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Zähmt die Banker, Teil 3: Die nächste Krise kommt bestimmt

Die Politik muss handeln und das globale Finanzsystem umfassend reformieren - bislang ist so gut wie nichts passiert. Ein Drei-Punkte-Plan, um die Spekulanten an die kurze Leine zu nehmen.

Von Sebastian Dullien

Gerade einmal ein Jahr ist es her, da sah es so aus, als könnte es tatsächlich zu einer umfassenden Reform der globalen Finanzordnung kommen. Geschockt, tief verunsichert und im Bann der dramatischsten Finanz- und Wirtschaftskrise seit dem zweiten Weltkrieg drängten Politiker weltweit auf eine schärfere Überwachung der Finanzmärkte und Finanzinstitute. Vollmundig versprachen die Regierungen der G20, der zwanzig wichtigsten Volkswirtschaften der Welt, man werde verantwortungsloses Verhalten der Akteure an den Finanzmärkten eindämmen und eine Rückkehr zum "banking as usual", also den Bankgeschäften der vorangegangenen Jahren, verhindern.

Die Vereinten Nationen setzen eine Kommission unter der Leitung des Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz ein, die Reformvorschläge für das globale Finanzsystem erarbeiten sollte - mit beeindruckendem Ergebnis: Stiglitz und sein Team präsentierten 140 Seiten voller Vorschläge, von einer neuen internationalen Kommission, die die Wirtschaftspolitik der einzelnen Länder koordinieren soll, bis zu strikten Regulierung von Finanzinstrumenten aus Sicht des Verbraucherschutzes und der Risikobegrenzung. Die Phase des Goldrausches an der Wall Street, wo Institute mit immer neuen und immer undurchsichtigeren Finanzwetten immer größere Gewinne einfahren, sei ein für alle Mal vorbei, las man in den Finanzzeitungen.

Heute sind wir davon weit entfernt: Auf europäischer Ebene haben die Finanzminister einen ohnehin wenig ehrgeizigen Vorschlag einheitlicher europäischer Aufsichtsbehörden für Banken, Versicherungen und Finanzmärkte weiter verwässert. Im Ergebnis wird es auch künftig keine wirklich einheitliche europäische Herangehensweise an die Finanzaufsicht geben. Weiter wird es Länder wie Irland oder Großbritannien in der EU geben, wo munter weiter gezockt werden darf - und deren Finanzinstitute hoch gefährliche Produkte europaweit vertreiben dürfen.

In den USA sieht es nur geringfügig besser aus

In den USA sieht es nur etwas besser aus: Zwar hat US-Präsident Barack Obama im vergangenen Sommer ein recht umfassendes Paket zum Umbau der Finanzmarktaufsicht auf den Weg gebracht. Inzwischen aber haben Lobbyisten die Gesetze bereits reichlich zerpflückt. Weil die Republikaner zudem keine Behörde zum Verbraucherschutz bei Finanzprodukten wollen, ist zumindest dieser Teil der Initiative wohl gestorben. Es wird sich bei den endgültigen Abstimmungen im Senat in den nächsten Monaten zeigen, was vom Obama-Plan am Ende übrig bleibt - der ganz große Wurf wird es kaum sein. Auch die jüngste Ankündigung Obamas, künftig Geschäftsbanken bestimmte Geschäftsaktivitäten zu verbieten und das Investmentbanking vom normalen Bankgeschäft zu trennen, ändert an dieser Analyse nichts: Zum einen ist bei den neuen Vorschlägen ebenfalls unklar, wie viele die Hürden des Kongresses nehmen werden. Zum anderen handelt es sich erneut, um einzelne, isolierte Eingriffe, die nicht in der Lage sein werden, Krisen wirksam zu verhindern.

Von einem international einheitlichen Ansatz oder neuer internationaler Koordination ist man ohnehin weit entfernt - ernsthaft werden die Vorschläge der Stiglitz-Kommission von den Staats- und Regierungschef der G20 nicht mehr diskutiert. Insbesondere von der Regulierung internationaler Kapitalströme will niemand mehr etwas wissen.

Die Gewinner sind jene, die uns die Krise überhaupt erst eingebrockt haben: Wie man an den erneut sprudelnden Bankgewinnen sieht, lassen die Banker nichts anbrennen: Das Casino läuft wie gehabt - die Risikolust ist ungebrochen.

