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Minimalschuhe Kunsthistorikerin Kerstin Merkel: "Frauen wollen beweglich sein"

Mehr Standfestigkeit dank bequemer Schuhe.
Mehr Standfestigkeit dank bequemer Schuhe.
© helenaak / Getty Images
Sechs Paar neue Schuhe kaufen sich Frauen im Schnitt pro Jahr. Und die Absätze werden immer flacher. Ein Interview mit der Kunsthistorikerin Kerstin Merkel über High-Heels, Barfußschuhe, Erotik und Macht

Frau Merkel, wenn man sich umschaut, hat man den Eindruck, dass immer mehr Frauen runterkommen von hohen Absätzen. Sie tragen Sneaker statt Stiletto.

Wir lösen uns gerade von Sehgewohnheiten, die uns seit mehr als 300 Jahren prägen. Im 18. Jahrhundert setzte sich durch, dass Frauen zu Kleidern hohe Absätze tragen. Das war ein sozialer Code. Doch der löst sich auf. Mir ist es vor etwa zehn Jahren erstmals aufgefallen, dass Frauen in Metropolen wie New York sehr dynamisch und flott auf Sneakern unterwegs sind. Frauen wollen beweglich sein. Das sehe ich auch hier in Peking, wo ich derzeit lebe.

Frauen sind im Durchschnitt kleiner als Männer. Verleihen ihnen hohe Absätze nicht auch Selbstbewusstsein?

Nicht mehr in dem Maße, wie das früher vielleicht der Fall gewesen sein mag. Gerade die jungen Frauen trennen sich von High Heels, sie brauchen Freiheit und Mobilität. Und dafür benötigen sie bequeme Schuhe, in denen sie sich bewegen können. In der Frauenbewegung der 70er Jahre wurde noch heiss diskutiert, ob emanzipierte Frauen High-Heels tragen dürfen oder nicht. Aber da ging es weniger um die Gesundheit, sondern mehr um die Tatsache, dass High-Heels ein erotisches Signal sind.

Das sind sie heute immer noch, oder?

Kunsthistorikerin Kerstin Merkel
Kerstin Merkel ist Kunsthistorikerin und Honorarprofessorin an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Zu den Schwerpunkten ihrer Arbeit gehören Kleidung und Mode im Mittelalter.
© privat

Ja, aber erotische Signale fallen nicht vom Himmel. Sie wurden uns anerzogen und sind wandelbar. In 100 Jahren werden wir vermutlich darüber lachen, dass wir Frauen so lange solche Schuhe getragen haben. Die Bereitwilligkeit, mit der Frauen sich selbst quälen und Schmerzen zufügen, ist zwar groß – dazu zähle ich auch Brustvergrößerungen oder das Wegspritzen von Falten – aber nicht unendlich.

Welche Beispiele aus der Geschichte fallen Ihnen ein?

Frauen haben sich getrennt von allem, was sie unbeweglich machte, Schleppen, teure Seidenstoffe, unpraktische Puffärmel, die bis zum Boden reichen, dem Korsett. Die enge Schnürung hat den weiblichen Körper deformiert und schwer geschädigt. Es kam vor, dass Rippen brachen und die Lunge durchbohrten. Organe verkümmerten, die Frauen fielen in Ohnmacht, weil sie kaum noch atmen konnten.

War dieses Schönheitsideal nicht eher ein Problem von Königinnen und wohlhabenden Bürgerinnen?

Sich nicht bewegen zu müssen, war ein Signal für Reichtum und Macht. Seht her, ich kann mir den Luxus leisten, sitzen zu bleiben. Ich bin keine Bäuerin, keine Magd, keine Fuhrfrau.

Heute rasen Frauen durch ihren Alltag –  vom Büro zur Kita ins Fitnessstudio, in die Küche, in den Club. Da kommt keine Sänfte mehr und trägt sie durchs Leben.

Frauen benötigen heute Standfestigkeit, das sichere Gefühl, auf den eigenen Beinen zu stehen und nicht ins Wanken zu geraten. Deshalb sind Minimalschuhe eine großartige Erfindung.

In konservativen Branchen gehören High-Heels aber noch immer zum weiblichen Dress-Code. Verändert sich da nichts?

Wenn man sich amerikanische Serien anschaut wie Suits, dann besteht die Qualifikation von Frauen nach wie vor darin, auf hohen Absätzen lange Flure entlangzulaufen und dabei toll auszusehen. Das ist ein männlicher Blick, der in manchen Branchen und Kulturen noch sehr prägend ist. In Japan haben sich erst kürzlich Frauen dagegen gewehrt, dass sie im Büro High-Heels tragen müssen. Doch der Arbeitsminister lehnte ihre Petition ab und sagte, die hohen Absätze seien "notwendig" und "angemessen". Im westlichen Kulturkreis wäre das mittlerweile unvorstellbar.


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