WIRTSCHAFTSPRÜFER Prüfen und Beraten als Spagat


Fälle wie Enron oder Holzmann haben es gezeigt: auch Wirtschaftsprüfer sind nicht unfehlbar. Um solche 'Pannen' zu vermeiden, werden jetzt härter Regeln gefordert.

Nach Jahresende belagern sie in ihren dunklen Anzügen die Unternehmen und stellen sie auf den Kopf - zumindest aus Sicht der Buchhaltung. Das gehört für die Prüfer des Jahresabschlusses zum Alltag, bevor sie mit einem Testat ihren Segen für Buchführung und Bilanz geben. Damit allein geben sie sich aber schon seit langem nicht mehr zufrieden. Gerade an der Beratung von Unternehmen auch während des Jahres verdienen die Prüfungsgesellschaften kräftig.

Die »Big Five«

Die größten sind die so genannten »Big Five« der international arbeitenden Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Branchenprimus PricewaterhouseCoopers (PwC) erhielt nach Angaben des International Accounting Bulletin im vergangenen Jahr weltweit Honorare in Höhe von mehr als 21 Milliarden Dollar. Deloitte Touche Tohmatsu (DTT) und KPMG folgten mit je rund zwölf Milliarden Dollar sowie Ernst & Young (E&Y) und Arthur Andersen (AA) mit knapp zehn Milliarden Dollar. Gerade Andersen geriet in der jüngsten Vergangenheit als Bilanzprüfer für den bankrotten US-Energiehändler Enron unter Beschuss.

Wirtschaftsprüfer in der Kritik

Andersen sieht sich mit Beschuldigungen konfrontiert, dass Enron unter Andersens Augen Risiken aus den Bilanzen verschwinden lassen. Diese führten nach Millionenverlusten zur nachträglichen Korrektur der Bilanzen und einem Vertrauensverlust bei Anlegern.

KPMG: Bei Holzmann geschlampt

Die KPMG wurde in Deutschland kritisiert, nachdem E&Y bei dem von der KPMG geprüften Baukonzern Philipp Holzmann im Jahr 1999 nachträglich Verluste in Milliardenhöhe entdeckt hatte. Eine Pleite wurde hier im Gegensatz zu Enron gerade noch verhindert, auch, weil sich Bundeskanzler Gerhard Schröder für den Erhalt der Holzmann-Arbeitsplätze einsetzte.

Jahresabschluss-Prüfung oder mehr?

In Deutschland fordert das Handelsgesetzbuch (HGB) die Prüfung des Jahresabschlusses und des Berichts zur Lage des Unternehmens. Die Prüfer sollen darüber Bericht erstatten, ob eine Firma die gesetzlichen Regeln und die Satzungsvorgaben erfüllt. Nicht weniger - aber auch nicht viel mehr. Wie aber genau geprüft wird, legen die Prüfer in ihren Standesorganisationen überwiegend selbst fest. In Deutschland ist dies vor allem das Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW), in den USA das Wirtschaftsprüferinstitut AICPA und das Financial Accounting Standards Board (FASB).

Vom Prüfer zum Volldienstleister

Die Wirtschaftsprüfer (WP) verdienen ihre Honorare aber nicht allein durch die Prüfung, sie wollen vielmehr Voll-Dienstleister rund um die Unternehmensfinanzen sein. Dazu beraten sie auch während des Jahres in Steuerfragen, helfen bei der Firmenbewertung oder übernehmen die Risikoberatung. Kritiker sehen aber einen möglichen Interessenkonflikt, wenn der Prüfer Aufgaben im Unternehmen übernimmt, die er am Jahresende selbst unabhängig prüfen soll.

Wie korrekt ist GAAP?

Nach mehreren Problemfällen gerade in der jüngsten Vergangenheit wird die Aussagekraft von Unternehmenszahlen nun in den USA heftig diskutiert. »Wenn die Allgemeinen Buchführungsregeln (GAAP: generally accepted accounting principles) den Krieg von den Titelseiten verdrängen, dann hat sich die Welt verändert«, sagte dazu ein Wirtschaftsanwalt.

Überkommene Regeln

Andersen-Chef Joseph Berardino konstatierte eine Vertrauenskrise für seine Branche und für KPMG-Chef Stephen Butler haben sich die GAAP in der veränderten Unternehmenswelt überlebt. Und sogar der Chef der US-Notenbank (Fed) Alan Greenspan sagte, dass der Enron-Fall die Schwächen in den Buchführungsregeln aufgezeigt hat.

Härtere Vorgaben gefordert

Die New York Stock Exchange will nun härtere Vorgaben machen, um das verlorene Vertrauen der Anleger in Unternehmensberichte wieder zu gewinnen. So soll ein Wirtschaftsprüfer nicht mehr gleichzeitig ein zu prüfendes Unternehmen auch beraten dürfen. Enron hatte 2001 beispielsweise Kosten von 25 Millionen Dollar für die Prüfung, aber 27 Millionen Dollar für andere Dienstleistungen an Andersen ausgewiesen.

Problem mit Neulingen

Die Kritik trifft aber neben den Regeln auch die Kompetenz der Prüfer. »Wenn sich ein paar Mitarbeiter (des Unternehmens) absprechen, findet der Prüfer überhaupt nichts«, sagte ein ehemaliger Prüfer. Und das ist gerade dann ein Problem, wenn Prüfungsneulinge die Buchhaltung durchgehen.

Big Five wollen Transparenz erhöhen

Die Big Five kündigten nun selbst Maßnahmen an, mit denen sich sowohl die Transparenz der Buchführung als auch die Aussagekraft der Prüfungen erhöhen sollen. In Deutschland müssen sich die Wirtschaftsprüfer nach US-Vorbild einer »Peer Review« - einer Prüfung durch Berufskollegen - unterziehen. Diese prüft, wie etwa die interne Qualitätssicherung funktioniert. Scheitert diese Prüfung, verliert der Wirtschaftsprüfer quasi seine Zulassung.

Alexander Flieger


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