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US-Wirtschaftsprofessor: "Ende 2010 wird es langsam besser"

Weil er die Finanzkrise vorhergesagt hat, wird er nur "Dr. Doom" genannt, Dr. Untergang: Nouriel Roubini. Im stern verrät der US-Wirtschaftsprofessor, wie lange die Rezession dauern wird und warum sie Deutschland besonders hart trifft.

Herr Roubini, können Sie eigentlich noch ruhig schlafen?

Natürlich. Sehe ich etwa so übernächtigt aus?

Nein, aber Sie gelten als Prophet des wirtschaftlichen Untergangs. So nennt man Sie ja auch: "Dr. Doom" - Dr. Untergang ...

... dabei will ich gar nicht pessimistisch sein. Ich kann sogar lachen. Ich bin vielmehr Realist. Ja, ich habe seit Jahren auf die drohenden Gefahren an den Finanzmärkten hingewiesen. Und ich war auch gar nicht der Einzige. Die Zeichen standen lange auf Sturm. Es wollte nur niemand zuhören. In der falschen Euphorie der vergangenen Jahre liefen doch alle der Herde hinterher.

Aber jetzt ist die Krise da, in allen Staaten bricht die Konjunktur ein, und die Arbeitslosigkeit steigt. Was erleben wir da gerade?

Es ist eine schwere und tiefe Krise, die es in diesem Ausmaß eigentlich nur einmal alle 100 Jahre geben dürfte, wenn überhaupt. Jetzt ist jeder betroffen, überall in der Welt. Und diese Krise ist so bedrohlich, weil gerade zwei Dinge gleichzeitig passieren. Da ist zum einen die sehr schwere globale Finanzkrise. Es ist die schlimmste seit der Großen Depression vor 75 Jahren. Dazu kommt aber, und das ist neu, eine gigantische Rezession. Sie ging zwar von den USA aus, hat inzwischen aber die ganze Welt erfasst. Und dabei sind die Länder der Eurozone mittlerweile in einer schlechteren Lage als die USA.

Es heißt doch immer, Europa habe viel solider gewirtschaftet als die USA und sei deswegen besser gewappnet.

Nein, nicht mehr. In den vergangenen Monaten kam es in Europa zu einem massiven Einbruch der Wirtschaftsleistung. Rechnete man die jüngsten Zahlen für die Länder der Eurozone aufs Jahr hoch, käme man auf einen Rückgang von bis zu 6 Prozent. In Japan wären es sogar 12 Prozent, in den USA dagegen "nur" 3,8 Prozent. Auch Länder wie Russland und China erleben eine harte Landung. Viele hatten gehofft, dass es China nicht so hart treffen würde. Die Hoffnung hat sich als falsch herausgestellt. Unerwartet ist dabei: Diese Krisen verlaufen sehr schnell. Und sie verlaufen gleichzeitig. Früher wurden Krisen in einem Land durch Wachstum in anderen Ländern abgefedert. Doch jetzt ist die Weltwirtschaft buchstäblich im freien Fall.

Jetzt machen Sie Ihrem Namen ja doch wieder alle Ehre - Dr. Untergang ...

... zugegeben, die Krise entwickelt sich in einem Tempo, das für viele überraschend ist. Auch für mich. Und sie ist noch lange nicht vorbei. Es hat im Dezember 2007 angefangen - und wenn wir Glück haben, dann wird es vielleicht Ende 2010 langsam besser. Doch gut möglich, dass es viel länger dauert. Ich glaube, die Weltwirtschaft wird in eine Phase der Deflation eintreten: fallende Preise, auch für Rohstoffe, steigende Arbeitslosigkeit. Eine weltweite Stagnation über Jahre, dies ist das größte Risiko.

Und das sollen die Menschen geduldig ertragen? Schon jetzt kommt es zu Massendemonstrationen und Unruhen.

