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Heizkosten: Heizt du noch, oder wohnst du schon?

Jetzt gelten keine Ausreden mehr: Egal, ob Neubau oder 60er-Jahre-Bungalow, jedes Gebäude kann zum Energiewunder werden. Bis zu 90 Prozent der Heizkosten lassen sich sparen. Wie das geht? Kommen Sie mit zur Hausbesichtigung!

Von Sven Rohde

Die Verwandlung ist spektakulär. Vorher Satteldach, jetzt Pultdach, vorher weiße Putzfassade, jetzt Douglasienholz, vorher Nachtspeicheröfen und Holzheizung, jetzt zwei Wärmepumpen, vorher deutsche Provinz, jetzt Ökoarchitektur auf der Höhe der Zeit - erstaunlich, welche Möglichkeiten doch in einem einfachen Siedlungshaus aus den 50er Jahren stecken.

Katharina Schüller und Johannes Göbel haben sie genutzt. Vier Jahre lang haben die Heilpraktikerin und der Forstwirt das Haus am Rande des Eifelstädtchens Gerolstein, in dem Göbel einst aufgewachsen ist, umgebaut und auf einen völlig neuen energetischen Standard gebracht. Um 40 Prozent ist der Energiebedarf des Hauses gesunken - und das, obwohl seit dem Umbau 40 Quadratmeter Wohnfläche mehr zur Verfügung stehen.

Große Fortschritte

Ein Paradebeispiel für Millionen von Altbauten hierzulande. Um über 70 Prozent lässt sich der Energiebedarf vieler Häuser reduzieren: durch bessere Wärmedämmung an Dach und Fassade, Fenster mit Wärmeschutzverglasung und neue Heizungsanlagen. Rund 340 Millionen der etwa 560 Millionen Quadratmeter Außenverglasung an Häusern in Deutschland bestehen noch aus Einfachglas oder unbeschichtetem Isolierglas, fast 7 Millionen Heizungsanlagen sind seit mindestens 11 Jahren in Betrieb, mehr als 1,2 Millionen Anlagen sind sogar schon 25 Jahre oder älter - Fossilien aus der technologischen Steinzeit.

Zahlen verdeutlichen, welche enormen Fortschritte am Bau seit der ersten Ölkrise in den 70er Jahren erreicht wurden: Durch ganz normale Fenster, wie sie heute eingesetzt werden, gehen 50 bis 60 Prozent weniger Energie verloren als vor 30 Jahren; der Wärmeverlust durch die Außenwände kann um bis zu 70 Prozent niedriger sein, der durch die Dachflächen sogar um bis zu 80 Prozent.

Parallel stieg der Wirkungsgrad von Heizkesseln um über 20 Prozent, liefern heute Solarkollektoren Wärme und Strom kostenlos und Kohlendioxid-frei. Rechnet man alles zusammen, ist das Ergebnis ebenso simpel wie eindrucksvoll: Die Energie, die man fürs Heizen eines einzigen unsanierten Altbaus braucht, reicht für drei, vier oder noch mehr Häuser, die nach dem Standard anno 2008 gebaut oder saniert werden.

Natur pur

Ein gewaltiges Potenzial für Energieeinsparung und Klimaschutz - aber es braucht eben auch Hauseigentümer wie Katharina Schüller und Johannes Göbel, die vor den Kosten und Mühen einer Sanierung nicht zurückschrecken. 120.000 Euro und reichlich Eigenleistung haben sie investiert.

Betritt man ihr Haus, möchte man von ganz allein die Schuhe ausziehen (es wird aber auch darum gebeten) und das Handy abstellen. Alles ist auf Ruhe und Harmonie ausgerichtet. Die Wände sind des gesunden Raumklimas wegen mit Lehm verputzt, der seine Farbnuancen allein durch Sandbeimischungen erhält. Nur im Ruhe- und Meditationszimmer im Obergeschoss gibt es eine blaue, mit Naturpigmenten gestrichene Wand. Natürlich verwenden die Hausherren Energiesparlampen, schalten ihre Geräte aus, statt sie im Stand-by-Betrieb zu lassen, und bevorzugen natürliche Baumaterialien.

