPN und die Disney-Freizeitparks. Comcast zählt 21 Millionen Kabel-TV-Kunden.

Mit Integrationserfahrung

Comcast zählt mehr als 21 Millionen Kabelfernsehen-Abonennten in 35 Staaten und Washington, D.C. Im Oktober berichtete das Unternehmen einen Nettogewinn von 3,18 Milliarden Dollar sowie eine stärker als erwartete Nachfrage nach so genannten Premium-Dienstleistungen und auch nach superschnellen Internet-Zugängen. Der Konzern mit Sitz in Philadelphia fusionierte mit AT&T Broadband im November 2002. Roberts wies dementsprechend darauf hin, dass Comcast bereits über Erfahrungen bei der Integration eines Unternehmens verfüge.

Comcast bietet eigenen Angaben zufolge 0,78 eigene Aktien für jedes Disney-Papier. Das Angebot entspricht einem zehnprozentigen Preisaufschlag auf den Schlusskurs der Disney-Aktie am Dienstag. Am Mittwochnachmittag ist die Disney-Aktie nach wenigen Minuten vom Handel ausgesetzt worden. Nach dem Comcast-Angebot hatte die Aktie in den ersten fünf Handelsminuten um 15,53 Prozent auf 27,82 Dollar zugelegt. Händlern zufolge werde Disney als Auftakt der Abwehrschlacht die Vorlage seiner Quartalszahlen vorziehen.

"Ich glaube nicht, dass es leicht wird"

Analysten bezeichneten die Prämie als gering und gehen deshalb davon aus, dass Comcast seine Offerte noch verbessern muss. "Ich glaube nicht, dass es leicht wird für Comcast", sagte Rick Meckler von LibertyView Capital Management. Die Offerte werde aber zumindest die internen Diskussionen bei Disney zur Konzernstrategie anheizen. "Es zeigt, dass wir in eine neue Phase der Fusionen und Übernahmen eintreten", sagte Meckler.

Der deutsche Markt ist verschlossener

Der deutsche Markt dürfte Experten zufolge davon aber kaum betroffen sein. "In Deutschland gibt es nicht sehr viel Möglichkeiten für Fusionen oder Übernahmen, weil der deutsche Markt relativ verschlossen ist", sagte Florian Leinauer von Helaba Trust. "Im TV-Bereich stehen sich zwei große Blöcke gegenüber, die nicht fusionieren können", ergänzte er mit Blick auf die beiden großen deutschen privaten Sendergruppen ProSiebenSat.1 und die zum Bertelsmann-Konzern gehörende RTL Group.

In Europa reagierten Aktien von Medienunternehmen wie ProSiebenSat.1 Media und Vivendi Universal mit kräftigen Kursgewinnen auf die veröffentlichten Übernahmepläne.

Reuters, AP, dpa / AP / Reuters