Wir alle werden einen hohen Preis zahlen müssen. Wir werden in einer Phase der ökonomischen und sozialen Malaise leben, in der wir alle den Gürtel sehr viel enger schnallen müssen. Es wird bitter werden, sehr schmerzhaft. Die Arbeitslosigkeit wird massiv ansteigen. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass allein in den USA bis zu 600.000 Menschen ihren Job verlieren werden - jeden Monat. Und dies wird sich in den USA wohl bis Mitte des kommenden Jahres fortsetzen. Zum Glück sieht das neue US-Konjunkturprogramm Hilfen für Arme und Arbeitslose vor. Die Menschen werden nicht hungern müssen. Doch es wird zu sozialen Unruhen, zu Gewalt, zu Regierungskrisen kommen. Vielleicht werden auch Regierungen stürzen.

Der US-Geheimdienst sieht in einer andauernden globalen Rezession mittlerweile eine größere Bedrohung der nationalen Sicherheit als durch al-Qaida.

Andererseits sind wir nicht am Ende der Welt angelangt, bei Armageddon. Und wir befinden wir uns auch nicht in den 30er Jahren. Damals war es ja gar nicht der Börsencrash allein, der die Welt in die Große Depression stürzte. Es waren die falschen Reaktionen darauf. Damals gab es weder Finanzhilfen noch Konjunkturprogramme. Protektionismus führte zu regelrechten Handelskriegen, Staatsbankrotten. Dann kamen Hitler und Mussolini und letztlich der Zweite Weltkrieg. So weit sind wir nun wirklich nicht. Es ist nicht zu spät. Aber wahr ist auch: Die Politik, die Staatenlenker müssen jetzt rasch handeln. Denn es geht eben viel schneller nach unten, als wir bislang dachten.

Wie kann man die Abwärtsspirale stoppen?

Immerhin haben wir aus der Großen Depression gelernt. Jetzt sind massive finanzielle Rettungspakete und niedrige Zinsen nötig. Man muss das Bankensystem retten, ob es uns gefällt oder nicht. Hausbesitzern, die von Zwangsräumung bedroht sind, muss geholfen werden. Die USA reagieren dabei entschlossener als Europa. Dort handelt man offenbar nach dem Motto: zu wenig, zu spät. Die europäischen Politiker haben die Folgen der US-Krise massiv unterschätzt. Europa hinkt immer noch hinterher. Die Zinsen der Zentralbanken sind immer noch zu hoch. Sie sollten bei null Prozent liegen. Außerdem braucht es Steuererleichterungen, umfassende Konjunkturpakete, Hilfe für notleidende Banken. Und das können sich einige ärmere europäische Staaten schon jetzt nicht mehr leisten. Da müssten Länder wie Deutschland einspringen.

Sollen Deutschlands Steuerzahler für das schlechte Wirtschaften anderer bezahlen?

Ja. Denn die Folgen für Deutschland sind doch jetzt schon schlimm genug: Rechnet man die aktuellen Zahlen für das vierte Quartal 2008 aufs Jahr hoch, dann fällt die Wirtschaftsleistung im Moment um acht Prozent. Damit geht es Deutschland zurzeit schlechter als den USA. Wenn Deutschland also Europa hilft, hilft es damit vor allem sich selbst. Es nützt nichts, nur an die eigenen Interessen zu denken. Man muss mutig gemeinsam handeln.

Haben Europas Politiker das verstanden? Kanzlerin Merkel, Präsident Sarkozy?

Europa hat bislang zu wenig getan. Anfangs sah es für die Europäer ja gar nicht so schlecht aus, jedenfalls im Vergleich zu den USA. Europas Immobilienblase war viel kleiner, die Handelsbilanzdefizite waren niedriger, die Spareinlagen der Bürger viel höher. Gut möglich, dass es in Europa länger dauern wird, aus der Krise herauszufinden, als in den USA.

Werden alle Staaten die Lasten schultern können? Oder drohen am Ende auch in Europa Staatsbankrotte?

Das Problem ist: Einige Banken sind zu groß, um zusammenzubrechen. Andere aber sind zu groß, um gerettet werden zu können. Dieses Risiko steigt in einigen Ländern, wie etwa in Island, Griechenland, Spanien, Italien, Belgien, der Schweiz. Überall wird die Staatsverschuldung weiter steigen. Es wird einen regelrechten Tsunami der Staatsverschuldungen geben. Überall. In einigen Ländern erleben wir es ja schon. So hat Ecuador verkündet, nicht alle seine Schulden zurückzuzahlen.

