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Bauhaus pur: Verborgener Schatz

Wer für Bauhaus-Architektur schwärmt, sollte Brünn kennen lernen. In der tschechischen Stadt stehen mehr als 100 Originale der Klassischen Moderne. Hinfahren und staunen.

Diese Villa ist eine Sensation. Mitten im Wohnzimmer steht eine Wand aus dem Halbedelstein Onyx. Das runde Esszimmer ist getäfelt mit wild gemustertem Makassarholz. Statt Trennwänden gibt es Vorhänge. Die frei im Raum stehenden Stützen umhüllt glitzerndes Chrom. 24 laufende Meter Fenster holen die Natur ins Haus, sodass innen und außen ineinander fließen.

Haus Tugendhat wurde von 1928 bis 1930 erbaut vom Architekten Ludwig Mies van der Rohe, einem der Direktoren des Bauhauses - und noch heute ist es der Inbegriff der Moderne. Seit es 2001 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt wurde, pilgern immer mehr Architekturfans nach Brünn in Tschechien und wandeln mit glühenden Augen durch das Haus.

Wer Glück hat, bekommt eine Führung von Iveta ¸erná. Sie ist die Königin der Villa, strenge Hüterin und lustvolle Erzählerin zugleich. Über viele Jahre kämpfte die Architektin und Museumsfrau für das Haus. Ohne sie würde es längst vor sich hin bröckeln. Die Königin ist blond und braun gebrannt, trägt ein pinkfarbenes Flatterkleid, Sonnenbrille im Haar und Kreolen im Ohr. "Magisch" sei die Villa, sagt Iveta ¸erná, "ein technisches Wunderwerk" und ein Naturerlebnis zugleich. "Sie sollten mal abends kommen, wenn die Sonne untergeht. Da glüht die Onyxwand in Rot und Orange." Und erst die Klimaanlage. Die Luft wurde über Wasser und Steine geführt, gereinigt, gefiltert, parfümiert: "Einmalig in Europa."

"Nun zeige ich Ihnen das Zauberfenster", sagt sie und drückt auf einen Knopf. Langsam fährt die Scheibe nach unten, bis wir das Gefühl haben, über dem Garten in den Bäumen zu schweben. "Die elektrische Hebeanlage kostete so viel wie zehn Häuser. Insgesamt war die Villa Tugendhat hundertmal so teuer wie ein durchschnittliches Wohnhaus." Und hundertmal so umstritten. In der offenen Wohnlandschaft werde "persönliches Leben erdrückt", glaubten die Zeitgenossen. Die Familie sei zum "Ausstellungswohnen" gezwungen, vermutete man. Fritz und Grete Tugendhat konnten über solche Spekulationen nur lachen. Sie liebten ihr Haus.

Die jüdischen Textilfabrikanten waren ideale Bauherren: reich, intelligent, experimentierfreudig. Für ihren 1250 Quadratmeter großen Neubau am Hang hatten sie sich den damals angesagtesten Architekten der Welt ausgesucht. Ludwig Mies van der Rohe wusste, dass er hier aus dem Vollen schöpfen konnte. Er kaufte nur edelste Materialien an der Börse von Paris.

Die Tugendhats und ihre Kinder konnten das Haus nur acht Jahre lang genießen. 1938 flohen sie nach Venezuela. Im Krieg fiel russische Kavallerie ein und verwüstete die edlen Räume. "Überall waren Pferde", sagt ¸erná, "wenn die Soldaten sich Gulasch kochen wollten, verheizten sie die Ebenholzmöbel." Die Tugendhats versuchten nie mehr, ihr Haus zurückzubekommen. Zu schmerzhaft ist auch heute noch die Erinnerung an die Vertreibung.

Knapp hundert Bauten der Klassischen Moderne gibt es in Brünn. Nicht alle sind so außergewöhnlich wie die Villa Tugendhat, aber viele sehenswert.

Warum entstanden sie ausgerechnet hier? Das hat einen einfachen Grund: 1918 wurde die Tschechoslowakische Republik gegründet. Brünn, bis dahin nicht viel mehr als "die Vorstadt Wiens", wollte Hauptstadt werden, junge Architekten aus Wien und Prag sahen ihre Chance und kamen in Scharen. Sie durften Kirchen, Schulen und Wohnungen bauen, eine Post, ein Schwimmbad und ein Messegelände mit 69 Pavillons. Alles im Stil des Funktionalismus, alles innerhalb von gut zehn Jahren.

Leider kann Brünn heute mit seinen Schätzen nicht recht umgehen. Der Bauhaus-Boom ist hier noch nicht angekommen. Während deutsche Werber und Modefotografen ihre Objekte der Begierde gern vor einem schicken, funktionalistischen Haus zeigen, und jeder, der was auf sich hält, Möbel-Nachbauten von Mies van der Rohe oder Walter Gropius besitzt, dämmern hier die Schätze vor sich hin.

Dabei ist das Café Zeman gleich um die Ecke: ein schlichter, weißer Bau mit rostroten Fensterrahmen und schöner Sonnenterrasse. Zwar wurde es 1964 abgerissen, aber seit 1995 gibt es "eine treue Replik", wie die Barfrau stolz erzählt: Schiebefenster, Kugellampen, Thonetstühle, Vorhänge - alles wie in den Zwanzigern.

Das kuriose, nur 8,34 Meter breite Hotel Avion steht noch im Original von 1928 in der Fußgängerzone. Leider ist das Gebäude von Bohuslav Fuchs, einem der wichtigsten Brünner Architekten, sehr heruntergekommen: Risse, Wasserschäden, Flecken im Putz. Immer wieder passiert es, dass Hotelgäste die Badewanne überlaufen lassen, erzählt Mahmoud Ababneh aus Jordanien. Im dritten Stock hat er eine orientalische Teestube eingerichtet. Aber es läuft nicht so recht, trotz der bunten Teppiche und künstlichen Kokospalmen. "Wenn ich nicht da bin, schläft mein Personal in den Polstern", klagt Ababneh.

Auch im Postamt mit seinen todschicken, grau-gelb-weißen Mosaiksteinchen im Treppenhaus schlurfen lustlose Schalterbeamte umher. Sie wissen nicht, dass sie hier einen Schatz hüten, der jeden westlichen Designer zum Schwärmen bringen würde.

Wer sich am Schluss noch mal klar machen will, wie modern und mutig Grete und Fritz Tugendhat waren, sollte sich Haus Stiassny ansehen. 1927, fast zeitgleich mit Mies van der Rohes Avantgarde-Bau, wurde es ebenfalls für einen Brünner Textilfabrikanten gebaut: edel, konventionell und ein wenig protzig. Heute kann man sich für 3700 Kronen (zirka 130 Euro) in der Präsidentensuite einmieten. Eine monströse dunkle Holztreppe führt nach oben. Fette, sandfarbene Sessel, ein Ankleidezimmer aus Zirbelahorn, ein Prunkbett auf goldenen Löwenfüßen.

Ein schönes Vergnügen - für eine Nacht.

Anja Lösel / print