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Generationswechsel: Deutschlands Top-Erben

Deutschland im Generationswechsel: Wer ein Unternehmen aufgebaut hat, kann sich nur schwer davon trennen. Da ist selbst die Übergabe an die eigenen Kinder eine sanfte, aber keine problemlose Lösung.

Gerade im Mittelstand ist das Unternehmen in Familienhänden das typische Bild. Jeder vierte deutsche Firmenchef hat allerdings die 55 schon hinter sich gelassen und nähert sich dem besten Rentenalter. Und wer den Ruhestand geniessen will, schaut sich rechtzeitig nach Nachwuchs um - am liebsten in der eigenen Familie. In vielen deutschen Unternehmen steht der Generationenwechsel kurz bevor oder ist gerade vollzogen.

Eigener Nachwuchs nicht mehr bevorzugt

Töchter oder Söhne sind die liebsten unter den potentiellen Nachfolgern - doch ohne Lust auf Verantwortung, Erfahrung im Konzern und unternehmerisches Gespür bekommen sie den Chefsessel heutzutage nicht mehr zugeschoben. Denn die Qualität von Fachkräften von außen wird durchaus wahrgenommen, und nicht wenige Unternehmenslenker geben ihr Lebenswerk lieber in die Hände externer Manager mit Erfahrung als in die ungeschulter und unmotivierter Familienmitglieder. "Die Professionalität, mit der die Familien die Nachfolge angehen, hat in den letzten zehn Jahren zugenommen", so Professor Peter May von der 'Intes Beratung für Familienunternehmen' in Bonn.

50 Top-Erben, 120 Milliarden Jahresumsatz

Bei Boehringer Ingelheim, Miele, Tengelmann, Villeroy & Boch oder Warsteiner ist die Nachfolge-Generation meist schon an der Macht. Doch nicht bei allen großen deutschen Unternehmerfamilien ist der Generationswechsel aus dem Kreis der Familie bereits gesichert. Wie das Wirtschaftsmagazin ’impulse’ (Ausgabe 8/2003) jetzt für seine Titelgeschichte über die wichtigsten "Junior-Chefs" in Deutschland ermittelte, waren nur bei 50 der nach Umsatz, Marktposition und Bekanntheit 130 bedeutendsten Familienunternehmen, die mehrheitlich im Familienbesitz sind, Nachfolgestrukturen aus familiennahen Kreisen entweder erkennbar oder bereits vollzogen.

Reibungsloser Übergang sehr wichtig

Ein reibungsloser Übergang auf die nächste Generation ist nicht nur für den Fortbestand der Unternehmer-Dynastien, sondern auch für die deutsche Wirtschaft von großer Bedeutung. Schließlich repräsentieren allein die 50 Top-Nachfolger der deutschen Unternehmenslandschaft laut 'impulse' einen Jahresumsatz von rund 120 Milliarden Euro und stellen mehr als eine halbe Million Arbeitsplätze.

Top-Erben: Haub und Otto

Nach dem 'impulse'-Ranking sind die Söhne des Tengelmann-Begründers Erivan Haub, Christian W. E. und Karl-Erivan W. Haub, die bereits einen Jahresumsatz von 28,5 Milliarden Euro verantworten, die wichtigsten Vertreter der Unternehmer-Nachfolgegeneration in Deutschland. An zweiter Stelle wird Sohn Benjamin vom Versandhaus-Chef Michael Otto geführt, von dem sich sein Vater nach einem Interregnum durch einen familienfremden Manager die Übernahme der Unternehmensführung erhofft.

Von Wechsel zu Wechsel schlechter

Und der Sprung in die nächste Generation ist nicht leicht für ein Unternehmen - beim ersten Generationswechsel stehen die Chancen noch ganz gut, beim zweiten, dritten und vierten werden die Erfolgschancen zunehmend schlechter, wie Studien zeigen. Der Weg des echten Patriarchen alten Stils, der mittels Familien-Firmen-Kodex, Betriebsbesuchen von Kindesbeinen an und werksinternen Praktika während des Studiums versucht, an der Verschmelzung zwischen Unternehmen und Sprössling erst gar keinen Zweifel aufkommen zu lassen, kann den Nachfolger in spe auch schreiend die Flucht ergreifen lassen. Viel Geduld ist gefragt, und Erfahrungen außerhalb des Familienunternehmens.

Klare Fronten, klare Vereinbarungen

Die größten Chancen auf Erfolg hat ein Unternehmenswechsel zwischen Familienhänden, wenn ein paar grundlegende Regeln beachtet werden. Am wichtigsten: ein unwilliger Nachfolger hilft keinem und macht nur beide Seiten unglücklich. Eltern sollten versuchen, die Unternehmer-Fähigkeiten des Sprösslings klar und ehrlich einzuschätzen - und dieser sollte überlegen, ob diese Karriere wirklich den eigenen Interessen und Möglichkeiten entspricht. Wenn der Nachfolger in spe schon eigene Familie hat, muss diese unbedingt in die Planungen mit einbezogen werden. Schließlich wird das Unternehmen im besten Fall eine Art Zweitfamilie werden.

Schriftliche Vereinbarung

Offene Gespräche sind ein Muss und schaffen klare Verhältnisse. Jeder sollte seine Positionen in Ruhe entwickeln und darlegen können - mit klaren Spielregeln im gegenseitigen Umgang, denn hier arbeiten Geschäftspartner zusammen, nicht Eltern und Kind. Daher sollte man auch nicht zögern, alle Regelungen schriftlich niederzulegen. Das kann die Anteilsverteilung und Führungsfragen im Unternehmen genauso betreffen wie auch den Zeitplan, der die Übergabejahre gliedert. Dieser Fahrplan muss für beide Seiten verbindlich sein.

Tipps statt Einmischung

Wenn der Junior die Hinweise des Älteren dann auch noch mit ein bisschen Geduld und als Tipps statt als Einmischversuche verstehen kann, und der Senior sich rechtzeitig ein Hobby und einen neuen Fokus für die Zeit nach der Unternehmensübergabe sucht, dann stehen die Chancen auf einen erfolgreichen Generationwechsel nicht schlecht.