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Wohnungsmarkt: Traumwohnung gesucht: Vom völligen Wahnsinn bei Massenbesichtigungen

Wenn es um Dielenboden, Balkon und Badewanne geht, rasten selbst die zivilisiertesten Wohnungssuchenden in der Großstadt aus. Und lassen sich auf absurde Rituale ein, um irgendwie aus der Masse an konkurrierenden Bewerbern herauszustechen.

Ein Paar plant die Einrichtung einer neu bezogenen, leeren Wohnung

Schrödingers Traumwohnung: Hier könnten wir einziehen – aber vermutlich nicht.

Picture Alliance

"Oh nein, die bestimmt!" Ich packe meinen Mann am Arm und wir schielen zu einem Paar auf der anderen Straßenseite hinüber, die gerade in einem Hauseingang verschwinden. Dem Hauseingang, auf den auch wir es abgesehen haben, denn dort ist heute von drei bis halb fünf öffentliche Wohnungsbesichtigung. Natürlich kommen alle schon um drei. Es ist Hamburg, es ist eine sehr gute Lage, es ist eine wunderschöne Dreizimmerwohnung. Unsere einzige Hoffnung ist eigentlich, dass all diese Attribute jedem klar denkenden Menschen schon beim Lesen der Anzeige im Internet jegliche Hoffnung rauben müssten, hier jemals einziehen zu können. Vielleicht machen sich viele Interessenten deshalb nicht mal die Mühe, an diesem Samstagnachmittag herzukommen.

Viele machen sich gar nicht erst die Mühe

Ich bin direkt überraschend hassig gegenüber dem mir völlig unbekannten Paar auf der anderen Straßenseite. Sie sehen nett aber langweilig aus. Sehr normal. Nichts an ihnen würde mich im echten Leben stören. Aber ab dem ersten Blickkontakt in dieser hübschen kleinen Straße befinden wir uns im Krieg. Im Krieg um drei Zimmer, Dielenboden und ein Wannenbad. Ich atme kräftig durch, wir spazieren bockig noch einmal die Straße hoch und runter, um nicht direkt nach dem anderen Paar in der Wohnung aufzuschlagen. Aber dann ist es doch soweit – wir treten ein.

Schon der Flur ist schön. Altbau, gepflegt. Wir schieben uns durch die Wohnungstür. Die 70 Quadratmeter sind voll. Voller Menschen. Voller Paare um die 30, praktisch wir in 80 verschiedenen Inkarnationen. Ein Paar hat ein niedliches Baby dabei. Schweine. Was für ein unfaires Mittel.

Ich muss an meine erste Massenbesichtigung in Hamburg denken. Die noch viel, viel absurder war. Damals war ich Mitte 20 und suchte nur ein Zimmer, möglichst günstig. Eine Wohnung lag zentral in Altona, nicht allzu weit von meiner neuen Arbeitsstelle. Voller Hoffnung und Naivität ging ich hin. Um mich direkt unten auf der Straße in eine endlose Schlange einzureihen. Die zog sich im Haus über die Treppe ganze zwei Stockwerke hoch. Man unterhielt sich knapp, betont freundlich, checkte sich abschätzig mit kühlen Blicken ab. Auf Einzimmerwohnungen bewerben sich die absurd verschiedensten Menschen. Jeder kann nur vermuten, welche Art Mieter sich der Besitzer wohl am ehesten wünscht.

In Hamburg wird man jedes Loch los

In Zweiergruppen lotst uns die abgeklärte Maklerin dann durch das Apartment. Ich und ein junges, verliebtes Paar schauen uns um. Um es klar zu sagen: Die Wohnung ist ein Loch. Der Boden ist uneben, die Tapete löst sich von den Wänden, das Linoleum wellt sich und es gibt keine Dusche, nur die entsprechenden Anschlüsse. Es riecht komisch. Aber – die Lage ist gut. Ich habe eh keine Ansprüche und bin mir sicher, es schon irgendwie nett herrichten zu können. Obwohl der saftige Mietpreis etwas lächerlich wirkt. Aber dann wieder nicht lächerlich – siehe die Schlange an Interessenten im Treppenhaus. In Hamburg wird man jedes Loch los, für gutes Geld. In München, Stuttgart und Berlin vermutlich auch.

Das Paar, das mit mir einen Blick ins halbfertige Bad, das traurige Wohn/Schlafzimmer und die schäbige Mini-Küche wirft, hat offenbar Erfahrung. "Wunderschön", juchzen sie. "So viel Potenzial!", "Da würde unser Schrank perfekt hinpassen!" Sie bedanken sich überschwänglich bei der Maklerin, die ihr Lob wie selbstverständlich annimmt. Wer wohnen will, muss freundlich sein. Und lügen und schleimen und buckeln. Offenbar. In diesem Moment ist es mir dann wirklich zu blöd. Ich verabschiede mich sachlich und gehe. Ich fülle nicht mal den Bewerberzettel aus, der im Flur ausliegt. Ich brauche verdammtnochmal dringend eine Wohnung, muss zwei Wochen später aus meiner Zwischenmiet-WG raus, aber diesen Scheiß muss ich mir nicht geben!