Johannes Göbel erzählt, wie er das Holz für die Fassade einige Jahre vor der Verarbeitung selbst nach dem Mondkalender geschlagen hat. Dieses "Mondphasenholz" soll gesünder und widerstandsfähiger sein, sagt er. Die Abstände zwischen den Fassadenbrettern entsprechen durch Zufall genau der Öffnung eines Nistkastens für Fledermäuse. Und die scheuen Tiere haben sich nicht lange bitten lassen. Göbel und Schüller haben sich mit ihren Untermietern inzwischen angefreundet und nehmen die Fledermausködel auf den Fensterbänken gern in Kauf.

Von Holz zu Hightech

Im Zuge der Sanierung traten an die Stelle der alten Holzheizung zwei Wärmepumpen. Das ist erstaunlich, denn eigentlich steht der nachwachsende Rohstoff Holz zum Heizen derzeit ökologisch hoch im Kurs. Nun erledigt eine Erdwärmepumpe die Raumheizung. Für sie wurden Flächenkollektoren unter der Wiese neben dem Haus verlegt. Und eine Luftwärmepumpe sorgt für die Warmwasserbereitung.

Grund für den Wechsel von Holz zu Hightech war der Wunsch nach mehr Komfort: "20 Jahre haben wir hauptsächlich mit Holz geheizt", erzählt Katharina Schüller. "Das hält einen andauernd beschäftigt. Irgendwann reichte es mir."

Wärmepumpen sind die Shootingstars auf dem Heizungsmarkt, ihr Absatz ist selbst in Zeiten der Baukrise stetig gewachsen. Ihr Prinzip: Mithilfe eines Kühlmittels entziehen sie der Umwelt Wärme, die für die Heizung genutzt wird. Das kann die Wärme aus dem Grundwasser, aus dem Erdboden des Gartens, aus der Luft der Umgebung, aber auch der Luft der Wohnräume sein - vor allem in Küche und Bad wird ja reichlich Wärme freigesetzt, die man nicht hinauslüften muss, sondern nutzen kann.

Sinnvolle Subventionen

Das Schöne an Wärmepumpen ist: Sie nutzen Energie, die kostenlos verfügbar ist. Dafür brauchen sie aber Strom, der allerdings von vielen Stromversorgern zum günstigeren Wärmepumpentarif geliefert wird. Der Wirkungsgrad der Anlage, Arbeitszahl genannt, ergibt sich aus dem Verhältnis von Wärmelieferung und Strombedarf. Drei zu eins (entspricht "Arbeitszahl drei") sollte er mindestens betragen. Je aufwendiger und teurer das System, umso höher ist in der Regel die Arbeitszahl. Wie hoch sie sein muss, hängt allerdings auch davon ab, wie viel Energie überhaupt gebraucht wird.

Und da können sich Manuela und Jochen Lautner, beide Ingenieure, entspannt zurücklehnen. Ihr Haus im "Neuen Quartier" von Zirndorf, einer Siedlung, die sich erkennbar an den Traditionen des Bauhauses orientiert, ist ein Neubau. Sogar einer nach dem KfW-40-Standard. Der trägt seinen sperrigen Namen nach den Förderrichtlinien der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), einer staatlichen Förderbank, die für den Bau besonders energiesparender Häuser zinsverbilligte Kredite vergibt.

Bei einem KfW-60-Haus, der schlechteren Kategorie, darf der Energiebedarf 60 Kilowattstunden pro Quadratmeter Wohnfläche und Jahr nicht übersteigen, der Wärmeverlust durch die Haushülle muss den Höchstwert nach Energie-Einsparverordnung (EnEV) um mindestens 30 Prozent unterschreiten.

Wohl durchdacht

Das KfW-40-Haus, wie es Lautners gebaut haben, ist noch besser: mit einem Energiebedarf von höchstens 40 Kilowattstunden pro Quadratmeter Wohnfläche und Jahr und einer Unterschreitung des Wärmeverlusts nach EnEV um mindestens 45 Prozent. Wer ein solches Haus baut, bekommt von der KfW das Geld deutlich billiger geliehen.

Das war auch der Grund für die Lautners, ein solches Haus zu bauen. Ein Berater ihrer Sparkasse hatte sie darauf gebracht: "Wir konnten ein Darlehen der KfW über 50.000 Euro bekommen - zu einem Zinssatz von einem Prozent!", erzählt Jochen Lautner und freut sich immer noch über das Schnäppchen. Rund 35.000 Euro haben alle Energiesparmaßnahmen der Lautners gekostet.