Herumdoktern reicht nicht

Sicher, wie die Politiker immer wieder betonen, ist schon eine ganze Menge im Detail bei der Finanzregulierung verändert worden. So müssen die Banken künftig mehr Eigenkapital für Risiken vorhalten. Neue Regeln bei Verbriefungen sollen eine Wiederholung des US-Subprime-Hypotheken-Desasters verhindern. Und Ratingagenturen sollen gezwungen werden, ihre Bewertungsmodelle offen zu legen.

Nur: Das Herumdoktern an einzelnen Stellschrauben wird kaum künftige Finanzkrisen verhindern können.

Problem: Bei den Rating-Ageturen ändert sich nichts

Beispiel Eigenkapitalregeln: Natürlich ist es gut, wenn Banken mehr Eigenkapital haben. Allerdings war in der jüngsten Krise ja gar nicht so sehr das Problem, dass die Banken an sich zu wenig Eigenkapital hatten. Zum Verhängnis wurde dem Finanzsystem vielmehr, dass die Banken Zweckgesellschaften gründen durften und so die Regeln umgehen konnten. Zwar wird dieses spezielle Schlupfloch wohl geschlossen. Allerdings bleiben die Eigenkapitalvorschriften so komplex, dass hoch bezahlte Banker leicht neue Schlupflöcher finden werden. Auch geben die auf EU-Ebene nun diskutierten Übergangsregeln, die bis zum Jahr 2040 gelten sollen, reichlich Zeit für neue Finanzkrisen.

Zweites Beispiel: Die verschärften Regeln für Verbriefungen. Sicher ist es sinnvoll, dass die Banken künftig einen Teil der Risiken in der eigenen Bilanz halten müssen und so einen Anreiz haben, Hypothekenkredite genauer zu prüfen als es in den vergangenen Jahren der Fall war. Die Geschichte der vergangenen Jahrzehnte zeigt uns aber, dass Finanzblasen und Finanzkrisen üblicherweise nicht zweimal nacheinander das gleiche Finanzinstrument treffen. Der Asien-Krise folgte die New-Economy-Krise und darauf die Subprime-Krise. Die nächste Blase wird kaum wieder bei US-Subprime-Hypotheken entstehen - und gegen neue Blasen an anderer Stelle helfen die Regeln wenig.

Drittes Beispiel: Transparenz bei den Ratingagenturen. Selbst wenn die Agenturen ihre hoch komplexen mathematischen Modelle veröffentlichen, wird kaum ein Anleger nachrechnen. Das Problem in der jüngsten Krise war viel eher, dass die Ratingagenturen gerade von jenen Banken bezahlt wurden, die die Subprime-Papiere verkaufen wollten - und an diesem Geschäftsmodell ändert sich auch in Zukunft nichts.

Drei Elemente, die das System sicherer machen

Um wirklich das Finanzsystem auf Dauer sicherer zu machen, müssten zumindest drei Elemente umgesetzt werden:

- Eine umfassende Aufsicht, die alle Produkte und alle Institutionen umfasst: Nur so kann man verhindern, dass die Institute mit neuen Produkten und neuen Schattenbanken die Regulierungen immer wieder umgehen.

- Das Verbot von unregulierten und für die Aufsichtsbehörden nicht beobachtbaren Derivatgeschäften zwischen den Banken: Nur so kann vorgesorgt werden, dass nicht eine neue Panik auf einem Markt bislang kaum beachteter, aber hochkomplexer Finanzprodukte das globale Finanzsystem erneut an den Rand des Abgrunds bringt.

- Eine internationale Koordinierung der Aufsicht, möglichst mit einer europäisch einheitlichen Aufsichtsstruktur: Nur so kann verhindert werden, dass Banken die verschiedenen Staaten gegeneinander ausspielen und ihre Geschäfte immer dahin verlegen, wo die laschesten Regeln gelten.

Solange diese Mindeststandards nicht erfüllt sind, bleibt das Finanzsystem hoch explosiv - und die nächste Krise ist nur eine Frage der Zeit.

Natürlich heißt das alles nicht, dass die nächste Finanzkrise schon 2011 oder 2012 kommen muss. Auch russische Atomreaktoren vom Typ Tschernobyl haben immerhin jahrelang ohne Super-GAU funktioniert. Und auch vor der Subprime-Krise ging das globale Gezocke für Jahre gut. Fahrlässig ist es aber allemal, trotz besseren Wissens das wirtschaftliche Schicksal der Welt erneut den Investmentbankern und Spekulanten anzuvertrauen.