Nach mir betritt unter anderem eine kleine Omi die Wohnung. "Ich will die Wohnung für meine Enkelin mieten, sie studiert gerade noch in Dresden", erklärt sie der Maklerin. Das ist auf so vielen Ebenen falsch, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. 

Vorspulen, sieben Jahre später. Mein Mann und ich haben aktuell eine schöne Wohnung. Wir haben also keinen Druck. Allerdings wäre nach fünf Jahren in zwei Zimmern ein bisschen mehr Platz schön, und dieser Dielenboden, den ich schon immer wollte. Und ein Balkon. Finden natürlich auch alle anderen Bewerber gut. Die Menschenmasse ist viel, viel homogener als damals. Auch zivilisierter. Wir lächeln uns an, machen uns Platz, wenn sich jemand durch die Küche zum Balkon drängelt, reichen uns beim Ausfüllen der Bewerberliste freundlich den Kuli weiter. 

 

Oberflächlich freundlich, unterschwellig Hass

Aber der innerliche Zorn ist hier noch viel größer als damals in Altona. Denn hier geht es nicht darum, einfach ein Obdach zu finden, sondern um eine echte kleine Traumwohnung zu einem okayen Preis. Und wir alle dürften so ziemlich die exakt gleichen Qualitäten mitbringen – alles gesettlete Paare mit festen Jobs. Wie soll man da den Vermieter überzeugen? Er kann eigentlich nur würfeln.

"Zieh dir mal einen seriösen Pullover über", hatte ich meinem T-Shirt tragenden Mann noch gesagt, bevor wir losgegangen waren. Das war völlig vergebens. Der Vermieter lebt nicht in Hamburg und war bei der Besichtigung gar nicht vor Ort. Eine Nachbarin aus dem Haus steht etwas verlegen im Wohnungsflur und schleust uns durch die Zimmer. "Schön, oder?" Ich erkenne genau, dass auch alle anderen Bewerber etwas enttäuscht darüber sind. Wäre der Entscheider da gewesen, hätte man sich irgendwie in Erinnerung bringen können. Mit Komplimenten, Freundlichkeit, ordentlichem Aussehen. So fragt man sich ein bisschen, warum wir überhaupt hier sind. Die Wohnung sieht genau so aus wie auf den Fotos im Internet. Dass wir gern hier wohnen würden, wussten wir eigentlich schon, als wir die Anzeige gelesen hatten. Und so gucken wir einmal kurz sehnsüchtig in jeden Zimmer, wechseln ein paar Worte mit der überforderten Nachbarin und tragen uns in die Liste ein.

Die Evolution der Bewerberliste war ganz amüsant. Die ersten paar Menschen hatten einfach nur ihre Namen, Telefonnummern und E-Mail-Adressen aufgeschrieben. Dann schrieb ein Paar "Wir könnten sofort einziehen!" dazu, was sofort alle folgenden Bewerber übernahmen. Jemand schrieb Altersangaben dazu, was fortan auch alle anderen machten und natürlich kamen dann auch die Berufe. Ein Paar arbeitete im Kindergarten. Schweine. Warum nicht gleich Ärzte ohne Grenzen? Ich überlege kurz, einen 100-Euro-Schein unter unsere kugelschreibergeschriebenen Infos zu kleben. Aber ich habe natürlich keinen. So bemühe ich mich nur um souverän aussehende Schönschrift. Während ich schreibe, haut mich das süße Baby, das sich im Arm seines Vaters windet, mit der Patschehand auf den Rücken. Versehen my ass. Ich drehe mich um und lächle entzückt. Das kleine Ding ist doch voll im Game und weiß, worum es hier geht. Wir hätten auch Verstärkung mitbringen sollen. Einen Korb traurige Babykatzen, oder so. Wobei Haustiere vielleicht gar nicht so gut wären.

Das hinterlistige Baby ist voll im Game

Tja, und dann gehen wir wieder. In meinem Kopf suche ich schon Balkonmöbel aus. Ich weiß, dass ich das lassen sollte. "Melden Sie sich dann morgen einfach bei Herrn X", sagt die Nachbarin mit dem Wohnungsschlüssel. Wir schicken ihm schon abends eine Mail und hängen direkt eine vollständig ausgefüllte Selbstauskunft an. Später frage ich mich wütend, ob das nicht völlig blöd war, denn wenn er erst am Montag, zwei Tage später, in seine Mails schauen würde, wäre unsere Nachricht irgendwo gaaaaaaanz unten im Postfach. Aber wer weiß das schon. Sich um eine Wohnung bewerben, das ist wie mit verbundenen Augen auf eine Piñata einschlagen – nur dass einen die lachenden Freunde nicht direkt vor dem Ding platzieren, sondern einen blind am Anfang des Waldes aussetzen, in dem irgendwo an einem von tausend Bäumen an einem Ast das Objekt der Begierde angebracht ist. 

Ich aktualisiere jetzt seit zwei Tagen stündlich mein E-Mail-Postfach und versuche, nicht mehr über Balkonmöbel nachzudenken. Ich habe noch nichts gehört, die Hoffnungen sind gering. Ihr könnt ja mal die Daumen drücken - also, wenn ihr nicht zufällig auf die gleiche Wohnung hofft.

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wt