Beim heutigen Stand der Bautechnik ist der KfW-40-Standard keine planerische Meisterleistung mehr, aber immer noch ein anspruchsvolles Vorhaben. Der Planer muss eine ganze Reihe von Faktoren ins richtige Verhältnis zueinander setzen - energiesparendes Bauen ist letztlich nichts anderes als ein Rechenexempel, bei dem drei Fragen zu beantworten sind: Erstens: Wie viel Energie verliert das Haus durch Außenhülle und Lüftung? Zweitens: Wie viel Energie liefert die Sonne? Drittens: Wie groß ist die Differenz zwischen Punkt 1 und Punkt 2 - wie viel Energie muss also eine Heizung zusätzlich liefern?

Das Schöne an dem schicken weißen Würfel von Manuela und Jochen Lautner: Diese Differenz ist erfreulich klein - dank der Luftwärmepumpe, die ihre Energie aus dem Garten in den Keller saugt, der optimalen Wärmedämmung der Außenhaut, großer Fenster nach Südwesten, die automatisch beschattet werden, wenn es drinnen zu warm wird, und einer Lüftungsanlage, die nicht nur die verbrauchte Luft abführt, sondern die darin gebundene Wärme fürs Heizen nutzt.

Das steigert das Wohlbefinden. "Die Luftqualität ist viel besser als in unserer alten Mietwohnung, es wird nie stickig", schwärmt Manuela Lautner, "auch wenn wir morgens aufwachen, ist die Luft immer frisch." Und es senkt die Kosten: "600 Euro haben wir im vergangenen Jahr an die Stadtwerke bezahlt - bei 200 Quadratmeter Wohnfläche", sagt ihr Mann, "eher noch weniger als für unsere vorherige Wohnung, die aber nur halb so groß war."

Bei Claudia und Roger Warg aus Auerbach bei Zwickau ist der Vorher-Nachher-Effekt sogar noch größer: 1700 Euro pro Jahr mussten sie in ihrer 100 Quadratmeter großen Mietwohnung für Heizung und Wasser bezahlen, 1150 Euro sind es jetzt in ihrem Neubau mit 190 Quadratmeter Wohnfläche und einer 20.000 Euro teuren Erdwärmepumpe zum Heizen.

Möglichst gerade Linien

Ihr Haus hat die typische Form vieler energiesparender Neubauten: ein relativ schmaler Baukörper, zweigeschossig mit flach geneigtem Pultdach, der sich mit großen Fensterflächen nach Südwesten öffnet. Die Gründe für die Form liegen in der Bauphysik. Um Energie zu sparen, lautet das Ziel, möglichst viel Wohnfläche in möglichst wenig Außenhülle unterzubringen. Die perfekte Lösung: der Iglu. Die ungünstigste Variante: der Winkelbungalow, wie er jahrzehntelang in deutschen Vorstädten gebaut wurde. Optimal: eben ein Haus, wie es die Wargs in Auerbach auf einen Hang gesetzt haben. Mit doppeltem Gewinn: Durch die 60 Quadratmeter große Fensterfläche nach Südwesten kann nicht nur die Sonne reichlich Energie liefern - der Ausblick ist einfach wunderbar.

Zentrum des Hauses ist der zweigeschossige offene Essbereich, der in Küche und Wohnzimmer übergeht und sich zum Garten öffnet; im ersten Stock gibt es eine kleine Galerie. Im Norden liegen die Funktionsräume, die mit kleinen Fenstern auskommen müssen. Durch Nordfenster geht viel Wärme verloren.

Das Lebensgefühl findet Claudia Warg herrlich: "Ich hab mich so daran gewöhnt, dass es hier im Erdgeschoss durch die große Glasfront schön hell ist. Wenn ich bei Freunden zu Besuch bin, die nicht mit einer so offenen Raumaufteilung wohnen, fühle ich mich manchmal richtig beengt." Sie hat aber auch schon die Ablehnung der alteingesessenen Auerbacher zu spüren bekommen, die sich offenbar nur in ihren traditionellen Häusern mit Satteldach zu Hause fühlen können: "Manchmal höre ich Passanten, die sagen: 'Das sieht ja furchtbar aus.' Dieser moderne Baustil ist eben nicht jedermanns Geschmack."

