US-Investmenthäuser Die Ami-Banken kommen


Längst haben angesächsische Investmentbanken ihr angestammtes Revier an der New Yorker Wall Street hinter sich gelassen - und tummeln sich plötzlich in nächster Nähe. Die Banken kaufen im großen Stil Wohnungen - oder Traditionsfirmen.

Ein bisschen gelten sie hier zu Lande immer noch als unbekannte Wesen: die angelsächsischen Investmentbanken. Groß geworden an der Wall Street in New York, haben Goldman Sachs, Morgan Stanley, Merrill Lynch & Co. längst andere Kontinente und deren Märkte erobert. Auch in Deutschland sind sie aktiv - und zwar nicht nur im angestammten Geschäft, der Betreuung von Fusionen und Übernahmen, die derzeit gerade wieder boomt. Die Banken erwerben Wohnungen, kaufen faule Kredite oder sichern sich Einfluss bei Traditionsunternehmen wie KarstadtQuelle.

Neue Hüter der Wirtschaft

Teilweise treten die ehrwürdigen, aber wenig zimperlichen Finanzhäuser dabei an die Stelle deutscher Banken, die sich von ihrer einstigen Rolle als Hüter der deutschen Wirtschaft - zum Beispiel in der Gestalt von Industriebeteiligungen - in den vergangenen Jahren immer mehr zurückgezogen haben. KarstadtQuelle-Vorstandschef Thomas Middelhoff, ein Bewunderer der selbstbewussten Banker aus Übersee, befreite sich über den Verkauf von Immobilien von den Kreditgebern aus Deutschland und begab sich stattdessen in eine neue Abhängigkeit zur Investmentbank Goldman Sachs, die das Geschäft finanzierte.

Die ausländischen Investoren - gleichgültig, ob Investmentbanken, Hedge Fonds oder Finanzinvestoren - haben oftmals einen anderen Blick auf Deutschland. Selbst für einfache Werkswohnungen wie zum Beispiel die aus dem Bestand des Industriekonzerns ThyssenKrupp legen sie große Summen auf den Tisch: Morgan Stanley zahlte für ein solches Paket aus 48.000 Wohnungen gemeinsam mit deutschen Partnern 2,1 Milliarden Euro - in der Hoffnung auf steigende Bewertungen und Mieten wie zuletzt in anderen Ländern. Manchmal ist auch einfach der Preis günstig, weil jemand anders schnell verkaufen will: So erwarben Investmentbanken und andere Anbieter von deutschen Geldinstituten günstig und im großen Stil nicht zurückgezahlte Kredite und versuchen nun selbst, das Geld einzutreiben.

Das Ende der Gemütlichkeit

"Die Gemütlichkeit ist vorbei", sagt Jürgen Kurz von der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Diese Entwicklung habe auch ihre guten Seiten; denn die Investmentbanken würden ohne Rücksicht auf deutsche Befindlichkeiten klar Schiff machen und damit zu mehr Schnelligkeit und Dynamik in den Märkten und Unternehmen beitragen. Andererseits scheren sich wenig um langfristige Perspektiven für den Standort Deutschland. "Die Zeithorizonte, in denen die Angelsachsen denken, sind viel kürzer", meint Thomas Heidorn, Professor an der privaten Wirtschaftshochschule HfB in Frankfurt und Experte für Investmentbanken.

Wer wie Goldman-Sachs-Vorstandschef Henry ("Hank") Paulson 38 Millionen Dollar (31 Mio Euro) im Jahr 2005 verdient, stellt die Berechtigung einer möglichst hohen Rendite wohl kaum in Frage. Läuft ein Geschäft nicht nach Plan, erhöhen die Investmentbanken den Druck. Sich in der Marktwirtschaft durchzusetzen muss dabei auch nicht heißen, Schönheitspreise für Fairness einzusammeln. So schildert der frühere Chef der Deutschen Börse, Werner Seifert, in einem vor kurzem erschienenen Buch, dass die großen Investmentbanken durch Zusammenschlüsse immer einflussreicher und undurchsichtiger geworden sind und ihre geballte Macht zum eigenen Vorteil ausnutzen.

Gute Polit-Kontakte helfen

"Das Bankgeschäft wurde auf einem moralischen Fundament gegründet und nicht auf einem finanziellen. Das Problem heute ist, dass Ihr Banker nicht an der Entwicklung eines Landes interessiert seid", hielt der spätere US-Präsident Woodrow Wilson vor fast hundert Jahren dem Investmentbanker J. Piermont Morgan vor, der währenddessen aufgebracht an seiner Zigarre gezogen haben soll. Heute ist den Banken klar, dass ein guter Draht zur Politik durchaus von Nutzen sein kann. Deutschland-Chef von Merrill Lynch ist zum Beispiel der frühere CDU-Ministerpräsident und Unternehmer Lothar Späth.

Alexander Missal/DPA DPA

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