Droht am Ende eine große Inflation?

Deflation ist im Moment das Problem, nicht eine Inflation. Wenn sich die Wirtschaft allerdings irgendwann erholt, werden die Banken wieder Kredite in großem Umfang vergeben. Dann fließt viel Geld in die Märkte, es könnte zu inflationären Tendenzen kommen. Aber die Zentralbanken würden dann sicher früh gegensteuern.

Gerade hat US-Präsident Barack Obama ein 787-Milliarden-Dollar-Konjunkturprogramm unterzeichnet. Doch selbst das reiche nicht, mahnen Kritiker wie Nobelpreisträger Paul Krugman.

Zunächst einmal: Die USA müssen sich jetzt selbst helfen. Sie können nicht den Rest der Welt gleich mit retten. Was das Konjunkturprogramm betrifft: Da gibt es eine Menge Fragen. Ein großer Teil der Finanzhilfen wird erst im kommenden Jahr greifen. Das ist sehr spät. Und dazu kommt die gigantische Staatsverschuldung. Dieses Jahr wird sie zwei Billionen Dollar erreichen. Wer wird diese Schulden finanzieren?

In den vergangenen Jahren waren es andere Länder wie China. Aber wird das so bleiben?

Noch ist der Dollar vergleichsweise stark - aber nur, weil die anderen Währungen so schwach sind. Doch Schulden müssen eben irgendwann zurückgezahlt werden. Schon jetzt sind die USA der größte Schuldner der Welt. Für die USA beginnt eine Periode der ökonomischen, finanziellen und vielleicht auch der geostrategischen Schwäche.

Das Konjunkturprogramm nimmt sich nahezu bescheiden aus im Vergleich zu den 2,3 Billionen Dollar, die Obama wohl zur Rettung der amerikanischen Banken ausgeben muss.

Die amerikanischen Banken sind faktisch zahlungsunfähig. Die Verluste und Abschreibungen in den Büchern sind mittlerweile höher als ihr Eigenkapital.

Wie hoch sind die Verluste der amerikanischen Banken wirklich?

Mittlerweile müssen wir von bis zu 3,6 Billionen Dollar Verlusten ausgehen, die von amerikanischen Finanzinstitutionen verursacht wurden - davon liegen 1,8 Billionen Dollar bei den Banken selbst. Dabei stecken auch große Banken in ernsthaften Schwierigkeiten. Der Rettungsplan des US-Finanzministers hat seine Vorteile. Aber er ist kompliziert. Und vielleicht reicht er auch nicht aus.

Also, was tun?

Ich sehe nur einen realistischen Ausweg: Verstaatlichung. So wie in den 90er Jahren in Schweden. Dort wurden die Banken verstaatlicht, saniert, dann wieder verkauft. Das hat funktioniert. Es ist eine echte Ironie: Um die Marktwirtschaft zu retten, sollte man die Banken jetzt verstaatlichen.

Anfang April treffen sich die Regierungschefs der G-20-Staaten, um über ein neues Weltfinanzsystem zu beraten. Was erwarten Sie?

Für konkrete Rettungsmaßnahmen kommt dieser Finanzgipfel eigentlich zu spät. Wir haben schon einige wichtige Monate vertan. Außerdem hilft es im Moment nicht, sich nur um die ferne Zukunft zu kümmern. Es ist wie im Krankenhaus: Da liegt der Patient im Koma auf der Intensivstation. Was hilft es ihm, wenn sich die Ärzte Gedanken über sein Sportprogramm machen? Es geht jetzt ums Überleben. Wir sind der Patient im Koma. Die USA übernehmen ihren Teil. Europa muss rasch seinen Teil beitragen. Doch ich sehe keinen stimmigen Rettungsplan. Und das führt zu weiterem Vertrauensverlust.

Also droht doch der globale Zusammenbruch?

(zögert) Im vergangenen Jahr standen wir einige Male kurz vor dem Zusammenbruch des Weltfinanzsystems. Das Schlimmste konnte abgewendet werden. Doch jetzt scheint es, als würde man vor lauter Unentschlossenheit den Patienten langsam verbluten lassen.

Interview: Katja Gloger / print