Sparsam, preiswert und gutaussehend

Auch der Wunsch nach Wärme kann höchst unterschiedlich sein, wie die Bauherren an sich selbst festgestellt haben. Während Roger Warg selbst im Winter barfuß durchs Haus läuft, weil es ihm auf der Fußbodenheizung sonst zu heiß wird, hat Claudia Warg immer mal das Bedürfnis, bei der Temperatur des Badewassers mit einem Tauchsieder nachzuhelfen: Die 45 Grad, auf die ihre Erdwärmepumpe das Wasser erhitzt, sind ihr eigentlich zu kühl.

Beide haben die Verschattung aus Aluminium-Lamellen im Obergeschoss schätzen gelernt: Nur im Winterhalbjahr, wenn die Sonne tief steht, können ihre Strahlen ungehindert ins Haus dringen. Im Sommer werden sie reflektiert. Das schützt vor Überhitzung. Hinrich Reyelts setzt bei seinem Haus das ganze Jahr über auf die Kraft der Sonne, wodurch er jährlich 2900 Liter Heizöl spart. Ehrensache für einen Profi wie Reyelts: Er ist selbst Architekt und lehrt ökologische Bautechnologie an der Hochschule Karlsruhe. Als das Dach seines Bungalows repariert werden musste, entschied er sich für die große Lösung - nämlich die gesamte Hülle des Hauses zu sanieren. Er wollte dabei beweisen, dass ein technisch ambitioniertes Energiekonzept enorme Einsparungen ermöglicht, preiswert zu realisieren ist und auch noch richtig gut aussieht. Der Versuch ist offenbar gelungen, denn Reyelts bekommt für das Bauvorhaben in eigener Sache den Solarpreis 2008 der renommierten Organisation Eurosolar.

Sein Konzept beruht auf drei Elementen. Das erste ist eine Solarfassade. Die alten Eternitplatten, mit denen das Haus verkleidet war, wurden weitgehend durch sogenannte solarthermische Fassadenkollektoren ersetzt: Elemente, die von einem Kühlmittel durchflossen werden, das die Sonnenwärme der Heizung zuführt. Sie liefern dabei nicht nur 60.000 Kilowattstunden Energie pro Jahr, sondern sind auch eine ausgezeichnete Wärmedämmung.

Element Nummer zwei: eine Sole-Wasser- Wärmepumpe. Dafür wurden zwei 98 Meter tiefe Löcher ins Karlsruher Gestein gebohrt. Jetzt können die Sonden der Anlage die Wärme des Grundwassers anzapfen und ganzjährig ausreichend Energie fürs Heizen bereitstellen.

Einsparung: 94 Prozent

Das dritte Element ist eine Photovoltaikanlage. Auf dem sanierten, aufwendig gedämmten Dach sind Kollektoren aufgestellt, die Sonnenstrahlen in Strom umwandeln - und zwar genug, um den Strombedarf der Wärmepumpe zu decken. Die Kosten aller Maßnahmen: 60.000 Euro. Die Energieeinsparung: beeindruckende 94 Prozent. Steigen die Energiepreise jährlich um fünf Prozent, hat sich die Sanierung nach knapp elf Jahren bezahlt gemacht, steigen sie im Tempo der vergangenen Jahre, geht es deutlich schneller.

Auf die Gratis-Energie der Sonne, rät der akribisch rechnende Architekt, solle man auf keinen Fall verzichten. Einzige Bedingung: Die Technik, sie vom Himmel zu holen, muss gut aussehen. "Beides auf dem Dach, Solarthermie und Photovoltaik, wäre wenig effizient gewesen und hätte gestalterisch nicht überzeugt", sagt Hinrich Reyelts. Die Module begreift er als Bauteile, mit denen sich ein Haus hervorragend rundum dämmen oder ein ganzes Dach eindecken lässt. Klimaschutz rechnet sich also auch für Privatleute: Der Bungalow des Karlsruher Architekten beweist es eindrucksvoll. Klimaschutz kann aber auch optisch glänzen. Mit seiner schimmernden, je nach Sonnenstand changierenden Fassade ist aus dem Altbau-Klassiker ein fast futuristischer Bau geworden. "Wir brauchen nicht nur eine Baukultur", fordert Hinrich Reyelts, "wir brauchen auch eine Energiekultur."

Mitarbeit: Ingrid Lorbach, Kirstin Ruge, Patrick Steller / print